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23.01.2011

09:00 Uhr

Arbeitsmarkt

Kleine Völkerwanderung aus dem Osten

VonChristian Schlesiger, Henryk Hielscher, Anke Henrich, Harald Schumacher
Quelle:WirtschaftsWoche Online

Vom 1. Mai 2011 an können Arbeitskräfte und Unternehmen aus acht östlichen EU-Ländern frei in Deutschland agieren. Ob das deutsche Unternehmen bedroht oder ihnen Chancen eröffnet, hängt von der Branche ab - und vor allem davon, ob es für diese Mindestlöhne gibt.

Security-Personal: Ohne Mindestlohn könnten von Mai an osteuropäische Wachdienste in Deutschland für zwei Euro die Stunde ihr Personal beschäftigen. ap

Security-Personal: Ohne Mindestlohn könnten von Mai an osteuropäische Wachdienste in Deutschland für zwei Euro die Stunde ihr Personal beschäftigen.

Ulrich Marseille kann den 1. Mai 2011 kaum erwarten: "Wir stehen schon in Kontakt mit den Landesregierungen in Ostpolen, um Personal zu finden und Deutschkurse zu organisieren." In Estland, Lettland und Tschechien hat der Gründer der Marseille-Kliniken und Herr über 61 Pflege- und Wohnanlagen Kontakte geknüpft, um sich Fachkräfte zu sichern.

Ulrich Kolodzey aus dem bayrischen Neutraubling blickt mit Sorge auf den 1. Mai 2011: "Wenn osteuropäische Zeitarbeitnehmer in Deutschland unter den gültigen Tarifen beschäftigt werden, sind Wettbewerbsverzerrungen unvermeidbar", fürchtet der Chef des Zeitarbeitsunternehmens Nextime. "Besonders bei einfachen Tätigkeiten wird es einen starken Preisdruck geben und werden Aufträge in erheblichem Umfang wegfallen."

In fünf Monaten gilt für Arbeitnehmer aus acht 2004 beigetretenen EU-Ländern - Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn - EU-weit die Arbeitnehmer-Freizügigkeit und für ihre Unternehmen die Dienstleistungsfreiheit. Gut 100 000 wanderungswillige Osteuropäer erwartet Joachim Möller, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, im ersten Jahr bis Mai 2012 in Deutschland. Ob das deutsche Unternehmen bedroht oder ihnen Chancen eröffnet, hängt von der Branche ab - vor allem davon, ob es für diese Mindestlöhne gibt, die unliebsame Konkurrenz aus dem Ausland fernhalten.

dumpinglöhne befürchtet Zeitarbeitsunternehmer Kolodzey etwa betont die Risiken, weil seine Branche keinen Mindestlohn hat. So könnten polnische Wettbewerber - oder polnische Ableger deutscher Firmen - in Deutschland zu Dumpinglöhnen anbieten.

Über Mindestlöhne verhandelte gerade der Vermittlungsausschuss des Bundestages. Die SPD fordert von der Regierung für ein Entgegenkommen im Streit um die Hartz-IV-Sätze die Einführung eines allgemeinen Mindestlohns. Die Sozialdemokraten wissen Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, mehrere Industrieverbände und den Deutschen Gewerkschaftsbund hinter sich.

Die unheilige Allianz verschweigt jedoch gern, dass sie vor allem Wettbewerber aus ihren Reihen fürchten, die nicht verbandsgebunden sind. Würden diese in Osteuropa Niederlassungen gründen und mit Billigkräften von dort hier angreifen, ginge es so manch etabliertem Anbieter ans Geschäft.

Kommentare (12)

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norbert

23.01.2011, 11:29 Uhr

Wir wollen alles möglichst billig einkaufen. Wenn eine Ware billig ist, kommt sie aus China oder aus sonstigen billigländern.

Wenn wir also "billig" einkaufen wollen, dann müssen wir akzeptieren, daß der chinesische (oder sonstige) Arbeiter den Job hat und nicht der hiesige Arbeitnehmer.

Morchel

23.01.2011, 11:49 Uhr

@ Meinen Dank an Uwe. Norbert du solltes bitte nach den Ursachen billig einkaufen suchen. Andere Möglichkeiten hat so ein Ausgeplündeter Malocher wohl kaum. bevor er entsorgt wird so ab 50. steigen da die Changsen rapide.

Billigwahn in Germany

23.01.2011, 13:32 Uhr

ich hab eine Frage zu diesem Artikel: im Artikel steht, dass unter anderem deutsche Krankenschwestern z.b. nach Dänemark abwandern, weil es dort höhere Löhne gibt. Selbes konstatiert der Artikel auch für andere Kräfte, die lieber in andere Länder gehen anstatt nach Deutschland wegen dort besseren Arbeitsbedingungen.

jetzt kommt die 100 000 EUR - Frage: aus welchen Gründen sinken denn in den anderen Ländern nicht die Löhne, obwohl deutsche und osteuropäische Fachkräfte in diese Ländern einwandern wie die Fliegen?

wieso ist es nur in Deutschland ein Problem, dass die Löhne zu verfallen drohen? Könnte es daran liegen, dass anderswo einfach alle Tarifverträge allgemeinverbindlich sind und das im ganzen Land verbindlich ist für jede branche.

Was gedenkt die hiesige Politik um einen weiteren Lohnverfall zu verhindern. Oder wird das etwa nur in Deutschland von der Politik begrüßt und als positiv betrachtet?

wieso ist ein negativer Europäisierungseffekt vor allem nur in DE ein Problem, während man anderswo in Westeuropa das Lohnniveau auf einem vernünftigen Niveau hält. Deutsche wandern ins Ausland, weil es im deutschen Arbeitsmarkt nicht genug gut bezahlte Stellen gibt --- wie sollen denn andere Arbeitskräfte hier derartiges finden? Oder wollen Arbeitgeber hier nur einfach nicht vernünftig zahlen?

Fragen über Fragen.... vielleicht ist die Politik in DE einfach nur korrupter als anderswo und agiert noch mehr gegen die eigenen bürger als man es sich anderswo je zutrauen würde. Vielleicht ist es ein Mentalitätsproblem in diesem Land.

wenn ich polnischer Arbeitnehmer wäre würd ich auch ganz sicher nicht nach Deutschland gehen, wer gut informiert ist geht da hin, wo das Lohnniveau eben anständig ist und wo es wirklich genug Arbeitsplätze gibt. Nicht umsonst wandern viele Deutsche aus... die sind dort, wo besser verdient wird und wo man nicht als billigjobber missbraucht wird - in Schweiz, Australien, Skandinavien.... vielleicht wird man irgendwann überall die Löhne anheben müssen, damit überhaupt noch einer hierbleibt oder kommt.


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