Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

31.05.2017

12:19 Uhr

Arbeitsmarkt

Nichts hält das Jobwunder auf

VonFrank Specht

Die Zahl der Arbeitslosen ist erstmals seit 1991 wieder unter 2,5 Millionen gefallen. Was heißt das für Flüchtlinge, offene Stellen und den Fachkräftemangel?

Mai-Daten

Arbeitslosenzahl erstmals seit 1991 unter 2,5 Millionen

Mai-Daten: Arbeitslosenzahl erstmals seit 1991 unter 2,5 Millionen

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

BerlinDas deutsche Jobwunder hält im Frühjahr an. „Bei guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen entwickelt sich auch der Arbeitsmarkt weiter günstig“, fasste der neue Chef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, die jüngsten Daten zusammen. „Wir dürfen uns heute über Rekordzahlen freuen“, sagte Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD). „Erstmalig seit 1991 sind wieder weniger als 2,5 Millionen Menschen arbeitslos in Deutschland.“

Gegenüber dem Vormonat ist die Zahl der Arbeitslosen im Mai um 71.000 gesunken. Gegenüber dem Vorjahresmonat ist sogar ein Rückgang um 166.000 zu verzeichnen. Die Beschäftigung zieht weiter an: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren im April 43,98 Millionen Personen erwerbstätig, 652.000 mehr als im Vorjahr. Das Handelsblatt beantwortet fünf wichtige Fragen zum Jobboom.

Wo in Deutschland hat sich der Arbeitsmarkt besonders gut entwickelt?

Auf ihrer Deutschlandkarte färbt die Bundesagentur für Arbeit die Regionen mit der geringsten Arbeitslosigkeit in einem blassen Blaugrau. Fast der gesamte Süden der Republik trägt diese Farbe. In Bayern und Baden-Württemberg liegen die Arbeitslosenquoten mittlerweile fast flächendeckend bei unter 3,9 Prozent. Zum Vergleich: Die bundesweite Arbeitslosenquote beträgt im Mai 5,6 Prozent.

Die Arbeitslosendaten für Mai 2017

Arbeitslosigkeit

Die Zahl der arbeitslosen Menschen hat von April auf Mai um 71.000 auf 2.498.000 abgenommen. Saisonbereinigt ergibt sich ein Rückgang von 9000 im Vergleich zum Vormonat. Gegenüber dem Vorjahr waren 166.000 weniger Menschen arbeitslos gemeldet. Die Unterbeschäftigung, die auch Personen in entlastenden arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen und in kurzfristiger Arbeitsunfähigkeit mitzählt, hat sich saisonbereinigt um 13.000 verringert.

Unterbeschäftigung

Insgesamt belief sich die Arbeitslosigkeit im Mai 2017 auf 3.526.000 Personen. Das waren 24.000 weniger als vor einem Jahr. Damit ist die Unterbeschäftigung im Vorjahresvergleich weniger stark gesunken als die Arbeitslosigkeit. Das liegt daran, dass die Entlastung durch Arbeitsmarktpolitik insbesondere für geflüchtete Menschen gegenüber dem Vorjahr ausgeweitet wurde. Die nach dem ILO-Erwerbskonzept vom Statistischen Bundesamt ermittelte Erwerbslosigkeit belief sich im April auf 1,78 Millionen und die Erwerbslosenquote auf 4,2 Prozent.

Erwerbstätigkeit

Die Erwerbstätigkeit hat im Vergleich zum Vorjahr weiter kräftig zugenommen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl der Erwerbstätigen (nach dem Inlandskonzept) im April saisonbereinigt gegenüber dem Vormonat um 31.000 gestiegen. Mit 43,98 Millionen Personen fiel sie im Vergleich zum Vorjahr um 652.000 höher aus.

Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte

Der Anstieg der Zahl der Erwerbstätigen geht vor allem auf mehr sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zurück. Diese hat nach der Hochrechnung der BA von Februar auf März saisonbereinigt um 48.000 zugenommen. Insgesamt waren im März nach hochgerechneten Angaben 31,93 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, 734.000 mehr als ein Jahr zuvor.

Arbeitskräftenachfrage

Die Nachfrage nach Arbeitskräften bewegt sich weiter auf sehr hohem Niveau. Im Mai waren 714.000 Arbeitsstellen bei der BA gemeldet, 60.000 mehr als vor einem Jahr. Saisonbereinigt hat sich die Nachfrage gegenüber dem Vormonat um 5.000 erhöht. Der Stellenindex der Bundesagentur für Arbeit (BA-X) – ein Indikator für die Nachfrage nach Arbeitskräften in Deutschland – blieb im Mai 2017 unverändert bei 231 Punkten. Im Vorjahresvergleich fällt der Abstand mit einem Plus von 15 Punkten weiterhin sehr deutlich aus.

Geldleistungen

Insgesamt 699.000 Personen erhielten im Mai 2017 Arbeitslosengeld, 53.000 weniger als vor einem Jahr. Die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten in der Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II) lag im Mai bei 4.418.000. Gegenüber Mai 2016 war dies ein Anstieg von 97.000 Personen. 8,1 Prozent der in Deutschland lebenden Personen im erwerbsfähigen Alter waren damit hilfebedürftig.

Ausbildungsmarkt

Die Situation am Ausbildungsmarkt zeigt sich im Beratungsjahr 2016/17 stabil. Von Oktober 2016 bis Mai 2017 meldeten sich bei den Agenturen für Arbeit und den Jobcentern 467.000 Bewerber für eine Ausbildungsstelle. Das waren 3.000 mehr als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig waren 480.000 Ausbildungsstellen gemeldet, 2.000 mehr als vor einem Jahr.

„Bayern hat Vollbeschäftigung“, freute sich die bayerische Arbeitsministerin Emilia Müller. In 62 der Landkreise und kreisfreien Städte liegt die Quote sogar bei unter drei Prozent. Am höchsten ist die Arbeitslosigkeit im Bundesländervergleich in Bremen (10,2 Prozent), Berlin (8,9 Prozent) sowie Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt (jeweils 8,2 Prozent).  

Es gibt immer noch knapp 2,5 Millionen Arbeitslose. Warum gelingt es nicht, die vielen offenen Stellen zu besetzen?

Die Arbeitslosigkeit ist zwar weiter gesunken, aber es sind immer noch knapp 2,5 Millionen Menschen auf der Suche nach einem Job. Auf der anderen Seite wächst die Zahl der offenen Stellen von Monat zu Monat. Bei der Bundesagentur für Arbeit waren im Mai 714.000 Arbeitsstellen gemeldet – 60.000 mehr als vor einem Jahr. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), das in einer Unternehmensumfrage auch nicht bei der BA gemeldete Stellen ermittelt, geht aktuell sogar von 1,064 Millionen Jobs im Angebot aus. Und die Unternehmen klagen über zunehmende Schwierigkeiten, geeignete Bewerber zu finden. Ließe sich da nicht mehr aus dem Reservoir der Arbeitslosen schöpfen?

Fachkräfte verzweifelt gesucht: Die Stunde der Arbeitnehmer

Fachkräfte verzweifelt gesucht

Premium Die Stunde der Arbeitnehmer

Vom Fachanwalt bis zum Friseur: Wer etwas kann, hatte noch nie so gute Chancen am Arbeitsmarkt. Firmen suchen verzweifelt Personal. Doch gleichzeitig gibt es fast eine Million Langzeitarbeitslose. Wie passt das zusammen?

Ganz so einfach ist es leider nicht, weil es ein doppeltes „Passproblem“ gibt. Oft passt die Qualifikation schlicht nicht zum Stellenprofil, nicht jeder Biochemiker taugt etwa als Ingenieur. Und oft sind die Arbeitslosen schlicht nicht da, wo es Arbeitsplätze gibt, weil sie etwa in strukturschwachen Gegenden wohnen, aber ein Umzug etwa aus familiären Gründen nicht in Frage kommt. Das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hatte jüngst ermittelt, dass sich etwa jede achte offene Fachkräftestelle, für die sich kein lokaler Bewerber findet, besetzen ließe, wenn alle Arbeitslosen uneingeschränkt räumlich mobil wären.

Die Gewerkschaften beklagen allerdings, dass der Fachkräftemangel teils hausgemacht ist, weil Beschäftigte trotz Ausbildung im Niedriglohnsektor hängen bleiben oder nur einen Teilzeitjob finden. „Wir brauchen wieder mehr Aufwärtsmobilität am Arbeitsmarkt“, fordert Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). „Hier sind in erster Linie die Unternehmen gefordert. Sie müssen mehr ausbilden und in die Weiterbildung der Beschäftigten investieren.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×