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02.01.2015

13:32 Uhr

Arbeitsmarkt vor Herausforderung

Deutschland gehen Millionen Fachkräfte verloren

In den nächsten 15 Jahren werden Millionen ältere Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Ein „Albtraum“ für Mittelstandspräsident Ohoven. Der Wirtschaftsminister sieht allerdings noch Fachkräftepotenziale.

Gerhard Meyer baut Spulen in den Stator eines Windkraft-Generators ein. Deutschland hat bereits einen Fachkräftemangel, der sich in den nächsten Jahren noch verschärfen wird. ap

Gerhard Meyer baut Spulen in den Stator eines Windkraft-Generators ein. Deutschland hat bereits einen Fachkräftemangel, der sich in den nächsten Jahren noch verschärfen wird.

BerlinDeutschlands Wirtschaft muss zur Sicherung ihrer Schlagkraft einen Ausgleich für einen beispiellosen Aderlass an Fachkräften in den nächsten Jahren finden. Allein in sogenannten „Engpassberufen“ gingen in den nächsten 15 Jahren rund 2,1 Millionen ältere Fachkräfte in den Ruhestand, warnte das Bundeswirtschaftsministerium am Freitag. Es berief sich dabei auf eine Studie des von ihm geförderten Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA). Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel forderte angesichts dessen, die Potenziale unter älteren Arbeitnehmern, Frauen, An- und Ungelernten und behinderten Menschen besser auszuschöpfen. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, plädierte für zusätzliche Anreize, damit Menschen freiwillig bis 70 arbeiten können.

Der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven, hatte zur Jahreswende den Fachkräftemangel als „Albtraum für den Mittelstand“ bezeichnet. Nach einer Unternehmer-Umfrage seines Verbandes haben inzwischen 52 Prozent der kleinen und mittleren Firmen Probleme bei der Besetzung von offenen Stellen.

Wer nicht vom Mindestlohn profitiert

Seit wann gilt der Mindestlohn und wer profitiert davon?

Der flächendeckende gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro gilt seit dem 1. Januar 2015 Kraft und gilt grundsätzlich für alle Branchen und Regionen - in Ost und West gleichermaßen. Sind in einzelnen Branchen aber Vereinbarungen getroffen worden, die unterhalb der 8,50 Euro liegen, können diese noch bis Ende 2016 fortbestehen.

Jugendliche

Ausgenommen vom Mindestlohn werden unter 18-Jährige. Durch die Altersgrenze soll vermieden werden, dass sich junge Leute einen Job suchen anstatt eine - in der Regel schlechter bezahlte - Ausbildung zu absolvieren.

Langzeitarbeitslose

Wer nach mindestens zwölfmonatiger Arbeitslosigkeit einen neuen Job bekommt, hat in den ersten sechs Monaten keinen Anspruch auf den Mindestlohn. Damit soll der Anreiz für Arbeitgeber erhöht werden, Erwerbslose einzustellen. Die Bundesregierung will aber überprüfen, ob diese Ausnahme die Beschäftigungschancen von Langzeitarbeitslosen tatsächlich erhöht.

Ehrenamtliche und Praktikanten

Nicht gelten soll der Mindestlohn auch für ehrenamtlich Tätige sowie Praktikanten, die im Rahmen einer Aus- oder Weiterbildung ein Pflichtpraktikum absolvieren. Auch wer ein freiwilliges Praktikum zur beruflichen Orientierung macht, das nicht länger als drei Monate dauert, hat keinen Anspruch auf Mindestlohn.

Zeitungsausträger und Saisonarbeiter

Bei den Saisonarbeitern in der Landwirtschaft sollen die Arbeitgeber die Kosten für Unterkunft und Verpflegung von Saisonarbeitern auf den Mindestlohn anrechnen können. Zudem soll die Grenze für eine sozialabgabenfreie Beschäftigung von 50 auf 70 Tage angehoben werden. Für Zeitungsausträger soll es eine dreijährige Übergangszeit geben: 2015 darf der Mindestlohn um 25 Prozent unterschritten werden, 2016 noch um 15 Prozent. 2017 soll dann der Mindestlohn von 8,50 Euro gelten - auch wenn dann in den anderen Branchen bereits ein höherer Betrag gelten sollte.

Wer kontrolliert die Einhaltung des Mindestlohns?

Der Zoll und andere Behörden können in den Unternehmen kontrollieren, ob tatsächlich der Mindestlohn gezahlt wird. Die Behörden dürfen dafür auch Arbeitsverträge oder Geschäftsunterlagen einsehen. Dafür soll das Personal der Zollverwaltung aufgestockt werden, Berichten zufolge um 1600 Mitarbeiter. Arbeitgebern, die gegen das Mindestlohngesetz verstoßen, droht ein Bußgeld.

Wann könnte der Mindestlohn steigen?

Über die künftige Höhe soll eine Kommission entscheiden, der neben dem Vorsitzenden sechs weitere stimmberechtigte Mitglieder angehören - je drei von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Das Gremium soll bis Mitte 2016 über eine etwaige Erhöhung zum 1. Januar 2017 entscheiden. Die Koalition nahm hier in letzter Minute eine Korrektur vor, zunächst war die Anhebung erst für 2018 geplant. Entsprechend der Forderung von Arbeitgebern und Gewerkschaften soll die Kommission alle zwei Jahre über eine Anhebung entscheiden - ursprünglich war dies jährlich geplant.

Was ändert sich für bestehende Tarifverträge?

Künftig soll es leichter sein, den Tarifvertrag für eine Branche für allgemeinverbindlich zu erklären. Voraussetzung wird nur noch sein, dass die Sozialpartner und Spitzenverbände dies für erforderlich halten und es im öffentlichen Interesse liegt. Bislang galt, dass in der jeweiligen Branche für mindestens die Hälfte der Beschäftigten eine Tarifbindung besteht - das heißt, dass die jeweiligen Firmen einem Arbeitgeberverband angehören.

Es gibt noch Potenziale

Gabriel forderte mit Blick auf das KOFA-Papier: „Die Studie verdeutlicht einmal mehr, dass wir die vorhandenen Fachkräftepotentiale besser ausschöpfen müssen.“ Es sei erfreulich, dass inzwischen immer mehr ältere Personen beschäftigt seien. In ihrer Untersuchung hatten die Experten des Kompetenzzentrums 139 Berufe mit derzeit rund 6,7 Millionen Fachkräften identifiziert, in denen es schwierig ist, neue Fachkräfte zu rekrutieren.

Etwa jeder Dritte dieser Beschäftigten ist 50 Jahre alt oder älter – steht also in absehbarer Zeit vor dem Renteneintritt. Ein Beispiel für solche „Engpassberufe“ seien Berufskraftfahrer. Hier müsse in den nächsten Jahren für etwa 230.000 Beschäftigte Ersatz gefunden werden. In der Krankenpflege ständen 175.000 Fachkräfte vor dem Ausscheiden.

Weise plädierte in der Zeitung „Die Welt“ grundsätzlich für mehr Flexibilität beim Eintritt in den Ruhestand. Mit der abschlagsfreie Rente mit 63 habe man damit in eine Richtung angefangen. „Man sollte nun auch Anreize dafür setzen, dass Arbeitnehmer, die fit sind, freiwillig bis 70 arbeiten können“, forderte er. Dies würde dem Arbeitsmarkt helfen. Das Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Alexander Gunkel, kritisierte in der gleichen Zeitung die Möglichkeit zur Frühverrentung. „Die neuen Zahlen lassen darauf schließen, dass die abschlagsfreie Rente mit 63 noch häufiger in Anspruch genommen wird“, sagte er voraus. Bis November 2014 waren bereits 186.000 Anträge darauf bei der Deutschen Rentenversicherung gestellt worden.

Rückblick 2014: Der Arbeitsmarkt in Europa

Video: Rückblick 2014: Der Arbeitsmarkt in Europa

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Von

rtr

Kommentare (28)

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Herr Horst Meiller

02.01.2015, 14:09 Uhr

"Deutschland gehen Millionen Fachkräfte verloren"

Na und? Das ist doch nicht so schlimm, hier kommt doch schon der hochqualifizierte, hochmotivierte Nachschub:
http://kurier.at/politik/weltchronik/italien-fuehrerloses-fluechtlingsschiff-unter-kontrolle-gebracht/105.794.716

Frau Margrit Steer

02.01.2015, 14:15 Uhr

Wir hätten keine Facvhkräftemangel, wenn wir nicht (beußt) zuelassen hätten, dass sich in unsren Land eine enorme Menge Asosialer bildet, ohne Schulabchluß, nicht ausbildungsfähig etc.
Hier muß die Politik zusammen mit der Wirschaft endlich was tun.
Es sind ca. 1,8 Mio junger Leute im Alter zwischen 16 und 28 bei der ARGE.
Hier muß endlich eine ausbildung stattfinden.

Herr Peter Dirnberger

02.01.2015, 14:18 Uhr

Stimmt! Die Zuwanderer sind alle Facharbeiter und werden das in den Griff bekommen. Habe ich letztes Jahr oft in der Zeitung gelesen oder haben die mich wieder vera..t.

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