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31.01.2014

13:55 Uhr

Arbeitsmarkt

Zahl der Hartz-IV-Aufstocker weiter gesunken

Manche Hartz-IV-Empfänger verdienen sich etwas dazu, andere arbeiten Vollzeit und brauchen dennoch Zusatzleistungen – beide gelten als Aufstocker. Im Wahlkampf wurde viel über sie gestritten – doch ihre Zahl geht zurück.

Ein Kunde geht durch die Tür des Jobcenters. Die Gesamtzahl der Hartz-IV-Aufstocker hat sich kaum verändert. dpa

Ein Kunde geht durch die Tür des Jobcenters. Die Gesamtzahl der Hartz-IV-Aufstocker hat sich kaum verändert.

NürnbergDie Zahl der Hartz-IV-Aufstocker ist im vergangenen Jahr weiter leicht gesunken. Im September seien rund 1,317 Millionen Männer und Frauen zusätzlich zu ihrem Lohn auf Harz-IV-Leistungen angewiesen gewesen, berichtete die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Freitag in Nürnberg. Das seien rund 7000 weniger als im September 2012.

Besonders stark sei die Zahl der Mini-Jobber gesunken, die ihren niedrigen Lohn mit Hartz IV aufbesserten. Ihre Zahl sei zwischen Juni 2012 und Juni 2013 - dem aktuellsten Wert - um rund 28.000 auf 618.000 zurückgegangen. Leicht gestiegen sei hingegen die Zahl der Selbstständigen, die allein von ihren Einnahmen als Freiberufler nicht leben können und daher bei den Jobcentern staatliche Unterstützung beantragten. Ihre Zahl lag im Juni bei 128.000.

Fünf Fakten zum „Aufstocken”

Zahl der Aufstocker geht seit 2011 zurück

Seit 2011 sinkt die Zahl jener Hartz-IV-Bezieher, deren Erwerbseinkommen der Staat mit Milliardenbeträgen - 2011 waren es 10,7 Milliarden Euro - aufstockt. Der Befund mag überraschen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund wetterte am Mittwoch: „Immer mehr Menschen zählen zu den ,working poor'.” Und SPD-Vizeparteichefin Manuela Schwesig sagte: „Die Zahl der Menschen, die trotz Arbeit von ihrem Lohn nicht leben können, nimmt immer mehr zu.”

Tatsächlich aber muss der Staat Löhne seltener aufstocken. 2010 war der Höhepunkt erreicht: 1,265 Millionen Beschäftigte bezogen Hartz-IV-Leistungen. Hinzu kamen 125.000 erwerbstätige Selbstständige mit Hartz-IV-Leistungen. Das ergab 1,381 Millionen Aufstocker - so viele wie nie zuvor. Seither sinkt die Zahl der Aufstocker - laut BA-Statistik auf noch 1,324 Millionen im Jahr 2012. Davon waren 1,209 Millionen abhängig beschäftigt.

Zahl der Aufstocker mit höherem Verdienst steigt

Gestiegen ist zuletzt die Zahl der Aufstocker, die mehr als 800 Euro verdienen. Das waren 2012 laut BA 323.300 - rund 20.000 mehr als im Jahr 2009, aber gut 25.000 weniger als 2007. Die Zahl der abhängig beschäftigten Aufstocker, die weniger als 400 Euro verdienen, ist seit 2009 um fast 50.000 gesunken.

Die Aufstocker bringen also mehr Geld nach Hause. Das kann viele Ursachen haben. Darüber sagt die Statistik aber nichts. Geringer verdienende Aufstocker könnten ihre Arbeitszeit erhöht haben. Der Lohn könnte gestiegen sein. Oder jemand mit einem Einkommen von mehr als 800 Euro ist wegen Familienzuwachses oder steigender Mieten in die Hartz-IV-Bedürftigkeit gerutscht.

Anteil der Aufstocker an allen Beschäftigten sinkt

Der Hartz-IV-Experte des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Helmut Rudolph, hält die Darstellung, dass der Staat immer mehr Löhne subventioniere, für „völlig irreführend”. Rudolph sagte zu Reuters: „Wir haben eine steigende sozialversicherungspflichtige Beschäftigung und relative Abnahme der Aufstocker unter den Beschäftigten.” Der Anteil der abhängig erwerbstätigen Aufstocker an allen Beschäftigten ist 2012 auf 4,2 Prozent gesunken.

Die wenigsten Aufstocker arbeiten Vollzeit

Der Anteil der Aufstocker mit mehr als 800 Euro an allen Beschäftigten blieb praktisch konstant. Ihre Zahl stieg von 2009 bis 2012 um 6,6 Prozent. Die sozialversicherungspflichtige Gesamt-Beschäftigung stieg um 5,6 Prozent auf 28,92 Millionen.

Nur ein kleiner Teil der Aufstocker ist allein wegen eines geringen Stundenlohns bedürftig: Die wenigsten arbeiten Vollzeit. Letzte Daten liegen für 2010 vor. Damals ging etwa ein Viertel der Aufstocker einer Vollzeitbeschäftigung nach, insgesamt 342.000 - und 46.000 davon waren Auszubildende.

Eine Ausweitung der Arbeitszeit kommt für viele nicht infrage - etwa wegen fehlender Kinderbetreuungsmöglichkeiten, gesundheitlicher Einschränkungen oder mangelnder Qualifikation.

Mindestlohn spart nicht zehn Millarden Euro

Daher ist das Argument, ein gesetzlicher Mindestlohn würde den Staat auf einen Schlag von allen Ausgaben für Aufstocker entlasten, ein Trugschluss. „Ein gesetzlicher Mindestlohn ist ökonomisch richtig, weil er (...) euch und viele andere von diesem irrwitzigen Betrag von 10 Milliarden Aufstockermitteln entlastet”, sagte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück erst jüngst beim Programm-Parteitag im April. Die jährlichen Ausgaben für Aufstocker stiegen bis 2010 auf 11,4 Milliarden Euro. Seither sinken sie, auf zuletzt 10,7 Milliarden Euro 2011.

Die Bundesvereinigung der Arbeitgeber argumentiert: Eine Alleinerziehende in Berlin müsse monatlich brutto über 1900 Euro verdienen, um keinen Hartz-IV-Anspruch zu haben. Das Einkommen sei mit einem Mindestlohn von 8,50 Euro nicht erreichbar.

Verändert habe sich hingegen das Verhältnis von Vollzeit- und Teilzeitaufstockern. Das habe allerdings allein statistische Gründe, betonte eine BA-Sprecherin. So sei die Zahl der Vollzeitbeschäftigten unter den Hartz-IV-Aufstockern von Juni 2011 bis Juni 2013 um 113.000 auf 218.000 gesunken. Im gleichen Zeitraum habe die Zahl der in Teilzeit beschäftigten Aufstocker um 119.000 auf 363.000 zugenommen.

Die Gesamtzahl der Hartz-IV-Aufstocker habe sich dadurch kaum verändert. Bessere statistische Erfassungsmethoden erlaubten inzwischen eine bessere Unterscheidung zwischen Vollzeit- und Teilzeitjobs, heißt es zur Erklärung in einer der Nachrichtenagentur dpa vorliegenden Studie der Bundesagentur. Über die Studie hatte auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Freitag) berichtet.

Von

dpa

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