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22.09.2016

13:22 Uhr

Armutsbericht

Arm, ärmer, Migrant

VonDavid Sauer

Mehr Menschen in Deutschland sind armutsgefährdet – vor allem im Westen, zeigen neue Zahlen des Statistischen Bundesamts. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Für Einheimische hat sich wenig verändert.

Viele Flüchtlinge schaffen es auch in Deutschland nicht, sich von der Armut zu befreien. AP

Viele unter der Armutsgrenze

Viele Flüchtlinge schaffen es auch in Deutschland nicht, sich von der Armut zu befreien.

BerlinImmer mehr Menschen sind hierzulande von Armut bedroht, lautet das Ergebnis einer aktuellen Studie des Statistischen Bundesamts. Eine überraschende Nachricht, kann doch die Wirtschaft in Deutschland derweil gute Zahlen aufweisen. Trotz der günstigen wirtschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahre ist die Armutsquote 2015 im Vergleich zum Vorjahr angestiegen - um 0,3 Prozentpunkte auf 15,7 Prozent. Das ist der höchste Wert seit der Wiedervereinigung. Doch den Auswirkungen der Einwanderungswelle kommt dabei eine entscheidende Rolle zu. Die massiv gestiegenen Flüchtlingszahlen schlagen sich jetzt in den Statistiken nieder.

Der Bericht des Statistischen Bundesamtes zeigt zunächst große regionale Unterschiede – so war die Armutgefährdungsquote in den neuen Bundesländern (einschließlich Berlin) rückläufig (um 0,7 Prozentpunkte), während die Quote in den alten Bundesländern zulegte (+1,5 Prozentpunkte).

Im Westen Deutschlands sind heute deutlich mehr Menschen von Armut bedroht als noch vor zehn Jahren. 14,7 Prozent der Bevölkerung galten 2015 in den alten Bundesländern als armutsgefährdet, das waren 1,5 Prozentpunkte mehr als 2005.

Die Armutsgefährdung in Deutschland

Bremen

2005 waren 22,3 Prozent aller Menschen in Bremen armutsgefährdet. 2015 sind es 24,8 Prozent.

Berlin

2005: 19,7 Prozent

2015: 22,4 Prozent

Mecklenburg-Vorpommern

2005: 24,1 Prozent

2015: 21,7 Prozent

Sachsen-Anhalt

2005: 22,4 Prozent

2015: 20,1 Prozent

Thüringen

2005: 19,9 Prozent

2015: 18,9 Prozent

Sachsen

2005: 19,2 Prozent

2015: 18,6 Prozent

Nordrhein-Westfalen

2005: 14,4 Prozent

2015: 17,5 Prozent

Saarland

2005: 15,5 Prozent

2015: 17,2 Prozent

Brandenburg

2005: 19,2 Prozent

2015: 16,8 Prozent

Niedersachsen

2005: 15,5 Prozent

2015: 16,5 Prozent

Hamburg

2005: 15,7 Prozent

2015: 15,7 Prozent

Rheinland-Pfalz

2005: 14,2 Prozent

2015: 15,2 Prozent

Schleswig-Holstein

2005: 13,3 Prozent

2015: 14,6 Prozent

Hessen

2005: 12,7 Prozent

2015: 14,4 Prozent

Baden-Württemberg

2005: 10,6 Prozent

2015: 11,8 Prozent

Bayern

2005: 11,4 Prozent

2015: 11,6 Prozent

Die Gefahr, unter die Armutsgrenze zu rutschen, lag in allen westdeutschen Ländern über dem Niveau des Jahres 2005 - außer in Hamburg. Im Osten ist die Armutsgefährdung insgesamt größer als im Westen, die Tendenz aber rückläufig. Das Risiko, arm zu werden, lag im Jahr 2015 in Bremen am höchsten. Dort ist jeder vierte von Armut bedroht (24,8 Prozent, plus 2,5 Punkte), gefolgt von Berlin mit 22,4 Prozent (plus 2,7 Punkte).

Als armutsgefährdet gilt in Deutschland, wer über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens in Deutschland verfügt. An dieser Grenze verläuft die sogenannte Armutsgefährdungsschwelle. Der Wert ist deutlich niedriger als das Durchschnittseinkommen. Es handelt sich um eine relative Einkommensarmut. Den Armutsgefährdungsquoten für Bund und Länder liegt somit eine einheitliche Armutsgefährdungsschwelle zugrunde. Allerdings werden bei dieser Betrachtung Unterschiede im Einkommensniveau zwischen den Bundesländern nicht beachtet.

Für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren lag der Schwellenwert 2014 bei Einkünften von 2072 Euro im Monat. Für alleinlebende Erwachsene waren es 986 Euro pro Monat. Im europäischen Vergleich liegt die Zahl der von Armut bedrohten Menschen in Deutschland unterhalb des europäischen Durchschnitts, der 2010 bei 16,4 Prozent lag. Die Schlusslichter sind Lettland, Rumänien, Bulgarien.

Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung kommt in einer weiteren Studie allerdings zu dem Ergebnis, dass die jüngste Zunahme ausschließlich auf den Anstieg des Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund zurückgeht. Bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund sei die Quote bei 12,5 Prozent konstant geblieben. Das Armutsrisiko dieser Gruppe liegt damit weiter unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung und hat sich seit 2011 praktisch nicht verändert. Erwartungen, wonach die Einwanderungswelle seit Sommer 2015 eine Verarmung der einheimischen Bevölkerung nach sich ziehen könnte, werden durch die Zahlen des Statistischen Bundesamts also widerlegt.

Kommentare (85)

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Herr Hans Mayer

22.09.2016, 13:53 Uhr

Hier werden wieder einmal, Migranten, Flüchtlinge, Wirtschaftsreisende usw durcheinander geworfen.
Ja für Einheimische hat sich wenig geändert, ich kenne leider viel zu viele ehrliche Leute welche mit harter Arbeit nur 100-150 Euro über dem Harter-Satz liegen.
Wer machte, wenn überhaupt in den letzten 20 Jahren für diese Menschen Politik?, etwas die SPD oder die Grünen/innen?
Nein, die Löhne hier konnten nicht neidrig genug sein, die Arbeitsbedingungen nicht beschissen genug,und je ärmer die Menschen waren, desto mehr sollten sie "Riestern".
Diese Politik war für die Herren von CDU und SPD alternativlos, nun droht hier massenhaft Altersarmut, wehe wenn die Bürger sich das nicht mehr gefallen lassen, Dampf ist ja bereits genug unter dem Kessel

Frau Annette Bollmohr

22.09.2016, 13:56 Uhr

Zur Grafik des Tages“ ( S. 25 der heutigen Handelsblatt-Ausgabe): Das MIT, und die Stanford-und Harvard-Universität werden darin als die zugleich teuersten, aber auch „besten“ Universitäten aufgeführt.

Diese Schlussfolgerung basiert, wie es scheint, darauf, dass die Absolventen der drei o.g. Eliteunis die höchsten Einstiegsgehälter erhalten.

Also ehrlich, für mich klingt das schon ein bisschen nach „Da wollen wir mal lieber wie gehabt schön unter uns bleiben“.

Eine etwas gründlichere Aufschlüsselung der Kriterien, sowie eine genaue Untersuchung, die v.a. darauf eingeht, auf welcher Beurteilungsbasis (v.a. von wem) darüber entschieden wird, was genau eine „gute“ Bildungsinstitution ausmacht erscheint mir jedenfalls dringend geboten.

Herr Thomas Behrends

22.09.2016, 14:00 Uhr

Das ist doch alles nicht verwunderlich!

Nachdem sich die Wohlhabenden und Großkonzerne aus der Steuerzahlung mit zig-tausenden von Steuertricks verabschiedet haben, bleibt die Belastung nur noch bei den Beziehern kleiner und mittlerer Einkommen hängen.

Von Hartz IV und Transfereinkommensbeziehern ist nichts zu erwarten (außer Umsatzsteuern beim Einkauf von Konsumgütern).

Wenn das Geld beim Staat mal wieder nicht reicht, dann wird es eben von den internationalen Geldgebern acquiriert. Ist ja gerade sehr billig zu haben.

An Schuldentilgung denkt Schäuble natürlich nicht (an die sparsame schwäbische Hausfrau ebenso nicht). Warum auch, wollten wir nicht Schuldenweltmeister werden? Irgendwann schaffen wir die 16 Mrd. USD der USA schon.

Dann gehört uns zwar nichts mehr, aber wir sind dann ganz vorne dabei.

Die ganzen deutschen Probleme sind hausgemacht.

Leider sitzen in Berlin nur Pfeifen, die nicht im Sinne des Volkes regieren können!

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