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14.02.2017

18:38 Uhr

Arzneimittelknappheit

Müssen Antibiotika teurer werden?

VonPeter Thelen

Die Pharmaindustrie fordert den Aufbau einer eigenen Produktion in Deutschland, um Lieferengpässe mit wichtigen Antibiotika zu vermeiden. Das aber setzt höhere Preise voraus – die die Krankenkassen nicht wollen.

Bei der Versorgung mit wirksamen Medikamenten geben sich die Gesundheitssysteme inzwischen immer mehr in die Hände weniger ausländischer Hersteller. dpa

Engpässe bei Antibiotika

Bei der Versorgung mit wirksamen Medikamenten geben sich die Gesundheitssysteme inzwischen immer mehr in die Hände weniger ausländischer Hersteller.

BerlinEnde vergangenen Jahres gab es wieder Negativschlagzeilen wegen drohender Versorgungsengpässe mit Antibiotika in deutschen Krankenhäusern und Apotheken. In China war eine Fabrik explodiert, die einen Großteil der weltweit verfügbaren Mengen des Penicillin-Antibiotikums Piperacillin und des β-Lactamase-Hemmers Tazobactam verarbeitet. Die beiden Medikamente sind besonders wirksam gegen schwere Krankheiten, auch bei den gefürchteten Krankenhausinfektionen. Bis ins Frühjahr drohen dadurch nun auch in Deutschland Versorgungsengpässe in Praxen und Krankenhäusern.

Der Vorfall in China ist nur ein Beispiel dafür, wie sehr sich die Gesundheitssysteme weltweit bei der Versorgung mit wirksamen Medikamenten inzwischen in die Hände ausländischer Hersteller gegeben haben. Immer wieder führt diese Abhängigkeit zu Engpässen bei wichtigen Antibiotika. Vor Piperacillin und Tazobactam passierte das schon bei Daptomycin, das bei Resistenzen gegen andere Antiobitika hoch wirksam ist, und beim Breitspektrum-Antibiltikum Ampicillin/Sulbacta. Infektologen sehen durch diese Entwicklung längst die Versorgungssicherheit in Deutschland gefährdet.

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Die Politik hat bisher keine befriedigende Antwort auf das Problem gefunden. Nun gehen die Hersteller selbst in die Offensive. Der Verband Pro Generika trat mit zwei Gutachten an die Öffentlichkeit. Danach sind in Deutschland Antibiotika in den vergangenen Jahren immer billiger geworden. Nicht nur, weil inzwischen 84 Prozent der in Arztpraxen und 87 Prozent der in Kliniken eingesetzte Antibiotika Generika sind – also preiswerte Nachahmerprodukte von aus dem Patentschutz gelaufenen Originalmedikamenten. Ein großer Teil der Preissenkungen geht auch auf die Rabattverträge der Hersteller mit den Krankenkassen zurück. „Und diese Preisausschreibungen der Kassen, bei denen in einem Drittel der Fälle nur ein Hersteller eines Antibiotikums den Zuschlag erhält, haben zudem zu einer deutlichen Konzentration bei der Zahl der Anbieter geführt“, so Martin Albrecht vom IGES-Institut.

Zumindest soweit es um in den Arztpraxen verordnete Medikamente geht. Beide Effekte, so Albrecht, begünstigten aber das Auftreten von Versorgungsengpässen. Bei vorrangig in Krankenhäusern eingesetzten Antibiotika, die häufig nicht als Pille oder Kapsel sondern per Spritze verabreicht werden, sieht die Lage zwar etwas anders aus. Dort ist die Zahl der Anbietet gewachsen, was eigentlich die Gefahr von Lieferengpässen verringert, da man Alternativen hat, wenn eine Hersteller ausfällt. Doch gleichzeitig sind auch hier die Preise massiv gesunken. Und dies erhöhe, so Albrecht, die Gefahr von Lieferengpässen.

Das Problem wird dadurch verschärft, dass die von den Herstellern in Deutschland zugestandenen Preissenkungen eine Kehrseite haben: Sie ließen sich nur realisieren, weil die eigentliche recht aufwendige Antibiotika-Herstellung immer mehr in Niedriglohnländer verlagert wurde. Inzwischen kommen 80 Prozent der Vorprodukte und Wirkstoffe, die in Deutschland fertiggestellt bzw. hier eine deutsche Umverpackung gesteckt werden und einen deutschen Beipackzettel bekommen, aus dem EU-Ausland, die meisten aus China, Indien oder der Mongolei, so Morris Hosseini von der Unternehmensberatung Roland Berger.

China konnte seine großen Produktionskapazitäten nicht zuletzt deshalb seit den 1980er-Jahren aufbauen, weil es dafür massive Subventionen vom Staat gab. Beim Antibiotikum Amoxicillin, das am häufigsten in Deutschland eingesetzt wird,  sieht die Lieferkette nun so aus: Für die erste der drei Produktionsstufen gibt es für die weltweite Versorgung vier relevante Hersteller in und zwei außerhalb Chinas. Für die chemische Synthese des Endprodukts gibt es sechs relevante Produktionsstätten in China und sechs weitere in anderen Niedriglohnländern.

Diese geringe Zahl der Hersteller erhöhe schon für sich genommen die Gefahr von Lieferengpässen, meint Hosseini.  Zumal es sich deutsche Unternehmen wegen des Preisdrucks in Deutschland nicht leisten könnten, mit mehreren dieser Hersteller Vertragsbeziehungen zu erhalten. Wenn dann eine Produktionsstätte in China explodiert, wie im vergangenen Jahr geschehen, resultierten daraus sofort Lieferengpässe. Die könne es aber auch geben, wenn die chinesische Politik die in der Regel im Vergleich zu Deutschland niedrigen Standards etwa für Umweltschutz oder Arbeitssicherheit anhebt. Unternehmen, die sie nicht erfüllen, dürften dann erst mal nicht mehr produzieren.

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