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04.10.2017

18:38 Uhr

Arzneireport

Zockt die Pharmabranche die Kassen ab?

VonPeter Thelen

Forschende Arzneimittelhersteller gehen mit immer höheren Preisen für neue Medikamente auf den Markt. Gelegentlich grenzen die Preise an Wucher, sagt der Pharmakologe Ulrich Schwabe zum neuen Arzneiverordnungsreport.

Die Krankenkassen werfen der Industrie Preistreiberei bei neuen Arzneimitteln vor. dpa

Teure Medikamente

Die Krankenkassen werfen der Industrie Preistreiberei bei neuen Arzneimitteln vor.

BerlinDie Arzneimittelausgaben der gesetzlichen Krankenkassen sind im vergangenen Jahr nur um 1,4 Milliarden Euro gestiegen auf 38,5 Milliarden Euro inklusive Zuzahlung der Versicherten. Das bedeutet ein Plus von 3,9 Prozent und bewegt sich im Rahmen der Ausgabensteigerungen für andere Leistungsbereiche im Gesundheitswesen. Auch im ersten Halbjahr 2017 bliebt die Entwicklung moderat: Mit 3,2 Prozent stiegen die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen laut Bundesgesundheitsministerium sogar deutlich geringer als die Ausgaben für Arztbehandlung mit satten 5,1 Prozent.

Trotzdem nehmen die Krankenkassen die Pharmaindustrie im Vorfeld der anstehenden Koalitionsverbandlungen für eine neue Bundesregierung verstärkt unter Beschuss. Kurz nach der Bundestagswahl Ende September mischte die Techniker-Krankenkasse, die größte deutsche Krankenkasse, die Branche mit ihrem jährlich erscheinenden Innovationsreport auf. Es gebe immer mehr neue Medikamente mit zweifelhaftem Nutzen für die Patienten. Am Mittwoch legte der Bundesverband der Ortskrankenkassen mit dem ebenfalls jährlich erscheinenden Arzneiverordnungsreport nach.

Der Hauptvorwurf der beiden Reports ähnelt sich wie ein Ei dem anderen: Die Pharmabranche werfe immer mehr neue angeblich innovative Medikamente zu immer höheren Preisen auf den Markt. Dabei stünden Preise und medizinischer Nutzen oft in keinem sinnvollen Verhältnis mehr. Dass gleichwohl die Arzneimittelausgaben insgesamt noch maßvoll steigen, liege nur daran, dass die Krankenkassen bei nicht mehr unter Patentschutz liegenden Medikamenten erfolgreich sparen konnten, so der Heidelberger Pharmakologe Ulrich Schwabe, der den Report seit über 30 Jahren zusammen mit dem Wissenschaftlichen Institut der Ortskrankenkassen (Wido) herausgibt.

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Fast 340 Milliarden Euro wurden 2015 für die Prävention, Diagnose und Behandlungen von Krankheiten ausgegeben. Etwa die Hälfte davon fiel für die Behandlung von Männern und Frauen über 65 Jahren an.

Tatsächlich wird nach den Daten des Reports die dramatische Aufwärtsbewegung bei den Ausgaben für neue Medikamente zur Zeit noch vor allem dadurch verdeckt, dass die Kassen über Rabattverträge bei den Medikamenten, die nicht unter Patentschutz liegen, immer höhere Preisnachlässe erreichen konnten 3,9 Milliarden Euro hätten allein die Einsparungen durch solche Rabattverträge 2016 betragen.

Dagegen stehen gigantische Kostensteigerungen bei Medikamenten, unter denen Innovationen eine besonders große Rolle spielen. erläutert Schwabe: Bei Krebsmitteln (Onkologika) stiegen die Ausgaben um 17,2 Prozent oder 858 Millionen Euro auf 5,8 Milliarden Euro. Zur Dämpfung der Abwehrkräfte eingesetzte Immunsuppressiva kamen auf 4,1 Milliarden Euro. Ein Plus von 14,3 Prozent oder 511 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr. Antidiabetika lagen mit Ausgaben von 2,3 Milliarden Euro auf dem dritten Platz mit einem Plus von 4,8 Prozent oder 104 Millionen Euro. Antithrombosemittel erreichten 1,8 Milliarden Euro – 14,3 Prozent oder 231 Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Mittel gegen Augenkrankheiten folgten mit 1,1 Milliarden Euro auf Rang fünf mit einem Zuwachs von 11,1 Prozent und 107 Millionen Euro.

Bei all diesen Arzneimittelgruppen seien vor allem hochpreisige neue Medikamente am starken Ausgabenanstieg Schuld. Denn die Menge der verordneten Mittel ist im vergangenen Jahr nur um 2,1 Prozent gestiegen. Immer höhere Preise seien daher die einzige Erklärung für die immer höheren Kosten für die Krankenkassen. Hätte sich das Arzneimittelangebot in den vergangenen drei Jahren nicht verändert, hätten die Ausgaben der Krankenkassen eigentlich unter dem Strich sinken müssen, erläuterte der Mitherausgeber des Reports Jürgen Klaube, Geschäftsführer des Wido Er beziffert die umsatzsteigernde Wirkung neuer und teurer Medikamente in den vergangenen Jahren auf 15,9 Prozent.

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Den Effekt erläutert er am Durchschnittspreis, den eine Packung mit einem patentgeschützten Medikament derzeit erzielt. Der lag im Juli 2017 bei 2621 Euro. Schaut man sich aber nur die neuen patentgeschützten Mittel an, die in den vergangenen 36 Monaten auf den Markt kamen, kommt man auf einen Durchschnittspreis von 4794 Euro. „Seit Mitte 2011 ist eine wachsende Entkoppelung der Preise der Marktneueinführungen von den insgesamt im Patentmarkt aufgerufenen Preise zu beobachten“, so Klauber. Während 2006 das teuerste Prozent aller verordneten Arzneimittel die Kassen 946 Euro kostete, waren es 2016 bereits 3979 Euro. Und die Entwicklung schreitet rapide fort: Im vergangenen Jahr lag der Bruttoumsatz je Verordnung des teuersten Medikaments noch bei 63.956 Euro. Aktuell sind es bereits fast 110.000 Euro.

Insgesamt wird mit dem teuersten Prozent der Arzneimittel inzwischen ein Umsatz von 5,8 Milliarden Euro gemacht. Dies sind 16 Prozent des gesamten Umsatzes. Das eine Prozent der teuersten Mittel steht aber nur für 0,15 Prozent der ärztlichen Verordnungen.

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