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14.03.2011

09:19 Uhr

Atomenergie

Andere Faktenlage, andere Meinung

VonGabor Steingart

Angesichts der Kernschmelze in Japan ist jetzt nicht die Zeit für schnelle Urteile, sondern die Zeit, bisherige Urteile zu überprüfen. Ein Kommentar von Gabor Steingart.

In Deutschland diskutiert die Fachwelt über das Pro und Contra der Atomenergie. Weltweit ist sie auf dem Vormarsch. Quelle: dpa

In Deutschland diskutiert die Fachwelt über das Pro und Contra der Atomenergie. Weltweit ist sie auf dem Vormarsch.

DüsseldorfDie Katastrophe von Japan ist groß. Aber ist sie auch größer als unsere menschliche Neigung zum Stursein und Rechthaben? Sind wir bereit, dem klugen Leitsatz des Ökonomen John Maynard Keynes zu folgen, der ein Festhalten an der bisherigen Meinung im Angesicht neuer Fakten nicht für prinzipientreu, sondern für töricht hielt?

Die Nachrichten, die uns aus Japan erreichen, sind bisher noch von vorläufiger Natur. Die Atomkraftwerke in Fukushima sind beschädigt, nicht durch das Beben, sondern von der ihm folgenden Flutwelle. Die Kühlung setzte aus, ein explosives Gemisch sammelte sich unter dem Dach von Reaktor 1. Am Samstag um 16 Uhr japanischer Zeit kam es zur Explosion. Das Dach flog weg, im Inneren des Reaktors begann daraufhin eine Kernschmelze. Im Moment kämpfen die Experten einen hoffentlich am Ende siegreichen Kampf gegen die Zeit. Sie kühlen die Brennelemente mit Meerwasser, wobei nach letzten Angaben nicht alle Brennelemente ausreichend mit Wasser bedeckt sind.

Ob beherrschbarer Unfall oder Menschheitskatastrophe, lässt sich zur Stunde nicht absehen. Die Fernsehbilder übertragen sich schneller als die sensiblen Informationen aus dem Innersten der japanischen Kernindustrie. Die japanische Regierung, das kommt hinzu, versorgt die eigene Öffentlichkeit vor allem mit Beschwichtigungen. Eine Massenpanik im Großraum Tokio mit seinen 35 Millionen Einwohnern soll um jeden Preis verhindert werden, womöglich auch um den Preis der Desinformation.

Die Geschichte des technischen Fortschritts ist schon bis dahin eine Geschichte der Katastrophen gewesen. Die Titanic versank im Meer, das Überschallflugzeug Concorde verglühte, der Reaktor im russischen Tschernobyl implodierte – und auch der Weg der Automobilindustrie ist gesäumt von Holzkreuzen. Pro Jahr sterben mehr Menschen auf den Straßen als im Krieg gegen den Terror.

Immer versucht die Menschheit, aus den tödlichen Ereignissen zu lernen: Die Überseeschiffe im Nach-Titanic-Zeitalter wurden hochseetauglich, die Concorde wurde aus dem Verkehr gezogen, nach Tschernobyl stiegen weltweit die Sicherheitsanforderungen an die Energiewirtschaft. Die Autoindustrie fühlt sich dem technologisch anspruchsvollen Ziel verpflichtet, ihre Fahrzeuge zum sichersten aller Verkehrsmittel zu machen. Sie meldet bemerkenswerte Fortschrittsschübe: Jeder Kleinwagen bietet heute mehr Sicherheit als die Luxuskarossen der 60er-Jahre.

Kommentare (3)

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Inowarrior

14.03.2011, 23:59 Uhr

Das sie ausgerechnet keines zitieren müssen, ist schon Godridge genug. Das sie aber diesen als liberal bezeichnen, ist an Torheit nicht zu uberbieten.

Account gelöscht!

15.03.2011, 00:05 Uhr

Teil 1:

Keynes? Wen man glaubt, daß man "den Teufel mit Beelzebub austrieben" kann (Zitat Bibel), dann kann man Keynes sich zum Vorbild nehmen, vor allem in ökonomischen Fragen. Meinungen sind etwas sehr Individuelles und bei manchen Leuten scheint sie sich schon nach einem Glas Bier zu ändern. Es gibt und gab viele Personen, die haben ihre Meinungen nicht geändert, obwohl sich die Verhältnisse vorübergehend oder bleibend total geändert hatten und sie haben genau damit einen bleibenden und anerkannten Platz im Gedächtnis der Menschheit gefunden. Die eigentliche Frage, Herr Steingart, ist, ob eine formulierte Meinung auf umfassendem, mindestens angemessenen Wissen, auf Bildung, auf Erkenntnisprozessen, Erfahrung und maßgeblich aus sittlich-ethischer Prägung und Verantwörtung heraus gebildet und zur Gestaltung der Lebensvollzüge herangezogen und eingebracht wird oder ob eine scheinbare Meinungsbildung oder eine veröffentlichte Meinung sich aus Kalkül, aus Quellen des Populismus und Opportunismus, aus den vielfältigen Formen der Angst, ggf auch der sogenannten "Totsünden", den menschlichen Unzulänglichkeiten und der gewöhnlichen Dummheit speisen.

Account gelöscht!

15.03.2011, 00:07 Uhr

Teil 2:

Das, was mit dem Begriff "Meinung" erfaßt und umschrieben wird, ist ein höchst fragiles und zugleich zu hinterfragendes bis fragwürdiges Gut und im Menschen angesiedelt, wie Gewissen und Glaube und sie bedarf einerseit des Schuzes, andererseits der Kritik, wo sie zur allgemeinen oder individuellen Gefahr wird. Und weil das so ist, hat sich die menschliche Gesellschaft andere Mittel zur Klärung und Orientierung geschaffen: Rechte, Gesetze, Vorschriften, Normen, auch in der Bildung und im Umgang der Menschen und Institutionen und vor allem auch das Instrument der öffenlichen und freien Diskussion, um zu verhindern, daß der dauernde Meinungswandel ohne adäquate und anerkannte Änderungen im Erkenntnis- und Wertebereich zum Chaos führt oder daß einseitige oder unzureichende Ansichten vertretende Meinungsmacher/innen Machtmißbrauch erzeugen oder praktizieren können! Versucht man, die Ergebnisse von Parlamentarierbemühungen und machtausübenden Personen im öffentlichen Leben/in den Staaten als Ableitung aus deren Meinungen bzw. deren Meinungsentwicklung zu interpretieren, dann fällt die Bilanz sicher wenig berauschend aus: Verhältisse zum Kotzen, Meinungsbrei bis zum Erbrechen, Meinungschaos, Meinungsinflation, Meinungsmanipulation, Meinungsunterdrückung! Propaganda statt Substanz! Meinungsvortrag anstatt ehrliche Analyse, Würdigung der Fakten und Suche nach Wahrheit und allgemeiner Gerechtigkeit!

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