Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.04.2014

06:44 Uhr

Atomkraftwerke als Angriffsziel

„Es gibt große Defizite beim Anti-Terror-Schutz“

VonStefan Kaufmann

Eine „schmutzige Bombe“ in Händen von Terroristen – das war das Schreckensszenario beim Anti-Terror-Gipfel in Den Haag. Experten sehen jedoch eine andere Gefahr – und zweifeln am Schutz der deutschen AKW vor Angriffen.

Ein Flugzeug als Waffe – seit dem 11. September 2011, als Terroristen mit zwei Passagiermaschinen die Türme des World Trade Center zerstörten – ist diese Gefahr präsent. AFP

Ein Flugzeug als Waffe – seit dem 11. September 2011, als Terroristen mit zwei Passagiermaschinen die Türme des World Trade Center zerstörten – ist diese Gefahr präsent.

DüsseldorfEs war ein Treffen der Superlative: Staats- und Regierungschefs aus mehr als 50 Ländern haben in der vergangenen Woche in Den Haag getagt. Ihr Thema: Die nukleare Sicherheit. Angetrieben aus Sorge vor Terroranschlägen mit radioaktiven Stoffen. Eine Erkenntnis ist, dass noch immer das Risiko besteht, dass Diebe eine „schmutzige Bombe“ – also radioaktiv strahlendes Material mit einem Sprengsatz versehen – in die Hände bekommen.

Doch was ist mit dem umgekehrten Fall? Wenn Terroristen die Lagerstätten von nuklearem Material attackieren? Für Experten ist dieses Szenario mindestens ebenso brisant – und geht in Debatten wie in Den Haag völlig unter. „In anderen Ländern wird die Gefahr von Terror-Angriffen auf Atomkraftwerke noch weitgehend ignoriert“, sagt Heinz Smital, Atom-Experte bei Greenpeace, Handelsblatt Online.

Dabei hat der Al-Kaida-Anschlag vom 11. September 2001 auf die Türme des World Trade Center in New York der Welt vor Augen geführt, wie solche Angriffe aussehen könnten. Was, wenn ein solches Flugzeug in ein Atomkraftwerk stürzen würde? Im Worst-Case-Szenario reißt die Turbinenwelle, die wie ein Geschoss wirkt, ein Loch in den Meiler-Mantel. Durch die Öffnung wiederum dringt Kerosin ein – was zu einem Brand im Reaktorinneren führen würde.

Islamistischer Terror in Deutschland - Eine Chronologie

April 2002: Terrorgruppe Al-Tawhid

Der Polizei gehen mutmaßliche Anhänger der Al-Kaida-nahen Terrorgruppe Al-Tawhid ins Netz. Die Männer planten Angriffe auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin und jüdische Gaststätten in Düsseldorf. Sie müssen bis zu acht Jahre hinter Gitter.

März 2003: Terrorpläne gegen amerikanische Einrichtungen

Ein Tunesier wird verhaftet, der angeblich Attentate gegen amerikanische und jüdische Einrichtungen plante. Vor Gericht kann ihm das nicht bewiesen werden. Die Bundesanwaltschaft bleibt jedoch der Ansicht, dass ein Horrorszenario verhindert wurde.

März 2004: Islamistengruppe Ansar al Islam

Mitglieder der kurdisch-irakischen Islamistengruppe Ansar al-Islam planten, den damaligen irakischen Ministerpräsidenten Ijad Allawi während eines Deutschland-Besuches zu ermorden. Die Polizei hört ihre Telefongespräche ab und nimmt drei Männer fest. 2008 wird der Haupttäter zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Juli 2006: Kofferbomber in Köln

Im Kölner Hauptbahnhof werden in zwei Regionalzügen Kofferbomben gefunden. Wegen Technikfehler explodierten sie nicht. Wenige Wochen später werden die Täter gefasst. Im Dezember 2008 wird der „Kofferbomber von Köln“ zu lebenslanger Haft verurteilt. Auslöser für die Tat waren laut Urteil Mohammed-Karikaturen in Zeitungen.

September 2007: Sauerland-Gruppe

Die islamistische Sauerland-Gruppe wird festgenommen. Vor Gericht müssen sich die vier Mitglieder wegen der Planung von Terroranschlägen auf Diskotheken, Flughäfen und US-Einrichtungen in Deutschland verantworten. 2010 werden sie zu Strafen bis zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt.

März 2011: Angriff auf US-Soldaten

Ein junger Kosovo-Albaner erschießt auf dem Flughafen in Frankfurt (Main) zwei US-Soldaten und verletzt zwei weitere schwer. Er gilt als extremistischer Einzeltäter. Auslöser für seine Tat soll ein Internetvideo gewesen sein, in dem angeblich US-Soldaten ein Haus in Afghanistan plündern und ein Mädchen vergewaltigen.

In Deutschland drängt die Frage, wie auf Angriffe mit einem „Flugzeug als Waffe“ zu reagieren ist, spätestens nach dem Januar 2003. Damals versetzte ein Pilot, der in einem entführten Kleinflugzeug über den Frankfurter Bankentürme kreiste, die Republik in Aufregung. Das Problem: „Alle Untersuchungen, die als Folge des 11. September 2001 angestellt wurden, haben gezeigt, dass die Atomkraftwerke nicht gegen den Absturz eines großen Passagierflugzeugs geschützt sind“, sagt Smital. „Bis heute gibt es kein Konzept dagegen.“

Ausgelegt wurden die Meiler beim Bau für den Absturz von Kleinmaschinen und Militärjets. Weil Bundeswehr-Piloten sich bei ihren Flügen über deutsche Landen gerne an den runden Kuppeln orientierten, wurde dieses Unglücksszenario in die Überlegungen einbezogen. Ein vorsätzlich herbeigeführter Absturz war damals kein Thema.

Nach den Ereignissen von New York und Frankfurt wurden für Deutschland drei Sofortmaßnahmen überlegt. Erstens sollte eine Maschine die AKW im Notfall vernebeln, sobald sich ein entführtes Flugzeug nähert. Zweitens sollte das GPS-Signal gestört werden, um ein gezieltes Ansteuern zu erschweren. Und drittens – in letzter Konsequenz – sollte das Flugzeug zum Abschuss freigegeben werden.

Doch das Bundesverfassungsgericht bremste die Anti-Terror-Kämpfer aus. Die Richter kippten das Luftsicherheitsgesetz in einem zentralen Punkt: Die Abschussermächtigung verstoße gegen die Grundrechte auf Menschenwürde und Leben, hieß es in der Urteilsbegründung.

Kommentare (8)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

01.04.2014, 07:59 Uhr

Der Anschlag gegen die Twintower aus Deutschland haben gezeigt, dass es weitere Anschläge dieser Art geben kann, da Deutsche Politiker eher Terroristen ermuntern als hart
bestrafen. Um große Anschläge auszuführen sind Industrieländer wie geschaffen. Allein Anschläge auf Güterzügen die durch Metropolen fahren und Gefahrengüter befördern, sind ein leichtes. Auch Schiffe mit Gefahrengütern sind auf 90 KM Elbe runter fahren sind ein leichtes Ziel. Der Brand auf einen Frachter mit Gafahrengut,Nunition,Waffen während des Kirchentages am Hafen hätte Hunderte Tote kosten können. Aber SPD und Grüne sind ja auch für die Twintower indirekt verantwortlich. Flugzeuge z.B Hamburg -Flughafen kann jeder attackieren, wenn er sich irgendwo am langen Zaun
hinstellt und Flugzeuge angreift. Laserangriffe auf Piloten von dummen Leuten sind da noch die "Harmlosen Angriffe" in Hamburg. Ein Industriestaat muss man besonders beschützen. Das wird aber aus Kostengründen nicht passieren. Terroristen die aus Kampfgebieten wieder nach Deutschland einreisen , werden wieder freundlich aufgenommen. Schliesslich gehört man als Politiker immer zu den Gutis. Egal wieviele Opfer es gibt. Deutschland ist selber eine Truhe voll mit Sprengstoff.

Account gelöscht!

01.04.2014, 08:14 Uhr

Wieviel große Terroranschläge gabs denn in Deutschland in den letzten 10 Jahren?
S

Account gelöscht!

01.04.2014, 08:25 Uhr

Mir hat mal ein Sprengstoff-Experte eines Landeskriminalamtes gesagt, er wundere sich sehr darüber, weshalb nicht längst jemand versucht hat, dieses Land in die Diktatur zu sprengen.
Weiche Ziele gibt es zu Hauf. Auch Sprengstoffe sind verhältnismäßig leicht zu beschaffen. Für zivile Ziele müßten es nicht mal militärische Sprengstoffe sein. Erstsemster der Chemie realisieren ganz locker solche Mords-Mischungen. Aber damit nicht genug. In diesem Land werden Millionen Tonnen giftige/ hochgiftige/ radioaktive Substanzen bewegt, praktisch ungeschützt, auf LKW, Schiff oder per Flugzeug. Man braucht nicht wirklich viel Phantasie, um sich ein Armageddon auszumalen.

In der Tat sind viel zu wenige Sicherheits-Prozeduren eingerichtet. Ich schaue mir auch gerne mal die Entwicklung der letzten 12 Jahre seit 9/11 an. Polizeien haben jede Menge zusätzlicher Befugnisse und Mittel erhalten. Die mit 180.000 Mitarbeitern arbeitende private Sicherheitsbranche hat dagegen nur Einschränkungen hinnehmen müssen, weil dem Staat zu viel Privat höchst verdächtig scheint. Damit beraubt sich diese Gesellschaft aber eines glaubwürdigen Werkzeuges gegen Kriminalität und Terror, - und das ohne jede Not aus reiner politischer Ideologie.

Ignoranz hat halt doch einen Namen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×