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20.11.2014

11:34 Uhr

Atommüll in Deutschland

Umweltstiftung befürchtet „Entsorgungs-Gau“

Rund 2000 Atommüllfässer sind bundesweit beschädigt. Die jüngsten Erkenntnisse zeigen: Der Umgang mit den radioaktiven Abfällen wurde unterschätzt. Für die Bevölkerung bestehe aber keine Gefahr, heißt es.

Die undatierte Aufnahme zeigt einen Radlader, der in der Schachtanlage Asse Fässer mit radioaktivem Müll in eine Kammer kippt. dpa

Die undatierte Aufnahme zeigt einen Radlader, der in der Schachtanlage Asse Fässer mit radioaktivem Müll in eine Kammer kippt.

Wegen tausender maroder Atommüll-Fässer und einer größeren Abfallmenge als erwartet warnt die Deutsche Umweltstiftung vor einem „atomaren Entsorgungs-Gau“. Das bisherige Entsorgungskonzept habe auf drei Standorten beruht: dem früheren Bergwerk Asse, dem Schacht Konrad und Gorleben. „Nun erleben wir, wie alle drei Standorte wegbrechen“, erklärte der Vorsitzende Jörg Sommer am Donnerstag. Er forderte ein neues Entsorgungskonzept.

Die Asse sei in den 70er Jahren mit schwach- und mittelradioaktiver Abfall gefüllt worden. „Die Asse ist abgesoffen, und wir müssen Milliarden investieren, um den Müll dort wieder zu bergen – wissen aber nicht, wohin damit“, sagte Sommer. Auch im Atomkraftwerk Brunsbüttel lagert schwach- und mittelradioaktiver Abfall. Doch ein geordneter Zustand und ein sachgemäßer Umgang mit Atommüll sieht wohl anders aus als die Lage, die die Sprecherin von Schleswig-Holsteins Energie- und Umweltminister Robert Habeck (Grüne) schildert: Dort lagern in unterirdischen Kellerräumen seit über 30 Jahren 630 Stahlfässer mit Filter- und Verdampferkonzentraten aus dem Kernkraftwerk.

136 Fässer mit Atommüll sind stark beschädigt, rosten. Eines ist in sich um 30 Zentimeter zusammengesackt - durch die Last von 1000 Kilogramm der fünf darüber gestapelten Fässer. Bei einigen ist der strahlende Inhalt als breiige Substanz ausgetreten, die Masse klebt Fässer zusammen, auch auf dem Boden findet sich das radioaktive Zeug.

Schacht Konrad soll laut Jörg Sommer das Endlager für radioaktive Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung werden. Es gebe dort aber weder Kapazitäten noch Genehmigungen für die nötigen Mengen, „die lange bekannt sind, aber bis vor kurzem künstlich kleingerechnet wurden.“

Gorleben sei als Endlager für hoch radioaktiven Müll geplant gewesen, aber technisch ungeeignet und politisch verbrannt. Ein Endlager müsse hierfür erst gesucht werden und gehe nicht vor 2050 in Betrieb, erläuterte Sommer, der auch Mitglied in der Endlagerkommission ist, die bis 2016 Kriterien für die bundesweite Suche erarbeiten soll.

Der Fahrplan zum Atommüll-Endlager

2014 bis Mitte 2016:

Eine 33-köpfige Kommission mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft erarbeitet mit Expertenanhörungen die Grundlagen der Suche. Danach muss das Endlagersuchgesetz eventuell noch einmal modifiziert werden.

2015/2016:

Um nicht weitere Fakten für ein Endlager in Gorleben (Niedersachsen) zu schaffen, sollen keine Atommülltransporte mehr in das nahe des Salzstocks gelegene oberirdische Zwischenlager gehen. Sie müssen in andere Zwischenlager in Deutschland gebracht werden.

Ab 2016:

Zunächst werden bundesweit alle ungeeigneten Regionen ausgesiebt. Regionen mit guten Gesteinsformationen werden ausgewählt und mehrere Standorte erkundet, auch mittels Probebohrungen.

Bis 2023:

Am Ende sollen die besten Standorte aufwendig unter Tage erkundet werden. Welche Standorte ausgewählt werden, soll mit einem weiteren Bundesgesetz beschlossen werden. Die Kosten pro Erkundung werden mit einer halben Milliarde Euro pro Standort veranschlagt.

2031

Bundestag und Bundesrat sollen endgültig über den Standort entscheiden, der Klageweg soll nicht eröffnet werden. Die Kosten der Endlagersuche werden mindestens zwei Milliarden Euro betragen.

„Verschärfend kommt hinzu, dass an vermutlich alle Zwischenlagerstandorten in Deutschland Behälter verrotten, die überhaupt nicht für diese langen Standzeiten konzipiert wurden.“

Kaputte Fässer müssen nach Angaben des Bundesumweltministeriums umgepackt oder in größere Schutzfässer gestellt werden. Letztlich haben die Betreiber vor Ort die Verantwortung für die sachgemäße Zwischenlagerung – aber das beim Thema Atom beliebte Schwarze-Peter-Spiel ist schon voll im Gange.

Denn jetzt wird darauf verwiesen, dass man nicht mit so einem langen Zeitverzug beim zentralen Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle, Schacht Konrad bei Salzgitter, gerechnet habe. Das Bundesamt für Strahlenschutz betont: „Bisher ist kein einziger Abfallbehälter in Karlsruhe so vorbereitet, dass er in Konrad eingelagert werden könnte.“ Für die Endlagerung soll der Abfall in Beton gegossen werden, so dass sich die Korrosionsgefahr hier nicht mehr stellt.

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