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15.07.2011

06:58 Uhr

Attacke auf Moody's & Co

FDP haucht geplanter EU-Ratingagentur Leben ein

VonThomas Sigmund, Andrea Cünnen

ExklusivDie Rating-Agenturen bekommen Ärger mit der deutschen Regierung: Erst macht Wirtschaftsminister Rösler Front gegen die Risikobewerter, jetzt legt FDP-Fraktionschef Brüderle nach – mit einem konkreten Konzept.

FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle. Quelle: dpa

FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle.

Berlin/FrankfurtFDP-Fraktionschef Rainer Brüderle will die Vormachtstellung von Standard & Poor's, Moody's und Fitch brechen. „Wir brauchen mehr Wettbewerb durch die Gründung einer unabhängigen und privat finanzierten EU-Ratingagentur“, schreibt Brüderle in einem Fünf-Punkte-Papier zur Regulierung der Institute, das dem Handelsblatt vorliegt. „Das Vertrauen auf die Aussagen des Meinungsoligopols der drei großen US-Agenturen war einer der Gründe, dass Risiken im Finanzmarkt viel zu spät erkannt worden sind“, schreibt Brüderle.

Der Vorstoß zeigt, dass Deutschland nun ernst macht mit ihrer Drohung, die Bonitätswächrter zurückzudrängen. Denn nur kur vor Brüderle hatte sich der FDP-Chef und Wirtschaftsminister Philipp Rösler zu Wort gemeldet und in ähnlicherweise argumentiert. "Wir brauchen mehr Wettbewerb, um den ausufernden Einfluss der drei großen Ratingagenturen auf das weltweite Finanzsystem einzudämmen", hatte Rösler dem Handelsblatt gesagt. Das bedeute, dass die Marktzutrittschancen für kleinere Ratingagenturen weiter verbessert werden müssten. "Außerdem sollten Marktteilnehmer die notwendige Sensibilität aufbringen und externe Ratings nicht einfach kritiklos übernehmen", sagte der Bundeswirtschaftsminister. Hier zähle Eigenverantwortung, indem eigene und transparente Risikoeinschätzungen vorgenommen würden.

Rating-Agenturen bewerten die Bonität von Unternehmen, Banken, Finanzprodukten und Staaten durch eine Art Schulnotensystem. Der Markt wird beherrscht von den drei US-Agenturen Standard & Poors's, Moody's und Fitch. Aktuell ziehen sich die großen Bonitätsprüfer den Zorn der Politik zu, weil sie die Anleihen der hochverschuldeten Euro-Staaten immer wieder herabstufen.

Neben dem Aufbau einer unabhängigen EU-Ratingagentur will Brüderle nun konkret mehr Wettbewerb durch eine stärkere „Nutzung interner Bonitätssysteme“ herstellen. Sowohl Banken als auch Versicherungen würden bereits heute die Zahlungsfähigkeit von Ländern beurteilen. Jedes Institut allerdings nur für sich

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Kommentare (4)

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azaziel

15.07.2011, 08:43 Uhr

Populistisches Geschwafel, was vom Problem der noch immer nicht kontrollierbaren Staatsverschuldung ablenkt. So agiert kein echter Liberaler!

Account gelöscht!

15.07.2011, 09:37 Uhr

Wir brauchen keine EU-Ratingagentur, die wie die amerikanischen Agenturen erst dann abwertet, wenn die Staaten so überschuldet sind, dass eine Abwertung gleichzeitig den Zahlungsausfall bedeutet.

Jeder, der eine Anlage tätigt, sollte sich doch vorher ein wenig mit seinem Investment beschäftigen und sich nicht blindlings darauf verlassen, was für einen Buchstaben irgendwelche selbsternannten Experten vergeben haben.

Also schafft die Ratingagenturen einfach komplett ab, die braucht nämlich eigentlich kein Mensch.

Account gelöscht!

15.07.2011, 10:53 Uhr

Meinetwegen sollen die Ratingagenturen für falsche Aussagen haften - aber dann bitte auch alle Politiker, deren 'Geschichten' wir uns anhören müssen.

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