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23.06.2014

16:39 Uhr

Auftritt in Düsseldorf

BP sieht Fracking als europäische Chance

Öl- und Gasförderung mit dem umstrittenen Fracking-Verfahren hat der lange lahmenden US-Wirtschaft einen überraschenden Boom eingebracht. BP-Chefvolkswirt Christof Rühl sieht in der Methode auch neue Chancen für Europa.

Christof Rühl, Chef-Volkswirt des britischen Energieriesen BP, wirbt für eine Nutzung des Fracking in Europa - und für stärkere Regulierung. AFP

Christof Rühl, Chef-Volkswirt des britischen Energieriesen BP, wirbt für eine Nutzung des Fracking in Europa - und für stärkere Regulierung.

DüsseldorfAngesichts der Schiefergas-Revolution in den USA hat BP-Chefvolkswirt Christof Rühl dafür plädiert, auch in Europa die Möglichkeit der Gas- und Ölförderung mit der umstrittenen Fracking-Methode zu testen. Dabei müssten allerdings die verwendeten Chemikalien transparent gemacht und weltweit von den Behörden genehmigt werden, sagte Rühl am Montag in Düsseldorf bei der Präsentation des Energiemarktberichts des britischen Rohstoffriesen BP.

„Das würde Europa nicht schlecht anstehen. Man sollte den Zugriff öffnen, aber mit einer vernünftigen Regulierung“, forderte der Experte. Bei der Fracking-Technologie wird Gestein in 1000 bis 5000 Metern Tiefe unter Einsatz eines Gemisches aus Wasser, Sand und Chemikalien mit hohem Druck aufgebrochen, um darin eingeschlossenes Öl und Gas zu fördern. Welche Chemikalien sie im Einzelnen einsetzen, teilen die Konzerne bisher meist nicht mit. In den USA führte das Verfahren zu einem Boom billiger Energie und starken Wirtschaftsimpulsen.

In Deutschland soll es noch vor der Sommerpause gesetzliche Regelungen für die umstrittene Technik geben, wie Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) angekündigt hatte. Geplant sind Auflagen wie eine Umweltverträglichkeitsprüfung und ein Verbot in Wasserschutzgebieten. Damit wären etwa 14 Prozent der Fläche in Deutschland ausgeschlossen.

Grünen und Umweltschützern reicht das aber bei weitem nicht aus. Sie fordern wegen möglicher Risiken für das Trinkwasser ein völliges Fracking-Verbot. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) hatte sich sogar festgelegt, dass die Technik in ihrem Bundesland nicht eingeführt werde, solange sie Landeschefin ist. Auch in Deutschland werden etwa in Schiefergestein nennenswerte Vorkommen des sogenannten unkonventionellen Erdgases vermutet.

Fracking: Segen oder Umweltverbrechen?

Erbitterter Streit

Neue Technologien sind oft umstritten. Doch beim Fracking geht der Streit weit über das normale Maß hinaus. Ist die Fördertechnik für Erdgas der Umweltfeind Nummer eins seit der Atomkraft? Oder doch nur eine missverstandene, aber vielversprechende Technologie?

Die Technik

Beim Fracking wird kilometertief in die Erde gebohrt - und dann noch einmal horizontal, zuweilen sechs Kilometer weit. In die Kanäle wird ein Chemiecocktail gepresst, der den Boden aufreißt. Sand in der Flüssigkeit sorgt dafür, dass sich die Risse nicht wieder schließen. Durch sie treten das Erdgas - oder andere Rohstoffe - aus, die dann wie üblich gefördert werden können.

Die Szenerie

Im kanadischen Dawson Creek stand erst ein Bohrturm, 50 Meter hoch. Danach kam das eigentliche Fracking: Sechs gewaltige Trucks stehen dicht nebeneinander und pumpen die Lauge in die Bohrlöcher, 100.000 Kubikmeter pro Bohrfeld. Man versteht sein eigenes Wort nicht, aber die Arbeiter schauen fast gelangweilt auf die Messinstrumente. Ihre Schichten sind hart, der Lohn sind 70.000 bis 140.000 Euro im Jahr. Sind sie weg, ist auch der Lärm weg. Dann soll das Gas 20, 30 Jahre leise aus der Erde in die Pipelines steigen.

Die Gegner

Don Vander Velde ist 68 Jahre alt. Sein ganzes Leben hat er auf dem Land in Alberta, Kanada, gelebt, das seiner Familie seit 1904 gehört. Seit einem Jahrzehnt wird in der Nähe gefrackt. „Manchmal bebt der Boden“, sagt der Farmer. „Und was für Chemikalien kommen da rein?“ Don ist beunruhigt, weil er Kinder, Enkelkinder und eine Urenkelin hat. Die kleine Aspen ist zehn Monate. „Ich bin alt, aber ich möchte nicht ihre Zukunft verspielen.“ Dabei habe er nichts gegen die Förderung. „Ich will auch Energie. Alberta braucht das Gas, so wie es uns Farmer braucht. Also fördert! Aber macht es sicher!“

Das Unternehmen

Encana ist ein Fracking-Riese und Kellen Foreman ist seit elf Jahren dabei. „Wir wollen Transparenz“, beteuert der 29-Jährige. Deshalb würden für Millionen Dollar Zehntausende Wasserproben untersucht. „Und bei nicht einer einzigen ist irgendwo in Kanada eine Verunreinigung des Trinkwassers nachgewiesen worden.“ Und die Erschütterungen? Nur mit feinen Instrumenten messbar. Er könne die Sorgen der Menschen völlig verstehen. „Aber es steckt eine Menge Wissenschaft hinter Fracking. Wir sind keine Cowboys, die da rausgehen und die Erde aufwühlen. Das ist Hochtechnologie.“

Die Politikerin

Hannelore Kraft ist 8000 Kilometer weit gereist, um sich selbst ein Bild zu machen. Mit rotem Overall und weißem Helm steht die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen im Matsch von Dawson Creek in der Wildnis Kanadas, spricht mit den Arbeitern, untersucht die Bohrköpfe und befühlt die Chemielauge, die verpresst wird. „Ich kann mir das im Münsterland nicht so recht vorstellen“, sagt sie. Kraft ist beeindruckt, das merkt man ihr an. Auch von der Offenheit der Arbeiter und der Bohrfirma - in den Augen vieler doch „die Bösen“. Aber kann die Technik auch in Deutschland eingesetzt werden, einem Land das mehr als doppelt so viele Einwohner wie Amerika auf einem Dreißigstel der Fläche hat? „Es ist noch nicht reif, das zu entscheiden. Aber ich kann mir das im dicht besiedelten NRW kaum vorstellen.“

Der Wissenschaftler

Uwe Schneidewind ist einer der wenigen Fracking-Experten in Deutschland. Der Professor und Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie sieht vier Punkte zur Beurteilung von Fracking: klimapolitisch („Unkonventionelle Kohlenstoffvorkommen möglichst nicht anrühren“), volkswirtschaftlich („Arbeitsplatzeffekt ist vorhanden, aber beschränkt“; „Gaspreis sinkt, aber in Europa nicht nachhaltig“), geostrategisch („Abhängigkeit von anderen sinkt, bleibt aber bestehen“) und ökologisch („selbst bei Lösung vieler Probleme in Europa nicht wirklich attraktiv“).

Die Filme

„Gasland“ war ein Welterfolg. Der Dokumentarfilm von Josh Fox aus dem Jahr 2010 wurde nicht nur für den Oscar nominiert, sondern er hat das Thema Fracking auch für die breite Öffentlichkeit erst auf die Tagesordnung gesetzt. In der Schlüsselszene wird ein Wasserhahn aufgedreht und das Wasser angezündet – es brennt. Scharfe Kritik kam von der Branche, aber auch durch einen Kollegen: In „FrackNation“ bezichtigt Filmemacher Phelim McAleer seinen Kollegen Fox, wissentlich ungenau gewesen zu sein. So habe es Berichte über entzündetes Leitungswasser lange vor Fracking gegeben. Inzwischen gibt es „Gasland II“. Als die Dokumentation im April auf dem New Yorker Tribeca-Filmfestival gezeigt wurde, wurden Fans von „FrackNation“, trotz Karten, nicht eingelassen.

Der renommierte BP-Jahresbericht bescheinigt den USA, mit ihrem starken Ausbau der Förderung auch dank Fracking erheblich zum stabilen Ölpreis der vergangenen Jahre trotz Förderunterbrechungen etwa in Libyen beigetragen zu haben. US-Präsident Barack Obama hatte den EU-Staaten im April empfohlen, „zusätzliche Wege zu finden, wie sie ihre Energieunabhängigkeit ausbauen und beschleunigen“ könnten.

Der Umgang mit dem Fracking-Verfahren ist in Deutschland umstritten. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe sieht aber keine Hindernisse, wie ihr Präsident Hans-Joachim Kümpel vor kurzem sagte.

Von

dpa

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

23.06.2014, 16:52 Uhr

BP kann ja erst mal in GB ordentlich fracken. Und dann abschätzen, welche Nachwirkungen und Konsequenzen es auf der Insel hat.

Account gelöscht!

23.06.2014, 16:52 Uhr

Zitat : Dabei müssten allerdings die verwendeten Chemikalien transparent gemacht und weltweit von den Behörden genehmigt werden, sagte Rühl am Montag in Düsseldorf bei der Präsentation des Energiemarktberichts des britischen Rohstoffriesen BP.

- deswegen werden doch die verwendeten Chemikalien nicht transparent gemacht, zumal man diese gleich verbieten müßte !

Dampfplauderer !

.

Account gelöscht!

23.06.2014, 18:30 Uhr

BP ist ganz sicherlich ein besonders unparteiischer Kommentator was Fracking angeht. Unsere Volksverräter werden übermorgen übrigens das Fracking in Deutschland (in Worten: einem dichtbesiedelten Land in EUropa) genehmigen: es soll nämlich während der Ablenkung der Fußball-WM ein neues Fracking-Gesetz durchgepeitscht werden.

Wo bleiben unsere Grünen und die Umweltschützer, wenn es um solche umweltgerechte Wiederholungstäter-Firmen wie Mexico-Golf-Ölteppich-BP geht?

Hier zum Fracking-Gesetz:
http://krisenfrei.wordpress.com/2014/06/10/fracking-gesetz-im-schweinsgalopp-wahrend-fussball-wm-und/

über die Interessen der Konzerne und der Nato Fracking durchzusetzen:
http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58895

Es wird Zeit für eine Revolution. Die Besatzung Deutschlands durch internationale und anglo-amerikanische Öl- und Gelbarone bzw. ihre US-Handlanger muß aufhören. Die korrupten Parteien und Volksverräter müssen weg. Schluß mit dem Hohn einer "parlamentarischen Demokratie", wo ständig gegen den Willen und die Interessen der Bevölkerung entschieden wird: seit Jahrzehnten.

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