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21.01.2005

08:13 Uhr

Aus der Not geboren

Ein Weißblechhersteller zeigt sich familienfreundlich

VonDorit Hess (Handelsblatt)

"Das kann nicht wahr sein, wir leben doch im Jahr 2000“, hat Andrea Mathä, damals und heute Personalteamleiterin beim Weißblechhersteller Rasselstein in Andernach, vor fünf Jahren gesagt. Sie konnte nicht fassen, wie schwer es ist, in Deutschland eine Betreuung für Kinder unter drei Jahren zu finden. Als zwei Ingenieurinnen zeitgleich schwanger wurden und der Konzern vergeblich befristeten Ersatz für die Fachkräfte suchte, läuteten bei der Personalteamleiterin die Alarmglocken.

ANDERNACH. Die Thyssen-Krupp-Tochterfirma war an einem schnellstmöglichen Wiedereinstieg der Mütter interessiert – und löste ihr Problem: Seit 2002 kooperiert das Unternehmen mit einer örtlichen Kindertagesstätte, die seither auch Kleinstkinder betreut.

Mit dieser Zusammenarbeit wirbt Rasselstein jetzt im Unternehmenswettbewerb „Erfolgsfaktor Familie 2005“, den das Bundesfamilienministerium zusammen mit dem Wirtschaftsministerium ins Leben gerufen hat. 366 Firmen haben sich beworben – fünfmal so viele wie beim letzten Wettbewerb im Jahr 2000. Die hohe Resonanz zeige, „dass immer mehr Unternehmen eine familienfreundliche Personalpolitik als den betriebswirtschaftlichen Faktor ernst nehmen, der er ist“, betont Familienministerin Renate Schmidt (SPD).

Branchenübergreifend haben sich kleine (bis zu 50 Mitarbeiter), mittelgroße (50 bis 500) und große Firmen (mehr als 500) um jeweils 10 000 Euro und einen „Innovationspreis“ beworben. Rasselstein gehört zu den großen: mit mehr als 2000 Mitarbeitern – darunter nur 16 Akademikerinnen. Fünf ihrer Kinder haben bislang die Kindertagesstätte besucht. „Wer frühzeitig zurückkehrt, wird finanziell unterstützt“, sagt Mathä. Mit monatlich 153 Euro – wegen der hohen Betreuungsgebühren für Kinder unter drei Jahren. Ein männerdominierter Stahlkonzern, der Familien fördert – „das ist nicht selbstverständlich“, meint eine der beiden Ingenieurinnen, die 37-jährige Kathleen Stein-Fechner.

Die Flexibilität der jungen Familie ist es auch nicht: Die promovierte Technikerin, seit 1999 in der Forschung und Entwicklung bei Rasselstein, und ihr Mann, ein selbstständiger Geophysiker, der von Andernach zu seinen Kunden fährt, leben wegen ihrer Stelle in der rheinland-pfälzischen Kleinstadt.

Personalteamleiterin Mathä und der Vize-Betriebsratsvorsitzende Claus Gördes, die die Projektgruppe „Beruf und Familie“ bei Rasselstein gegründet haben, verstehen ihren Einsatz daher auch als Imagewerbung für das Unternehmen und seinen Standort: Das beschauliche Örtchen am Rhein müsse schließlich mit anderen Arbeitgebern in Großstädten wie München im harten Wettbewerb um die raren Fachkräfte mithalten können, so Mathä.

In diesem Jahr steht ein Besuch beim „großen Vorbild“ auf dem Programm: So nennt Gördes die Gerhard Rösch GmbH in Tübingen. Der mittelständische Textilhersteller ermöglicht seinen Mitarbeitern etwa, Kantinenessen verbilligt für die ganze Familie mit nach Hause zu nehmen. Das will die Rasselstein- Projektgruppe 2005 auch umsetzen – wenn der Vorstand zustimmt. Das Team plant zudem, Mitarbeiter über Altenbetreuung zu informieren: Die Fragen danach häuften sich.

Beruf und Familie vereinbar zu machen, hält Mathä trotzdem „nicht für die Aufgabe der Unternehmen“. Als Familienministerin Schmidt im Dezember auf einer Stippvisite bei den Bewerbern auch nach Andernach kam, sprach Mathä diesen Vorwurf aber nicht aus – „aus Zeitmangel“, sagt sie. Verärgert ist sie immer noch: Die Situation in Deutschland sei ein „Unding“, ihr Einsatz „aus der Not geboren“. Inzwischen profitiert die 35 Jahre alte Mathä selbst von der Kooperation mit der Kita: Ihre drei Monate alte Tochter Alena soll sie schon bald besuchen und mittags in einem von Rasselstein gesponserten Kinderbett schlafen.

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