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08.06.2014

15:46 Uhr

„Ausdruck von Hilflosigkeit“

Sarrazin attackiert Unions-Spitze wegen AfD-Boykott

VonDietmar Neuerer

Der SPD-Rebell Thilo Sarrazin prophezeit der AfD eine positive Zukunft. Die Ausgrenzung der Partei durch Unionsfraktionschef Volker Kauder kritisiert er scharf. Für die FDP sieht Sarrazin kaum Chancen auf ein Comeback.

Best-Seller-Autor Thilo Sarrazin: „Das alles ist Ausdruck von Hilflosigkeit.“ Reuters

Best-Seller-Autor Thilo Sarrazin: „Das alles ist Ausdruck von Hilflosigkeit.“

BerlinDer Bestsellerautor und SPD-Politiker Thilo Sarrazin hat Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) scharf dafür kritisiert, dass er bei der eurokritischen Alternative für Deutschland (AfD) mehr auf Dämonisierung als auf Zusammenarbeit setzt und es ablehnt, mit AfD-Vertretern in Talkshows zu diskutieren. „Das wird der AfD erst recht Aufmerksamkeit verschaffen“, sagte Sarrazin in einem Interview mit der „Frankfurter Neuen Presse“.

Mit Linksfraktionschef Gregor Gysi gemeinsam aufzutreten, aber einen „angesehenen Wirtschaftsprofessor“ wie den AfD-Chef Bernd Lucke in die „Schmuddelecke“ zu stellen, das würden bürgerliche Wähler nicht verstehen.

„Außerdem verbaut sich Kauder mögliche Machtperspektiven in einer sich verändernden Parteienlandschaft, in der sich die SPD auch Koalitionen mit der Linkspartei vorstellen kann“, sagte der frühere Bundesbankvorstand Sarrazin weiter. „Das alles ist Ausdruck von Hilflosigkeit.“

Wer die AfD anführt

Bernd Lucke, Sprecher

Bernd Lucke ist Professor für Makroökonomie an der Universität Hamburg, 2004 war er Berater der Weltbank. Lucke sieht sich als „Christdemokrat, der von seiner Partei verlassen wurde“ und so verließ er nach 33 Jahren Mitgliedschaft die CDU, in die er mit 16 eintrat. Er fordert eine geordnete Auflösung des Euro-Zwangsverbandes. Eine Option sei die Einführung von Parallelwährungen. Dafür müsste Deutschland eine Änderung der Verträge erzwingen.

Konrad Adam, Sprecher

Der ehemalige FAZ-Redakteur vertrat schon 2003 die Meinung, dass die fehlende Einheit von Staatsvolk und Staat die EU geradewegs zur Despotie führen müsse. Denn die bürokratische Zentrale in Brüssel ziehe mehr und mehr Kompetenzen an sich, die nicht durch Volkszustimmung legitimiert seien. 2005 bezeichnet er die europäischen Politiker als „zeitgerecht regierende Tyrannen“, die sich von dem „Glauben an den Legitimationsbedarf jeglicher Herrschaft“ losgesagt hätten.

Frauke Petry, Sprecherin

Frauke Petry wurde am 1. Juni 1975 geboren. Sie ist Mitglied des Sächsischen Gleichstellungsbeirats und Landesbeauftragte für Sachsen des Vereins zur Unterstützung der Wahlalternative 2013. Außerdem ist sie Trägerin des Bundesverdienstordens.

Alexander Gauland, stellvertretender Sprecher

Gauland war bis 2011 Mitglied der CDU und in den 1980er Jahren Staatssekretär in der hessischen Staatskanzlei unter Ministerpräsident Walter Wallmann. Gauland beklagt den Verlust des Konservativen in der CDU und ist ein vehementer Gegner des „Brüsseler Großstaats“. Er war schon immer ein Euro-Skeptiker. Für ihn ist Europa ein „Kontinent der Nationen“ ohne gemeinsame europäische Kultur. Die Einführung des Euro sieht er vornehmlich
dem Interesse der anderen Staaten geschuldet, ein zu starkes Erstarken Deutschlands zu verhindern.

Sarrazin hält es für möglich, dass sich die AfD dauerhaft in der Parteienlandschaft etabliert. „Wenn die Partei aber zu innerer Stabilität findet, ist die Chance sehr groß“, sagte er. Auch inhaltlich werde die Partei sich ändern müssen. Im Europawahlkampf sei die AfD vorwiegend als eine Ein-Themen-Partei wahrgenommen worden. „Will sie erfolgreich sein, wird sich das ändern müssen.“ Die CDU unter ihrer Bundesvorsitzenden angela Merkel habe aber „so viele liberalkonservative Positionen geräumt, so dass das auch nicht schwer fallen wird“.

Kommentare (2)

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10.06.2014, 11:17 Uhr

Sarrazin ist manchmal auf einem Auge blind, aber oft sehr hellsichtig, wie hier:„Das ist alles ein Ausdruck der Hilflosigkeit“, ja, Aporie, die nicht nur Kauder, sondern alle Blockparteien dieses Landes erfasst hat. Die haben längst die Kontrolle über die Entwicklung innen und außen verloren und tanzen nur noch wie Marionetten, an deren Strippen Lobbyisten ziehen, insbesondere die Vertreter des internationalen Großkapitals, das die Welt im Moment neu unter sich aufteilt- siehe TTIP und CETA. Ganz deutlich auch in der Europapolitik, wo seit dem Einsatz von G.S.-Mann Mario Draghi, der auch der „Group of Thirty“(G30) der Rockefeller-Stiftung angehört, als Übervater von EU-Kommission, Ministerrat und EU-Parlament die Dinge im humanistischen Sinne so schief laufen, wie sie schiefer nicht laufen können, wo die seit Einführung des Euro erfolgte gigantische Akkumulation des Kapitals in nur wenigen Händen mit einer schleichenden und sich beschleunigenden Massenverarmung in Europa einhergeht und weiter gefestigt wird und auch werden soll, wo die Schulden für nachwachsende Generationen uneinholbar himmelwärts schießen und heute bereits das in der Hand immer Weniger befindliche inländische Nettovermögen von rd. 7,0 Bio Euro übersteigen und jeder 10. Deutsche (6,6 Mio. Menschen) bereits heute nach „Creditreform“ zahlungsunfähig ist. Kauder und Genossen von den Blockparteien sind genauso paralysiert durch den Kuhhandel Mitterrands und Kohls von 1988 – das sogenannte „Erbe“ Kohls, die deutsche Einheit, die ihnen auch so in den Schoß gefallen wäre, mit der Währungsunion als Zwangskartell für ein diktatorisches „Euro-Topia“ zu verbinden, wie alle Menschen in Europa, nur Kauder & Co, Lakaien des Großkapitals, sitzen das eben besser aus. Der Großteil ihrer Wähler hat immer noch nicht kapiert, was hier gespielt wird. Das Volk büßt, was die Könige tun, sagt Horaz; das muß aber heute nicht mehr gelten, denn Könige sind heute abwählbar.

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10.06.2014, 11:57 Uhr

Thilo Sarrazin ist einer der Wenigen in der SPD, der sich noch seines gesunden Menschenverstandes bedient, während die Parteischranzen ausschließlich ihre Karriere im Auge haben und entsprechend unterwürfig agieren, damit sie ja nicht auffallen.
Die AfD ist in meinen Augen keine „Einthemenpartei“, dazu wird sie von der Linkspresse gemacht. Erstaunlich ist, daß diese These in der Bevölkerung ein so großes Echo findet, man plappert es munter nach. Daß die sogenannten „Etablierten“ zwar umfangreiche „Programme“ formulieren, sich aber selbst nicht danach richten, sondern ihr Fähnchen ständig nach dem Wind hängen, scheint völlig in Ordnung zu sein und niemanden zu stören.
Das sich Volker Kauder vor einer Diskussion z.B. mit Bernd Lucke fürchtet, kann ich gut verstehen, denn Lucke verfügt, im Gegensatz zu Kauder, über Sach- und Fachverstand zum Thema, während Kauder, wie die meisten „Diskussionsteilnehmer“ der hinlänglich bekannten Quasselrunden, lediglich ihre ideologischen Sprechblasen absondern. Sollte es ein Rundenteilnehmer tatsächlich wagen sach- und themenbezogen diskutieren zu wollen, wird er von der Moderation nach allen Regeln der journalistischen „Kunst“ ausgebremst und mundtot gemacht. Selbstdarsteller wie Gysi, Nahles, Roth, Trittin usw. sind dort deshalb die stromlinienförmigen Dauergäste.

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