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16.01.2003

20:30 Uhr

Ausländische Medien zur „deutschen Malaise“

Wie auf einem anderen Planeten

VonChristoph Rabe und Markus Ziener (Handelsblatt)

Die Deutschen seien „Schlafwandler“ urteilte der Korrespondent der „New York Times“ kürzlich über die Krise Deutschlands. Die meisten anderen ausländischen Beobachter waren weitaus weniger freundlich. Unter dem Strich bleibt, dass der Fehlstart der Koalition Deutschlands Image arg ramponiert hat.

HB DÜSSELDORF/BERLIN. „Ist die Deutschland AG kaputt?“, fragte der britische Economist im vergangenen Dezember besorgt. Damals nahm das renommierte Magazin Deutschland, den kranken Mann in Europa, genau unter die Lupe – und diagnostizierte mit einer Mischung aus Kritik und Bedauern eine „deutsche Malaise“. Damit stehen die mit Blick auf die Bundesrepublik besonders kritischen Briten nicht allein. Auch in Frankreich, Italien, in Spanien, Japan oder den USA sorgt man sich um den Zustand des einstigen Wirtschaftswunderlandes.

Immerhin: der bissige Economist hatte Bundeskanzler Schröder nach der ersten Legislaturperiode noch attestiert: „Er hat es verpatzt.“ Inzwischen urteilt das Magazin etwas gnädiger. „Schröder schlägt die richtigen Töne an“, heißt es in der jüngsten Ausgabe. Über den Berg ist Deutschland aber noch lange nicht. „Die Deutschen werden unruhig“, schreibt die „Times“, „aber sie müssen noch die Leidenschaft entdecken, die für eine Veränderung der Gesellschaft notwendig ist“ – eine Leidenschaft, die nach Auffassung des Berliner Korrespondenten des russischen Fernsehsenders NTW gelegentlich in die falsche Richtung ausschlägt. „Zwar ist das Deutschlandbild in Russland noch immer von den Tugenden Zuverlässigkeit und Ordnungsliebe beherrscht“, sagt Dimitrij Pogorschelskij. „Doch die Experten erkennen zunehmend die Neigung der Deutschen zur Selbstzerfleischung.“

Für übertrieben halten in der Tat viele ausländische Beobachter die wochenlange Diskussion über die deutsche Reformunfähigkeit. Doch Michael Kuttner, der aus Berlin für die dänische „Berlingske Tidende“ berichtet, sieht allerdings auch dringenden Handlungsbedarf. „Wenn ich mir die Debatten mit den Gewerkschaften anschaue“, sagt Kuttner, „dann müssen die Deutschen offenbar auf einem ganz anderen Planeten leben“. Vergleichbare Auseinandersetzungen, etwa über eine Lockerung des Kündigungsschutzes, seien in Dänemark bereits „vor zehn bis zwanzig Jahren“ geführt worden. Und dass der Reformstau über das Bündnis für Arbeit aufgelöst werden könnte, erwartet Kuttner nicht. „Ich kann nicht recht sehen, dass da etwas herauskommt.“

Ähnlich urteilt die „New York Times“. „Deutschland ist ein Land der Schlafwandler“, glaubt deren Korrespondent Steven Erlanger. Es verschließe die Augen vor den Gefahren der Deflation, vor strukturellen Reformen und vor der Tatsache, dass mittlerweile sogar die Franzosen härter arbeiteten. Gleichwohl fühlt sich Erlanger wohl in Deutschland. Wegen seiner „Aversion gegen politischen Extremismus“, sein „erstickendes Verlangen nach Freundlichkeit“ – und weil es ein „süßes bourgeoises Paradies“ ist.

Ein Paradies dem ein hartes Erwachen droht – vielleicht als „zweites Japan“, wie manche Beobachter prophezeien, zumindest aber als „Schlusslicht Europas“. Dem spanischen Blatt „El Mundo“ graust es vor dem Niedergang der einstigen Führungsmacht Europas. Und Francesca Sforza von der italienischen „La Stampa“ sieht schon jetzt das deutsche Image schwer beschädigt. „Effizient, produktiv – stimmen diese Attribute für Deutschland noch?“, fragt die Korrespondentin.

Wesentlich pragmatischer sieht ein japanischer Kollege von der „Asahi Shimbun“ dieses Land. Nicht die inneren Brüche regen ihn auf, nicht der Reformstau treibt ihn um, auch machen ihm nicht die kulturellen Errungenschaften das Leben in Deutschland lebenswert. Er preist Deutschland wegen seiner Autobahnen – obwohl selbst dort bisweilen Stillstand herrscht.

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