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20.01.2014

18:44 Uhr

Auto-Klimaanlagen

EU geht wegen Kältemittel gegen Bundesregierung vor

ExklusivIm Kältemittelstreit macht die EU ernst: Die Kommission in Brüssel hat ein Verfahren gegen die Bundesregierung eingeleitet – wegen bewusster Verletzung der EU-Klimaschutzauflagen. Zankapfel sind Auto-Klimaanlagen.

Streitfall: EU und die Bundesregierung haben gegensätzliche Standpunkte zur Verwendung des Kältemittels R134a. dpa

Streitfall: EU und die Bundesregierung haben gegensätzliche Standpunkte zur Verwendung des Kältemittels R134a.

BrüsselDas Kältemittel in den Klimaanlagen deutscher Autos wird zum politischen Zündstoff zwischen Brüssel und Berlin. EU-Industriekommissar Antonio Tajani wirft den deutschen Behörden vor, widerrechtlich neue Fahrzeugtypen zu dulden, die mit einem veralteten Kältemittel befüllt sind. Damit verstoße Deutschland gegen die EU-Klimaschutzauflagen. Tajani werde deshalb voraussichtlich am Donnerstag ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesregierung einleiten, erfuhr das Handelsblatt (Dienstagausgabe) aus Kommissionskreisen.

Wissenswertes rund um Autokältemittel

Der komplizierte Name

R1234yf ist ein organsicher, fluorierter Stoff (Summenformel C3H2F4). Die international genormte Bezeichnung des neuen Kältemittels ist R1234yf. Das R steht für den englischen Begriff für Kältemittel (Refrigerant).

Warum neue Kältemittel für Autoklimaanlagen?

Um die Erdatmosphäre zu schonen. Bisher wurde in Fahrzeugklimaanlagen als Kältemittel das fluorierte Treibhausgas Tetrafluorethan (R134a) eingesetzt. Die Richtlinie 2006/40/EG über Emissionen aus Klimaanlagen in Kraftfahrzeugen verbietet den Einsatz dieses Stoffes in neuen Typen von Pkw und Pkw-ähnlichen Nutzfahrzeugen.

Als mögliche alternative Kältemittel  wurden Kohlendioxid (CO2) und ein fluorierter Stoff, 2,3,3,3‑Tetrafluorpropen (R1234yf), von der Automobilindustrie betrachtet. Aus Klimaschutzgründen favorisiert das Umweltbundesamt CO2 als Kältemittel für Automobilklimaanlagen.

Welche Fristen gelten?

Die EU-Kommission gibt vor: Ab 1. Januar 2011 müssen alle neuen Typen bei Pkw- und Pkw- ähnlichen Nutzfahrzeugen mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Ab dem 1. Januar 2017 müssen alle neuzugelassenen Pkw mit einem Kältemittel ausgestattet werden, das einen GWP von 150 oder geringer hat.

Was bedeutet GWP?

GWP steht für global warming potential (deutsch: Treibhauspotential). Ein GWP-Wert von 1430 (wie beim Kältemittel R134a) bedeutet, dass ein Kilogramm R134a eine 1430 mal stärkere Wirkung auf die Erhöhung des Treibhauseffektes hat als ein Kilogramm Kohlendioxid (CO2). Für die Treibhauswirkung von CO2 wurde ein GWP von 1 festgelegt.

1234yf - Eigenschaften

R1234yf ist als Kältemittel ein relativ neuer Stoff. R1234yf ist brennbar bzw. leicht entzündlich und bildet an heißen Oberflächen und beim Verbrennen Fluorwasserstoff. Im Fall eines Fahrzeugbrandes, der in Deutschland etwa 20.000 bis 30.000 mal pro Jahr vorkommt, entsteht aus dem Kältemittel auch Flusssäure, die bei Menschen schwere Verätzungen hervorrufen kann. Die Bildung von anderen sehr giftigen Gasen wie Carbonyldifluorid (COF2) wird vermutet.

R1234yf hat ein für die Erfüllung der EU-Richtlinie ausreichend niedriges Treibhauspotential, das früher mit 4 und mittlerweile mit 1 angegeben wird. Nachteilig ist aber, neben der Brennbarkeit, die technische Möglichkeit, in Fahrzeugklimaanlagen mit 1234yf das klimaschädliche R134a nachzufüllen, warnt das Umweltbundesamt. Außerdem zerfällt R1234yf in der Atmosphäre in die algengiftige und kaum abbaubare Trifluoressigsäure (kurz TFA), die sich in Gewässern anreichert. .

Kohlendioxid

Kohlendioxid ist deutlich weniger klimaschädlich als der zuvor benutzte Stoff R134a, es unterbietet ihn sogar um mehr als das Tausendfache. Außerdem ist Kohlendioxid  weder brennbar noch giftig, wenn auch nicht komplett ungefährlich. Und im Gegensatz zu R1234yf, das einzig von den Chemiekonzernen Honeywell und Dupont vertrieben werden darf, ist es preiswert und als industrielles Nebenprodukt leicht verfügbar.

Bei stationären Klimaanlagen wird CO2 bereits seit längerer Zeit eingesetzt. Im Auto jedoch sind entsprechende Klimaanlagen noch nicht serienreif. Hersteller und Zulieferer arbeiten seit Jahren daran, hatten die Entwicklung nach der Branchenentscheidung für R1234yf jedoch nicht mehr forciert.

Größtes Problem der CO2-Technik ist, dass sie mit höheren Drücken arbeitet als die bisher gängigen Systeme und deshalb neue, daran angepasste Klimaanlagen benötigt. Die Entwicklung und Serieneinführung der Anlage ist für den Hersteller mit höheren Investitionskosten verbunden.

Linkliste

Konkret geht es um das klimaschädliche Kältemittel R134a. Daimler verwendet das umstrittene Produkt in neuen Mercedes-Modellen, weil das Unternehmen die von der EU zugelassene Alternative für zu feuergefährlich hält. Daimler bekam deshalb bereits im vergangenen Sommer Ärger in Frankreich. Die dortigen Behörden stoppten den Verkauf von Mercedes-Neuwagen, weil das darin enthaltene Kältemittel ihrer Meinung nach nicht den EU-Klimaschutzstandards entspricht. Ein Pariser Gericht setzte dem Verkaufsstopp im August schließlich ein Ende, verlangte zugleich aber eine politische Klärung.

Von

rut

Kommentare (3)

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cindie

20.01.2014, 19:00 Uhr

Das Thema ist nicht Aufgabe der EU, sie ist nicht legitimiert! Darum sollte man den "Schmus" überhören. Es wird höchste Zeit, dass die Gesetzgebung und deren Durchführung in den Einzelländern vor Ort und bürgernah festgeschrieben wird. Brüssel fehlt jegliche Bürgernähe, darum muss der Wasserkopf im Mai 2014 abgewählt werden. Meine Familie hilft mit: AfD!

trocherieux

20.01.2014, 19:07 Uhr

Die EU ist eine Fiktion, eine Instanz, die es legitimiert nicht gibt. Darum müssen zur Europawahl die Rechte, Gesetze, die Haushalte zurückgeführt werden in die Bürgernähe der Länder vor Ort. Nur das wollen die Bürger. Unnötiger, teurer Bürokratismus mit Bevormundungen bis ins Detail müssen beendet werden. Darum gilt es, die europakritischen Parteien und Bewegungen zu wählen, nur die werden für ein friedliches Europa sorgen. Die bisherige Politik ohne Bürgerwillen spaltet Europa mehr denn je.

Geldverschwendung

20.01.2014, 20:10 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: http://www.handelsblatt.com/netiquette

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