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16.01.2003

13:11 Uhr

Autos aus der Bundesrepublik dominieren das Straßenbild

In China macht Deutschland immer noch Eindruck

VonMarkus Gärtner (Handelsblatt)

Auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadtmitte Pekings fasst Taxifahrer Zhou Jingwei seine Vorstellung von Deutschland in drei Worte: "Bauma (BMW), Beckenbauer und Basefu (BASF)." Seine Augen glänzen, während er mit weißen Chauffeur-Handschuhen sanft über das Lenkrad seines alten VW Santana streicht. Als sich der ehemalige Bauer vor vier Jahren selbstständig machte, kam für ihn nur ein deutsches Auto in Frage.

PEKING. Im bevölkerungsreichsten Land der Erde glänzt Deutschland immer noch - dank Autos, Fußballstars und Qualitätsprodukten. Das Staatsfernsehen zeigt ausführlich Spiele der Bundesliga. Deutsche Autos dominieren das Straßenbild - VW hat einen Marktanteil von 46 %. Deutsche Firmen, die in China viel investieren wie etwa der Siemens-Konzern, der hier 21 000 Menschen beschäftigt, finden in der lokalen Presse große Beachtung. "Dass ich in Mannheim studiert habe, hat meinen Absatz gefördert", sagt der Jung-Millionär Wu Zheng, der seinen Aufstieg mit dem Verkauf europäischer Designermöbel begann. Neureiche Chinesen, die sich ein Haus kaufen, bauen oft als erstes deutsche Armaturen und Fenster in ihre neuen Domizile ein. Selbst Chinas Ministerpräsident Zhu Rongji wärmt seine Privatwohnung angeblich mit einer deutschen Heizung.

Viel Aktuelles über die Vorgänge in Deutschland erfährt die breite Masse der Chinesen indessen nicht. Nur zehn Korrespondenten berichten aus dem fernen Berlin. Ausführliche Reportagen sind selten. "Das Bild Deutschlands in China ist ein kontinuierliches, traditionelles Bild, unabhängig davon, wer gerade regiert", sagt die Chinesin Yang Ching. Sie lebte lange in Deutschland und arbeitet seit 1997 in Peking für deutsche Unternehmen. "Die deutsche Mentalität wird in China gern als drei G bezeichnet", erläutert sie: Gewissenhaftigkeit, Gesetzestreue und Genauigkeit. Unter Chinas Geschäftsleuten ist vor allem die deutsche Detailbesessenheit berüchtigt. "Wir dachten, die BASF will uns mit unglaublich vielen Details hinter den Ofen locken", sagt ein Top-Manager bei Sinopec, Chinas zweitgrößtem Chemiekonzern. Jahrelang verhandelte Sinopec über den Bau einer drei Mrd. Euro teuren Verbundanlage in Nanjing, das größte Werk, das BASF je außerhalb Europas errichtete. Die Deutschen sind aber auch für ihre Vertragstreue bekannt: "Ihr verhandelt ewig", klagt der Parteisekretär der Provinz Hubei, Yu Zhengsheng, "doch bei der Umsetzung marschiert Ihr wie eine Eins".

"Ein Land mit immenser Bürokratie"

Die Diskussion in Deutschland über höhere Steuern und Reformstau beobachtet man im Reich der Mitte aufmerksam. Die China Daily bezeichnet Deutschland kürzlich als "ein Land mit Staatsversorgung von der Wiege bis zur Bahre", und mit "immenser Bürokratie". In einem Bericht werden die Reformen in Deutschland als "zu wenig und zu spät" qualifiziert. Zeitungen zitieren Experten mit der Feststellung, "der Sozialetat ist für Deutschland eine zu große Last".

Volkswirte, die Deutschland besuchen, wie der China-Experte Andy Xie bei Morgan Stanley in Hongkong, zeigen sich nach der Rückkehr entsetzt: "Die Europäer glauben nicht mehr an Wachstum. Stattdessen versuchen die Lobbys durch Umverteilung ihre Claims zu schützen". Deutschland-Kenner unter Chinas Geschäftsleuten wie der Europa-Chef des Nahrungsmittel-Konzerns D´Long, Jonathan Chu, sehen denn auch im schwachen Reformwillen das größte Problem.

"Deutschland kommt mir vor wie das Haus von Opa: Alles ist schön sauber eingerichtet, aber man darf nichts anfassen", sagt Fang Xiangsheng, ehemals Deutschlandkorrespondent einer der führenden Tageszeitungen Chinas. Jonathan Chu stimmt ein: "Wir essen in Schanghai gerne Kröten", sagt er, "und die kochen wir, indem wir ganz langsam das Wasser erhitzen. Wenn die Kröte merkt, dass sie kocht, ist es schon zu spät", sagt er in Anspielung auf wachsende Reformprobleme in Deutschland. Die Deutschen zehrten von ihrer Substanz. Für das Image der Deutschen in China gilt wohl das Gleiche.

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