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10.03.2017

15:14 Uhr

Bahn-Tarifrunde

Handschlag im fahrenden ICE

VonFrank Specht

Manchmal ist ein fahrender ICE für eine Tarifeinigung hilfreicher, als ein bestreikter. So in der heute abgeschlossenen Runde zwischen der Bahn und der Lokführergewerkschaft GDL. Die Beschäftigten haben jetzt die Wahl.

Der GDL-Chef will mehr Planungssicherheit für die Beschäftigten. dpa

GDL-Chef Claus Weselsky

Der GDL-Chef will mehr Planungssicherheit für die Beschäftigten.

BerlinBahnfahren verbindet. Liebende mit ihrer Fernbeziehung. Berufspendler mit ihrem Arbeitsplatz. Urlauber mit ihrem Reiseziel. Und manchmal auch Kontrahenten, bei denen man sonst gern den Eindruck hat,  dass sie sich am liebsten mit dem Rücken ansehen. So etwa im Fall von Deutschlands oberstem Lokführer Claus Weselsky und dem Personalvorstand der Deutschen Bahn.

Doch auf den letzten Metern im ICE von Frankfurt nach Berlin – zwischen Spandau und dem Hauptbahnhof – gelang am Internationalen Frauentag etwas, was viele in den Wochen zuvor kaum jemand für möglich gehalten hatten. Weselsky und Bahn-Managerin Sigrid Heudorf, die für Personalvorstand Ulrich Weber eingesprungen war, besiegelten per Handschlag den Tarifabschluss zwischen der Lokführergewerkschaft GDL und dem Konzern. Ganz ohne die Schlichter Bodo Ramelow und Matthias Platzeck. Aber der Ministerpräsident aus Thüringen und der Ex-Regierungschef aus Brandenburg hatten zuvor nach sechs erfolglosen Verhandlungsrunden zwischen den Tarifparteien in acht intensiven Schlichtungswochen die Grundlage für den am Ende erfolgreichen Handschlag gelegt.

Für die streikgeplagten Bahn-Kunden ist die Einigung eine gute Nachricht. Nachdem sich das Unternehmen im vergangenen Dezember bereits mit der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) auf einen Abschluss geeinigt hatte, ist jetzt bis Herbst 2018 Ruhe an der Tariffront. Und auch der nach dem überraschenden Abgang von Bahn-Chef Rüdiger Grube führerlose Konzern kann aufatmen. Ein mehrwöchiger Streik hätte dem Unternehmen in dieser Situation sehr geschadet.

Die Baustellen der Bahn

Fernverkehr

Im Herbst hat die Bahn den neuen ICE 4 vorgestellt – und sich im Fernverkehr Einiges vorgenommen. Um 25 Prozent soll das Angebot bis 2030 ausgebaut, fünfzig Millionen neue Fahrgäste gewonnen werden. Tatsächlich schafft es die Bahn mit ihrer Preisoffensive, etwa mit den 19-Euro-Tickets, mehr Fahrgäste in die Züge zu locken. Aber die Rendite leidet.

Güterverkehr

Der Güterverkehr der Bahn ist ein Sanierungsfall. Zwar verbesserte sich das Ergebnis von DB Cargo im ersten Halbjahr 2016, aber die Sparte ist defizitär – und das schon seit Jahren. Zwischen 2007 und 2015 stagnierte die Verkehrsleistung, und das in einer boomenden Wirtschaft. Private Anbieter, auch auf der Straße, machen der Bahn zunehmend Konkurrenz.

Pünktlichkeit

174,63 Millionen Minuten haben die Personen- und Güterzüge der Bahn 2015 an Verspätungen eingefahren. Hauptursache ist die wachsende Zahl von Baustellen. Zwar schneidet die Bahn im ersten Halbjahr 2016 besser ab. Aber: Das Bemühen um pünktliche Züge ist laut Bahnchef Grube „mit großen Kraftanstrengungen verbunden“.

Infrastruktur

Die Bahn investiert viel Geld in die Infrastruktur: Gut 5,2 Milliarden Euro flossen 2015 etwa in die Instandhaltung von Schienenwegen und Brücken. Doch es hapert bei der Koordinierung der vielen Baustellen. Und so verursacht die von Konzernchef Grube gefeierte „größte Modernisierungsoffensive in der Bahn-Geschichte“ vor allem eines: Verspätungen.

Privatisierung

Die Bahn braucht Geld, um den Schuldenanstieg zu bremsen. Geplant war deshalb ein Verkauf von maximal 40 Prozent der britischen Tochter Arriva und des Transport- und Logistikkonzerns DB Schenker. Arriva sollte im zweiten Quartal 2017 an der Londoner Börse starten, Schenker danach in Frankfurt. Doch die Pläne sind jetzt vom Tisch.

Stuttgart 21

Bahnchef Grube feierte kürzlich die Grundsteinlegung für den Stuttgarter Tiefbahnhof, aber das Großprojekt bleibt umstritten. Beim Volksentscheid 2011 war noch von 4,5 Milliarden Euro Kosten die Rede. Der Bundesrechnungshof hält nun offenbar zehn Milliarden Euro für möglich, Grube selbst spricht von 6,5 Milliarden Euro.

Leicht ist die Einigung nicht gefallen: „Einen derart komplexen Tarifvertrag hatte ich noch nie in meinen Händen“, sagte ein sichtlich erfreuter und gelöster Ramelow, der viel Erfahrung als Tarifpolitiker hat. Schließlich ging es nicht nur um Lohnprozente, sondern um etwas, was in den meisten Unternehmen selbstverständlich ist: planbare Arbeitszeiten und regelmäßige freie Wochenenden. Das aber in einem Unternehmen hinzubekommen, das seine Züge rund um die Uhr über die Gleise der Republik und im Ausland rollen lässt, ist eben keine Kleinigkeit. „Gerade in einem Betrieb, der auf Schichtbetrieb fußt, ist die Planbarkeit des Lebens eine der größten Lebensqualitäten überhaupt“, sagte Platzeck.

Erreicht haben Arbeitgeber, Gewerkschaft und Schlichter nun – wie in Tarifverhandlungen üblich – einen Kompromiss. Die mit der EVG vereinbarte Einmalzahlung von 550 Euro für die Monate Oktober 2016 bis März 2017 ist bereits an alle Beschäftigten ausgezahlt worden. Der GDL-Abschluss sieht nun vor, dass das Entgelt für das Zugpersonal ab April um 2,5 Prozent angehoben wird. Eine zweite Stufe von 2,6 Prozent folgt im Januar 2018. Lokführer, Zugbegleiter oder Bordgastronomen können dann aber wählen, ob sie lieber das Geld, eine von 39 auf 38 Stunden abgesenkte Wochenarbeitszeit oder sechs Tage mehr Urlaub haben. Bis hierhin ist der Abschluss weitgehend identisch mit dem bereits mit der EVG erzielten Ergebnis. Die Bahn legt großen Wert darauf, nur „widerspruchsfreie“ Tarifverträge im Konzern zu haben, also gleiche Regeln für Lokführer oder Zugbegleiter – egal, ob sie bei der GDL, der EVG oder gar nicht organisiert sind.

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