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25.02.2016

16:59 Uhr

Balkanroute dicht

Zahl einreisender Flüchtlinge in Deutschland bleibt niedrig

Die Zahl der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge ist deutlich zurückgegangen. Die Bundespolizei vermutet das Winterwetter als Grund, doch es könnte auch an Behinderungen entlang der Balkanroute liegen.

Flüchtlinge gehen am Bahnhof in Passau zu einem Sonderzug, der nach Düsseldorf fährt. dpa

Flüchtlinge in Deutschland

Flüchtlinge gehen am Bahnhof in Passau zu einem Sonderzug, der nach Düsseldorf fährt.

BerlinDie Zahl der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge bleibt auf niedrigem Niveau. Am Mittwoch wurden nach Polizei-Angaben 140 Einreisen festgestellt. Davon seien 56 Personen über Österreich eingereist, sagte ein Sprecher der Bundespolizei am Donnerstag in Potsdam. Am Dienstag waren es landesweit 103 Migranten gewesen, in Bayern 51. Dies war der niedrigste Wert an einem Tag seit Monaten.

Seit neun Tagen liegt die Zahl der Einreisen unter 900 pro Tag. Zuletzt waren am 15. Februar mit bundesweit 2196 Einreisen deutlich höhere Zahlen erreicht worden. Im vergangenen Jahr waren in Spitzenzeiten 7000 bis über 10.000 Migranten über die Grenze gekommen.

Asylsuchende in Deutschland

Asylanträge

Die beim Bamf eingegangenen Asylgesuche bilden die einzige gesicherte Zahl. Im Gesamtjahr 2015 waren das 476.649 und damit rund 273.800 oder 135 Prozent mehr als 2014. Die bisherige Rekordzahl liegt 23 Jahre zurück: Unter anderem als Folge der Balkan-Kriege gab es 1992 438.200 Asylanträge.
Hauptherkunftsländer der Antragsteller waren 2015 Syrien (162.510), Albanien (54.762), Kosovo (37.095), Afghanistan (31.902) und Irak (31.379). Nimmt man noch Serbien (26.945) und Mazedonien (14.131) hinzu, kamen rund 133.000 Asylanträge aus vier der sechs Westbalkan-Länder, die 2014 und 2015 zu sicheren Herkunftsländern erklärt wurden.

Easy-Zahlen

Eingereist sind 2015 weitaus mehr Flüchtlinge und Asylbewerber. Das zeigt die Datenbasis zur Erstverteilung von Asylsuchenden (Easy), in der Schutzsuchende registriert werden, um nach einem festgelegten Schlüssel auf die einzelnen Bundesländer verteilt zu werden. Dort wurden laut Innenministerium 2015 rund 1,092 Millionen Zugänge registriert. Darunter waren rund 428.500 Syrer (rund 40 Prozent). Während die Neuzugänge bis November jeden Monat deutlich stiegen, gingen sie im Dezember zurück auf 127.300 nach 206.100 im Vormonat.
Die Easy-Zahl übersteigt die Asylanträge, weil viele Asylsuchende schon vor dem Asylantrag von den Ländern an die Kommunen weitergeleitet werden, da die Kapazitäten der Erstaufnahmeeinrichtungen erschöpft sind. Der formale Asylantrag kann sich daher um Wochen verzögern. Eine unbekannte Zahl der bei Easy Registrierten nutzt Deutschland auch nur als Durchgangsstation etwa auf der Reise nach Skandinavien.

Entschiedene Asylanträge

Das Bundesamt für Migration entscheidet zwar über mehr Anträge als im vorigen Jahr. Doch mit dem raschen Zustrom der Flüchtlinge hält es nicht Schritt. Laut Bilanz für 2015 wurden 282.726 Entscheidungen getroffen, mehr als doppelt so viele wie 2014. Davon erhielten 48,5 Prozent den Flüchtlingsstatus laut Genfer Konvention zuerkannt und dürfen damit in Deutschland bleiben. Davon wiederum wurden 2029 (0,7 Prozent aller Entscheidungen) als Asylberechtigte nach Artikel 16a des Grundgesetzes anerkannt. Von den entschiedenen syrischen Anträgen wurden 95,8 Prozent als Flüchtlinge anerkannt. Für Albaner, Kosovaren und Serben lag die Quote bei null Prozent.

Nicht entschiedene Anträge

Die Zahl der noch nicht entschiedenen Anträge stieg bis Ende 2015 auf 364.664. Hinzu kommt eine nicht bezifferbare Zahl von Flüchtlingen, die bereits registriert sind, deren Asylantrag aber noch nicht erfasst wurde. Der Antragsrückstau ist eines der größten Probleme. Das Bamf hat daher für 2016 4000 weitere Stellen bewilligt bekommen, wodurch die Mitarbeiterzahl auf etwa 7300 steigt. Bamf-Chef Frank-Jürgen Weise, der auch Chef der Bundesagentur für Arbeit ist, zeigte sich am Dienstag zuversichtlich, dass die 4000 neuen Beschäftigten „im besten Fall bis Mitte des Jahres qualifiziert im Einsatz“ seien.

Verfahrensdauer

Als ersten Erfolg werten das Bamf und das Innenministerium, dass sich die Verfahrensdauer für Syrer verkürzt hat. Sie stieg nach Angaben des Innenministeriums von 3,5 Monaten (Januar 2015) zunächst auf 4,3 Monate (Juni), sank bis Dezember aber auf 2,5 Monate. Für Antragssteller, die seit Jahresbeginn 2016 eingereist sind, könnte es wieder länger dauern: Für sie gilt wieder die Einzelfallprüfung mit persönlicher Anhörung durch den sogenannten Entscheider.

Als Hauptgrund für die niedrigen Zahlen vermutet die Bundespolizei das winterliche Wetter. Doch könnten auch Behinderungen entlang der Balkanroute eine Rolle spielen. Mazedonien lässt nur noch Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak aus Griechenland durchreisen. Zudem vereinbarten Österreich und neun West-Balkanstaaten am Mittwoch gemeinsame Maßnahmen, um den Flüchtlingsstrom auf der Balkanroute weiter zu reduzieren.

Insgesamt kamen im Februar bislang 35.890 Flüchtlinge nach Deutschland. Im Januar zählte die Bundespolizei bei ihren Kontrollen in Grenznähe fast 65.000 Personen. Damit sind in diesem Jahr bereits über 100.000 Migranten nach Deutschland gekommen.

Von

rtr

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