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05.10.2011

15:48 Uhr

Bankenkrise

Der Soffin ist tot, es lebe der Soffin

Eigentlich, so argumentiert die Bundesregierung, seien die deutschen Banken Inseln der Stabilität inmitten des Sturms. Gleichzeitig bringt sie selbst aber eine Neubelebung des nationalen Bankenrettungsfonds ins Spiel.

Die Banken-Skyline von Frankfurt. dpa

Die Banken-Skyline von Frankfurt.

BerlinTrotz der neuen Unsicherheiten in der europäischen Bankenlandschaft sieht die Bundesregierung die deutschen Banken gut gerüstet. Die deutschen Geldinstitute seien relativ gut aufgestellt, sagte der Sprecher des Bundesfinanzministeriums, Martin Kotthaus, am Mittwoch in Berlin.

Und im Extremfall stünde mit dem Bankenrettungsfonds Soffin ein Istrumente zur Bankenstützung zur Verfügung. Der Fonds war 2010 ausgelaufen und kümmert sich nur noch um Altfälle. Damit verfüge man über ein rasch aktivierbares Instrument, mit dem die Regierung zudem bereits umgehen könne, sagte der Regierungssprecher.

Seitdem die belgisch-französische Bank Dexia zu Beginn der Woche in ernste Probleme schlitterte ist das Thema Bankenrettung auf der Prioritätenliste der EU wieder ganz nach oben gerutscht.

Der Europa-Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Antonio Borges, wiederholte die Warnung, dass Europas Banken um bis zu 200 Milliarden Dollar unterkapitalisiert seien. Für eine Zwangskapitalisierung müssten im Notfall auch staatliche Gelder eingesetzt werden.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt im Vorfeld eines Besuchs in Brüssel, es sei wichtig, dass den Banken in Europa genügend Kapital zur Verfügung stehe. Wegen der Staatsschuldenkrise waren in den vergangenen Tagen neue Befürchtungen aufgekommen, die Banken im Währungsgebiet seien nicht ausreichend kapitalisiert, um eine Pleite Griechenlands absorbieren zu können.

Spannungen unter Europas Banken und die Folgen

Warum ist das Vertrauen unter den Banken beschädigt?

Dies hat mehrere Gründe und geht letztlich auf die Finanzkrise zurück. Wegen massiver Verluste infolge der 2008 geplatzten Immobilienblase in den USA sind die Banken ohnehin angeschlagen, einige große Institute wären ohne staatliche Hilfe sogar pleite gegangen. Dies erklärt, warum die aktuelle Staatsschuldenkrise eine abermalige Bedrohung für die Banken darstellt: Da Kreditinstitute neben dem Steuerzahler die Hauptfinanzierer von Staaten darstellen, sind auch sie von möglichen Zahlungsausfällen etwa in Griechenland betroffen. Dies lastet auf dem Vertrauen der Institute untereinander.

Woran wird der Vertrauensverlust deutlich?

Ein wichtiges Maß für das Misstrauen der Banken untereinander ist das Geschäft mit der Europäischen Zentralbank (EZB), über das sich die Institute refinanzieren. Eine Möglichkeit besteht darin, sich bei der EZB sehr kurzfristig frisches Geld zu besorgen oder überschüssige Mittel dort anzulegen. Diese eintägigen „Über-Nacht-Geschäfte“ nehmen die Banken normalerweise kaum in Anspruch, da die Konditionen ungünstig sind. So verlangt die EZB für eintägige Ausleihungen derzeit einen Zins von 2,25 Prozent. Für eintägige Einlagen zahlt sie hingegen nur 0,75 Prozent. Im direkten Handel zwischen den Banken - auf dem sogenannten Interbanken- oder Geldmarkt - sind die Konditionen für gewöhnlich deutlich günstiger.

Wie hoch genau ist das Misstrauen der Banken untereinander?

Derzeit misstrauen sich die Banken ungewöhnlich stark, jedoch bei weitem nicht so sehr wie zu Zeiten der Lehmann-Pleite 2008 oder der ersten Zuspitzung der Griechenland-Krise 2010. Seinerzeit war der direkte Kredithandel zwischen den Banken faktisch nicht mehr vorhanden - die EZB musste einspringen und die Institute mit Liquidität versorgen. Damals lag beispielsweise das Niveau der eintägigen Bankeinlagen bei der EZB bei zeitweise 385 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Vor der Finanzkrise im Jahr 2007 betrugen die Einlagen im Durchschnitt gerade einmal 500 Millionen Euro, also rund 0,1 Prozent des Spitzenwerts in der Krise. Aktuell liegt das Niveau der Bankeinlagen bei rund 120 Milliarden Euro, Mitte September lagen sie aber schon einmal bei knapp 200 Milliarden Euro.

Ist das Misstrauen auf Europa begrenzt?

Nein, auch Banken außerhalb des Euroraums misstrauen europäischen Instituten immer mehr. Deutlich wird dies daran, dass etwa US-Banken und Geldmarktfonds immer weniger bereit sind, europäischen Instituten Geld zu leihen. Auch hier muss die EZB einspringen: So bietet sie seit längerem wöchentliche Refinanzierungsgeschäfte in Dollar an, damit die europäischen Banken ihre Geschäfte in den USA weiterführen können. Unlängst hat die EZB sogar zusätzliche Geschäfte mit einer längeren Laufzeit von drei Monaten aufgelegt. Damit will sie die Planungssicherheit der Institute erhöhen.

Welche Probleme ergeben sich aus dieser Situation?

Die größte Gefahr ist ähnlich wie in der Finanzkrise, dass nämlich letztlich das gesamte Bankensystem ins Wanken geraten könnte. Sollte etwa Griechenland pleite gehen, müssten die betroffenen Institute einen erheblichen Teil ihrer griechischen Staatsanleihen abschreiben. Experten gehen zwar davon aus, dass dies für die meisten großen Banken noch verkraftbar wäre. Viel schlimmer aber wären ähnliche Konstellationen in anderen Euro-Ländern. Würden nach Griechenland auch andere Staaten ihre Schulden nicht mehr bedienen können, würde das europäische Bankensystem vermutlich an den Rand des Abgrunds gedrängt werden. Der IWF veranschlagt die gesamten Bankrisiken, die aus der europäischen Schuldenkrise resultieren, auf 300 Milliarden Euro.

Die EU-Finanzminister haben angesichts der sich verschärfenden Schuldenkrise wieder koordinierte Hilfsaktionen für angeschlagene Banken ins Auge gefasst. „Die Überzeugung nimmt zu, dass wir in Europa einen konzertierten, koordinierten Ansatz brauchen“, sagte EU-Währungskommissar Olli Rehn der britischen Zeitung „Financial Times“. Die Minister sähen die Dringlichkeit zur Stärkung der Finanzinstitute angesichts der Schuldenkrise.

„Die Kapitalausstattung der europäischen Banken muss verbessert werden“, sagte Rehn. Damit könne die anhaltende Unsicherheit reduziert werden. „Das sollte ein wesentlicher Teil der umfassenden EU-Strategie sein, um Vertrauen wieder herzustellen und die Krise zu überwinden.“

Nach Auffassung der EU-Kommission hat sich die Lage der europäischen Banken seit den Banken-Stresstests im Frühjahr erneut verschlechtert. „Wir sind uns bewusst, was an den Märkten passiert und wie sich das auf die Banken auswirkt“, sagte sie. „Aber die unmittelbaren Probleme drehen sich eher um Liquidität als um Zahlungsfähigkeit“, sagte eine Sprecherin. Die EU-Kommission wolle sich aber noch nicht zum möglichen Umfang einer Banken-Rekapitalisierung äußern. Es gebe noch keine konkreten Pläne auf EU-Ebene, sagten EU-Beamte.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

05.10.2011, 16:14 Uhr

"Eigentlich, so argumentiert die Bundesregierung, seien die deutschen Banken Inseln der Stabilität inmitten des Sturms"

Man kann sich auch in die eigene Tasche lügen, wie dies Monsieur Noyer noch vor wenigen Tagen gemacht hat: "pas de problèmes" für die französischen Banken. Wie diese aussagekräftige Graphik zur TCE Ratio bei Zero-Hedge zeigt, treiben die Inseln der Stabilität ohne Bodenhaftung auf dem Finanzozean:

http://www.zerohedge.com/news/next-domino-fall-canada

Da wird es höchste Zeit, von dem seit 2010 verfügbaren Instrument Gebrauch zu machen

http://npl.ly.gov.tw/pdf/7388.pdf



VerySeriousSam

05.10.2011, 23:15 Uhr

Was hat eigentlich der Soffin gekostet unterm Strich? Die Commerzbank z.B. hat sich mit simplen Bilanzierungstricks um ca. 4 Milliarden oder 80% der an sich fälligen Zinsen gedrückt. Die Steuerzahler dagegen musten und müssen diese Schulden zu ca. 3% abtragen, zahlen über die Laufzeiten der Bonds wohl ca. 2 Milliarden drauf. Ein sehr guter Vertrag, den die Herren Weidmann und Asmussen damals ausgehandelt haben. Sehr gut für die Commerzbank.

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