Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.10.2011

15:53 Uhr

Bankenkrise

Wer regiert hier eigentlich?

VonMarc Brost, Tina Hildebrand
Quelle:Zeit Online

Deutschland, die Märkte und die Politik: In der Finanzkrise sind selbst die Entscheidungsträger oftmals überfordert. Wie ein Abgeordneter und ein Fondsmanager die Krise erleben.

Florian Toncar von der FDP erlebt die Eurokrise als Abgeordneter im Bundestag. PR

Florian Toncar von der FDP erlebt die Eurokrise als Abgeordneter im Bundestag.

Frankfurt/HamburgSie kennen sich nicht, doch ihre Wege kreuzen sich 365 Tage im Jahr. Nahezu alles, was der eine beruflich macht, hat Auswirkungen auf den anderen. Florian Toncar, 32 Jahre, Bundestagsabgeordneter der FDP und Mitglied im wichtigen Haushaltsausschuss. Andrew Bosomworth, 46 Jahre, Fondsmanager in München und Herr über 122 Milliarden Euro, die er vor allem in Staatsanleihen angelegt hat. 

Toncars Einkommen ist völlig transparent: 7668 Euro im Monat, dazu 3984 Euro steuerfreie Kostenpauschale. Keine veröffentlichungspflichtigen Nebeneinkünfte. In Bosomworths Branche spricht man nicht über das Gehalt. Aber siebenstellig wird es sein, im Jahr. 

Die beiden Männer sind Akteure in einem der härtesten Kämpfe, die derzeit auf der Welt ausgetragen werden: »die Politik« gegen »die Märkte«. Es geht darum, ob Geld die Welt regiert oder ob es noch die gewählten Parlamente sind; ob Politik noch handlungsfähig ist oder nur eine Marionette der Wirtschaft. Das Bild wird bestimmt von Klischees, seit drei Jahren geht das schon so, seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2008. Oft lösen sich die Klischees bei näherer Betrachtung auf, und doch läuft ziemlich viel schief zwischen diesen beiden Welten. Wie viel, das zeigt sich schon an einem einzigen Tag. 

Was die Euro-Krise Deutschland im Ernstfall kostet

IWF

Das Rettungspaket des Internationalen Währungsfond (IWF) hat einen Gesamtumfang von 250 Milliarden Euro.

Daran wäre Deutschland im Fall eines Ausfalls von Griechenland, Italien, Portugal und Spanien mit 15 Milliarden Euro beteiligt.

ESM (Bareinzahlung)

Insgesamt 80 Milliarden Euro in bar haben die beteiligten Staaten zum Euro-Rettungsschirm ESM beigesteuert.

Deutschland trägt im Fall eines Ausfalls von Griechenland, Italien, Portugal und Spanien mit 22 Milliarden Euro fast ein Drittel.

ESM (Bürgschaften)

Zu den Bareinzahlungen haben die Euro-Länder Garantien in Höhe von insgesamt 620 Milliarden Euro übernommen.

Im Ernstfall müsste Deutschland die Kosten bis zu 168 Milliarden Euro mittragen.

IWF-Rettungsplan für Griechenland

Für die Rettung Griechenlands hat der IWF 30 Milliarden Euro bereit gestellt.

Zwei Milliarden Euro davon kommen aus Berlin.

EU-Rettungsplan für Griechenland

Die Europäische Union hat für die Griechenland-Rettung ein Paket von 80 Milliarden Euro geschnürt.

Die Bundesregierung ist mit 27 Milliarden Euro beteiligt.

EZB-Staatsanleihenkäufe

Die Europäische Zentralbank hat für rund 96 Milliarden Euro Staatsanleihen gefährdeter Euro-Länder erworben.

Mit 32 Milliarden Euro trägt Deutschland davon ein Drittel.

Target-Verbindlichkeiten

Die Target-Verbindlichkeiten Griechenlands, Portugals, Irlands und Spaniens machen mit 340 Milliarden Euro einen Großteil der Gesamtsumme aus.

Deutschlands Anteil: 113 Milliarden Euro.

Gesamt

Insgesamt umfassen sämtliche Rettungspakete ein Volumen von 1496 Milliarden Euro.

Im denkbar schlechtesten Fall müsste Deutschland also mit 379 Milliarden Euro tief in die Tasche greifen.

Bosomworth ist Vice-President bei Pimco. Die Konzern-Tochter der Allianz hat sich auf Anleihen und Bonds spezialisiert und verwaltet ein Vermögen von einer Billion Dollar. 

Wenn man Tempo hören könnte, wäre es sehr laut in diesem Handelsraum. Aber es ist leise. Fast niemand spricht, auch das Klingeln der Telefone ist herunter gedimmt. 50 Leute arbeiten hier an langen Tischreihen, jeder hat drei Monitore vor sich. Wechselkurse, Zinsschwankungen, politische Nachrichten, neueste Umfragen – was auf dem Globus geschieht, geschieht fast gleichzeitig auf diesen Bildschirmen. 

Andrew Bosomworth ist um Viertel nach sieben an seinen Platz gekommen, wie jeden Morgen. Auf dem rechten Monitor sieht er die Meldungen der Nachrichtenagentur Reuters: Griechenland, Irland, Portugal, Spanien, Italien – für jedes Euro-Krisenland gibt es ein eigenes kleines Fenster. Fast jede Minute läuft eine neue Meldung, besonders wichtige Meldungen erscheinen in Rot. 

Für Politiker sind Nachrichtenagenturen eine wichtige Informationsquelle. Der Fondsmanager Bosomworth aber braucht diese Agenturmeldungen kaum noch – er kennt viele davon schon, bevor sie gesendet werden. Bosomworth ist ständig online mit anderen Händlern, Analysten oder Notenbankern verbunden, überall auf der Welt. Dieser Onlinechat – eine Funktion, die jeder Bildschirm in jedem Handelsraum jedes Geldhauses bietet – vernetzt ihn mit anderen zu einem gigantischen Informationsbasar, einer weltumspannenden Gerüchteküche. Jede Information gelangt so innerhalb einer Sekunde von New York nach London, von Frankfurt nach München. Der Markt ist schneller als E-Mails, Telefonate, Agenturmeldungen oder Zeitungen. 

Am 29. September, am Morgen der Abstimmung über den Euro-Rettungsschirm im Parlament, kann Florian Toncar sich Zeit lassen. Im Bundestag herrscht geschäftiges Brummen, vor dem Plenarsaal haben die TV-Sender ihre Kameras aufgebaut. Während Bosomworth in seinem Handelsraum die ersten Millionen anlegt, plaudert Toncar mit Kollegen. Wie ist die Stimmung, wird die Abstimmung so ausgehen, wie alle hoffen? Informationen werden hier im persönlichen Gespräch ausgetauscht. Die Saaldiener – die Damen im Kostüm, die Herren in schwarzem Frack mit weißer Fliege – reichen Wassergläser und tragen Botschaften für einzelne Abgeordnete herein. 

»Mit Ihnen möchte ich nicht tauschen«, das ist der Satz, den der Abgeordnete Toncar in letzter Zeit am häufigsten gehört hat, wenn er mit Vertretern der Wirtschaft und des Finanzsektors gesprochen hat. 

Kommentare (7)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

12.10.2011, 16:07 Uhr

"...Es geht darum, ob Geld die Welt regiert oder ob es noch die gewählten Parlamente sind; ob Politik noch handlungsfähig ist oder nur eine Marionette der Wirtschaft. ..." - die Schlacht ist schon längst entschieden...!!!

Politikverdrossen

12.10.2011, 17:59 Uhr

Geld regiert die Welt? Unsinn !!
Dummheit und fehlender ökonomischer Sachverstand regieren dieses Land !!

Osterwelle

12.10.2011, 18:14 Uhr

"In einer Welt ohne Staatsschulden gäbe es auch keine Staatsanleihen – und ohne Staatsanleihen müsste Bosomworth das Geld seiner Kunden in viel riskantere Papiere stecken."

Demagogischer geht es wirklich nicht! Griechische Staatsanleihen sind wirklich super !!! Kann ich nur empfehlen. Besser als Siemens oder Allianz Aktie, echt !!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×