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22.06.2017

12:45 Uhr

Barmer Arzneimittelreport

Das große Geschäft mit dem Krebs

VonPeter Thelen

Eine Barmer-Studie zeigt: Die Ausgaben der Krankenkassen für die Krebsbehandlung steigen immer schneller, obwohl der Nutzen der verwendeten Medikamente immer schlechter belegt ist. Die Pharmakonzerne wollen von der Kritik nichts wissen.

Die Kosten für die Behandlung von Krebspatienten mit Onkologika und Chemotherapie steigen schnell. dpa

Patienten am Tropf

Die Kosten für die Behandlung von Krebspatienten mit Onkologika und Chemotherapie steigen schnell.

BerlinDie Möglichkeiten der Medizin, Krebserkrankungen zu heilen, sind in den vergangenen 20 Jahren immer besser geworden – vor allem dank neuer Medikamente. Doch auch heute noch können Erkrankte oft nicht geheilt werden. Bei der Mehrzahl der neuen „onkologischen“ Arzneimittel geht es nur um Lebensverlängerung, manchmal nur um wenige Monate oder Wochen. Trotzdem wird diese Therapie von den Krankenkassen bezahlt. Das nährt den Verdacht, dass die forschenden Hersteller die Krebsbehandlung als lukratives Geschäftsmodell für sich entdeckt haben. Der aktuelle Arzneimittelreport der Barmer liefert zumindest Indizien, die diesen Vorwurf stützen.

Der Report belegt unter anderem, dass bei keiner anderen Erkrankung die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen so massiv gestiegen sind, wie bei der Krebshandlung. Die Ausgaben für onkologische Arzneimittel von Barmer-Versicherten legten zwischen 2011 und 2016 um 41 Prozent zu. Das übertrifft deutlich die Kostensteigerungen bei allen anderen Arzneimitteln, die im gleichen Zeitraum um 20 Prozent wuchsen.

Diese Dinge auf der Arbeit können krank machen

Überstunden

Die Folgen von permanenten Überstunden können Angst, Depressionen, Schlafstörungen, Feindseligkeit, Irritation als auch Herz-Kreislauf-Schwäche sein. Vor allem Schichtarbeit erhöht laut Report das Risiko für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall.

Die Initiative Gesund und Arbeit hat in ihrem Report untersucht, welche Faktoren auf der Arbeit möglicherweise krank machen können.

Geringer Handlungsspielraum

Wer wenig Handlungsspielraum bei der Arbeit hat, erkrankt laut Untersuchung mit höherer Wahrscheinlichkeit an Bluthochdruck. "Je geringer der Handlungsspielraum, desto höher der systolische Blutdruck", heißt es. Deshalb bewertet die IGA das Fehlen eines Handlungsspielraumes als Gesundheitsrisiko.

Arbeitsintensität

Wenn die Arbeitsbelastung über einen längeren Zeitraum enorm stark ausfällt, besteht laut Studie die Gefahr, dass Arbeitnehmer an psychischen Störungen oder Depressionen erkranken. Für somatische Erkrankungen sei kein Risikofaktor nachweisbar gewesen.

Mobbing

Mobbing, aber auch sexuelle Belästigungen führen möglicherweise zu Depressionen und Angstzuständen.

Mangelnde soziale Unterstützung

Mit sinkender sozialer Unterstützung steigt laut Report das Risiko für Depressionen.

Rollenstress

Wer seine Rolle bei der Arbeit nicht genau kennt – oder aufgrund seiner Arbeitsrolle Konflikte austragen muss, hat laut Studie ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Angst und Anspannung.

Job-Strain-Modell

Dieses Modell beruht auf der Annahme, dass beruflicher Stress insbesondere dann entsteht, wenn der Arbeitnehmer gleichzeitig hohen Anforderungen und geringem Kontroll- und Entscheidungsspielraum ausgesetzt ist.

Die Folgen können psychische Erkrankungen, Bluthochdruck, Herzinfarkt und Diabetes sein.

Keine Anerkennung

Geforderte Verausgabung ohne Belohnung kann laut Report zu psychischen Beeinträchtigungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.

Pendeln

Pendler neigen laut Studie eher dazu, gestresst zu sein.

Befristete Verträge

Befristete Verträge sowie Leih- und Zeitarbeit können zu Gesundheitsbeeinträchtigungen führen. Das liegt laut Report daran, dass diese Arbeitnehmer das Leben nicht vorausschauend planen können, sich dem Unternehmen nicht zugehörig fühlen und meistens geringer entlohnt werden als andere Mitarbeiter.

Arbeitsplatz-Unsicherheit

Arbeitsplatzunsicherheit kann laut Untersuchung zu einem signifikant erhöhten Risiko von psychischen Beeinträchtigungen wie Angst, Depressionen und Stresserleben führen sowie zu kardiovaskulären Erkrankungen.

Mit Krebsmitteln verdienen die Hersteller derzeit mehr als mit den meisten anderen Medikamenten: Fünf der zehn Arzneimittel mit der aktuell größten Umsatzsteigerung werden bei der Behandlung von Tumorerkrankungen eingesetzt. Das wäre nicht bedenklich, wenn die Zahl der Krebserkrankungen zumindest ähnlich stark zugenommen hätte wie die Kassenausgaben. Das ist aber nicht der Fall. Nur acht Prozentpunkte des Ausgabenanstiegs von 40 Prozent lassen sich dadurch erklären, dass im alternden Deutschland auch die Zahl der Krebserkrankungen zunimmt.

Für den Rest des Preisanstiegs gibt es nur eine Erklärung: Die Preispolitik der Konzerne, ist der Vorstandschef der Barmer, Christoph Straub überzeugt. Ziel der Pharmahersteller ist der maximale Umsatz, unser Ziel ist im Interesse der Patienten und Beitragszahler ein realistisches Preis-Leistungsverhältnis. Auch bei onkologischen Arzneimitteln, so segensreich viele von ihnen wirken, sind faire Preise wichtig“, sagte Straub bei der Präsentation des Reports heute in Berlin.

Seine Forderung: Um die Krankenkassen vor überhöhten Preisen zu schützen, sollten neue Medikamente nach fünf Jahren auf ihren Nutzen überprüft werden. Auf Basis dieser Prüfung sollten dann neue Preise ausgehandelt werden, so Straub.

Die Arzneimittelhersteller wollen indes von überhöhten Preisen nichts wissen. Es sei zynisch, die positive therapeutische Entwicklung und längeres Überleben von Patienten als Kostenrisiko darzustellen, so die Hauptgeschäftsführerin des Verbands der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) Birgit Fischer. „Obwohl Krebserkrankungen zu den häufigsten chronischen Krankheiten zählen und immer noch die zweithäufigste Todesursache sind, stehen Krebsmedikamente nur für rund 13 Prozent der Arzneimittelausgaben der Krankenkassen“, sagt Fischer. Zudem liege Deutschland beim durchschnittlichen Preisniveau für neue Medikamente im europäischen Mittelfeld. Und das gelte auch für neue Krebsmedikamente, so VFA-Geschäftsführerin.

Der Barmer-Report kommt allerdings zu anderen Ergebnissen. Die Autoren der Studie haben die Kosten von 31 onkologischen Arzneimitteln in Europa, Australien und Neuseeland verglichen. Demnach ist Deutschland führend. Bei 90 Prozent der Medikamente (28 von 31) würden die Preise in der Bundesrepublik über dem Mittelwert liegen. Acht der 31 Krebsmedikamente kosteten in Deutschland sogar am meisten.

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Zudem steigen die Preise für Krebsmedikamente in Deutschland schon seit Jahren. Hätten die Arzneimittelkosten für eine typische Chemotherapie in der ersten Therapiephase in den neunziger Jahren umgerechnet noch bei wenigen Tausend Euro gelegen, so seien es zehn Jahre später einige Zehntausend Euro gewesen. Heute erreichten die Kosten in vielen Fällen eine Größenordnung von Hunderttausend Euro und mehr. Die Therapiekosten zur medikamentösen Behandlung von Patienten mit Hautkrebs hätten sich beispielsweise in fünf Jahren fast verachtfacht.

Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft kritisiert schon seit Jahren, dass sich solche Kostensteigerungen nicht immer mit dem Nutzen der Medikamente rechtfertigen lassen. Und auch hierzu finden sich im Barmer-Report Indizien, die diese Kritik stützen. So kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass Unternehmen neue Krebsmittel bei der europäischen Zulassungsbehörde immer häufiger als sogenannte Orphan Drugs anmelden, also als Medikamente gegen seltene Krankheiten. Das lässt sich bei Onkologika leicht begründen, da sie häufig nur für bestimmte Ausprägungen einer Krebserkrankung oder ein bestimmtes Stadium der Erkrankung in Frage kommen.

Kommentare (2)

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Herr Torsten Scholz

22.06.2017, 14:03 Uhr

Zitat aus dem Artikel: " Die Möglichkeiten der Medizin, Krebserkrankungen zu heilen, sind in den vergangenen 20 Jahren immer besser geworden – vor allem dank neuer Medikamente." -- Das ist für die zahlenmäßig relevanten Krebserkrankungen falsch.

Ein Blick auf die drei meistverbreiteten Krebsarten: Die medikamentöse Therapie der fortgeschrittenen (also mit dem Skalpell nicht entfernbaren) Krebskrankheiten des Dickdarms, der weiblichen Brust und der Prostata stagnieren seit rund 60 Jahren und Medikamente der 1950-er Jahre kommen heute noch zum Einsatz (5-FU, Cyclophos.), weil man nichts Besseres hat.

Die Preise explodieren deshalb, weil für sogenannte (!) Innovationen freie Fahrt bei der Preisgestaltung herrscht (also keine Festbeträge) und die Kassen fast alles bezahlen müssen. Und das ohne wesentliche Verlängerung der Überlebenszeit, deren Lebensqualität durch schlecht verträgliche Chemotherapien häufig massiv eingeschränkt wird .

Die Überlebenszeiten der fortgeschrittenen "Volkskrebse" Kolon, Mamma, Prostata haben sich unter medikamentöser Monotherapie seit 50 Jahren nur um wenige Wochen verbessert.

Ein nicht gern diskutiertes Faktum vom Markt: Die Hersteller von Krebsmedikamenten unterstützen und betreiben teilweise sogar selbst Krebskliniken, in denen die Studien zu ihren Medikamenten durchgeführt werden. Das Thema, was da beim Studiendesign und der Auswertung unter den Tisch fällt, sei nur kommentarlos angerissen.

Herr Torsten Scholz

22.06.2017, 17:50 Uhr

Danke. Dann lege ich noch etwas nach:

Die aktuell gängigen Chemotherapeutika gegen Krebs werden von der deutschen Krebsgesellschaft gelistet. Es sind folgende Gruppen: Alkylanzien, Antimetabolite, Anthrazykline,Taxane und Vincaalkaloide ( https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/therapieformen/chemotherapie.html ). Und nun eine Feststellung zum allgemeinen Erstaunen: Alle genannten Substanzgruppen sind mindestens 50 Jahre alt. Die Vincaalkaloide wurden sogar schon 1833 entdeckt.

Man hat als Fortschrittsversuch die Chemotherapeutika mit modernen Antikörpern kombiniert. Ein - erschütterndes - Ergebnis einer Studie zum metastasierenden Dickdarmkrebs lautete im Jahre 2016: "In der CALGB-Studie wurde gezeigt, dass in der 1st-Line bei mCRC-Patienten kein statistischer Unterschied zwischen Antikörpern, die zusätzlich zur Chemotherapie gegeben wurden, im Gesamtüberleben erzielt werden konnte. Daher wurde nun untersucht, ob die Seitenlokalisation des Primärtumors einen Einfluss auf das Ergebnis hat." (https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/kongresse/asco-annual-meeting/asco-annual-meeting-2016/darmkrebs-sideness-als-praediktiver-wert-bei-therapie.html ).

Deutlicher kann eine Konkurserklärung der onkologischen Chemotherapeuten nicht ausfallen: Sie fragen sich, ob linksseitige Tumoren des Dickdarms anders auf die Therapie ansprechen als rechtsseitige. Ein kleineres Karo kann in der Krebstherapie von heute nicht mehr aufgespielt werden.

Schade, dass man mit meinen Zeilen einige Patienten entmutigen kann, aber irgendwo muss "die Wahrheit" - frei nach Pilatus - ja mal stehen.

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