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06.06.2013

06:23 Uhr

BER-Krise

Mehdorns Flughafen-Management unter Beschuss

VonDietmar Neuerer

ExklusivDer Berliner Großflughafen BER kommt nicht aus den Schlagzeilen. Airport-Chef Mehdorn führt ein hartes Regiment – auch gegen seinen Technikchef Amann. Die Politik ist alarmiert und sieht nun den Aufsichtsrat am Zug.

Hartmut Mehdorn, Vorsitzender der Geschäftsführung der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH. dpa

Hartmut Mehdorn, Vorsitzender der Geschäftsführung der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH.

BerlinDass sich am BER-Flughafen das Personalkarussell bald weiterdrehen könnte, hat die Politik aufgeschreckt. Hintergrund sind Medienberichte, wonach der erst im vergangenen August als Retter beim verkorksten Flughafenbau geholte Horst Amann dicht vor einer Ablösung stehen soll. Zwischen ihm und dem danach im März 2013 verpflichteten Flughafenchef Hartmut Mehdorn gebe es heftigen Krach, zitierte der „Tagesspiegel“ am Wochenende einen Insider. Mehdorn wolle den Flughafen „schnell und sicher“ eröffnen, Amann dagegen trete weiter als Bedenkenträger auf. Amann ist noch immer mit einer „Bestandsaufnahme“ beschäftigt, die er erst Ende des Jahres abschließen will. Mehdorn dagegen liebäugelt damit, zumindest den Nordpier des BER bereits im Herbst in Betrieb zu nehmen.

Das Bundesverkehrsministerium reagierte prompt – mit klaren Dementis. Nichts, was diverse Zeitungen berichteten, sei wahr. Doch inzwischen verdichten sich Hinweise darauf, dass Mehdorn bald ohne Technikchef dasteht. Mehdorn selbst liefert Nahrung für solche Spekulationen. Seit der Absage der Eröffnung des Hauptstadtflughafens im Mai 2012 hat es aus seiner Sicht dort kaum einen Fortschritt gegeben. „Ich verstehe eigentlich nicht, warum in den letzten zwölf Monaten nichts oder ganz wenig gemacht worden ist“, sagte Mehdorn am Mittwoch im Bau- und Verkehrsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses.

Hartmut Mehdorn: Vom Flugzeugliebhaber zum Bahnchef

Kindheit in Kriegswirren

Hartmut Mehdorn kam am 31. Juli 1942 als jüngstes von vier Kindern in Warschau zur Welt, wo sein Vater als Soldat stationiert war. Er wuchs zunächst in Berlin auf. Die Familie flüchtete in den Kriegswirren nach Bayern, und der Vater gründete 1948 eine Fabrik für Kunststoff-Spritzgussteile.

Gelernter Ingenieur und Reserveoffizier bei der Bundeswehr

Mehdorn besuchte Schulen in Kipfenberg (Altmühltal), Karlsruhe, Nürnberg und Berlin und absolvierte ab 1961 in Berlin ein Ingenieurstudium der Fachrichtung Maschinenbau. Nebenher arbeitete er im väterlichen Betrieb mit. Als Reserveoffizier stieg er bei der Bundesluftwaffe zum Hauptmann auf.

Wurzeln im Flugzeugbau

Mehdorn startete seine Karriere im Flugzeugbau: Er kam 1965 zum Bremer Flugzeughersteller Focke-Wulf und wirkte dort an der Entwicklung eines ersten deutschen Zivil-Jets mit. Ab 1974 leitete er ein Programm für die Serienfertigung der ersten Airbusse (A 300).

Aufstieg bei Airbus

1979 rückte Mehdorn in den Vorstand der Holding Airbus Industrie in Toulouse ein. Er verantwortete dort bis 1984 Produktion, Einkauf und Qualitätssicherung. Damals erreichten die Flugzeugtypen A 310, A 300-600 und A 320 die Produktionsreife.

Bei der Deutsche Aerospace AG übernahm er im Dezember 1989 den Vorsitz der Geschäftsführung der damaligen Deutsche Airbus GmbH (DA) mit über 17.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 3 Milliarden DM. 1993 rückte er als ordentliches Mitglied in den DASA-Vorstand unter Jürgen E. Schrempp auf und übernahm das Ressort Luftfahrt.

Abschied von den Flugzeugen

1995 verabschiedete sich Mehdorn von den Flugzeugen und wechselte als Nachfolger des langjährigen Vorstandsvorsitzenden Hilmar Dosch zur Heidelberger Druckmaschinen AG.

Die Geburt des „Bahnchef Mehdorn“

Im Dezember 1999 bekam Hartmut Mehdorn einen neuen Vornamen. Nachdem er zum Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn berufen wurde, war er in den Medien nur noch als „Bahnchef Mehdorn“ bekannt. Er trat dabei die Nachfolge von Johannes Ludewig an, der im September 1999 nach zwei engagierten, aber glücklosen Jahren abgetreten war.

Karrieremakel I: Das Unglück mit dem Bahn-Börsengang

Nicht erreichen konnte Mehdorn sein erklärtes Ziel, die Bahn an die Börse zu bringen, obwohl er dieses gegen alle Widerstände vorangetrieben hatte. Nach jahrelangen Debatten waren zwar 2008 von Bundestag und Bahn die Weichen für die umstrittene Teilprivatisierung gestellt worden, knapp 25 % der Anteile an der Verkehrsholding der Bahn sollten verkauft werden. 18 Tage vor dem geplanten Termin am 27. Oktober 2008 scheiterte Mehdorns Vision vom Börsengang dann jedoch kurz vor dem Ziel aufgrund des durch die Weltfinanzkrise generierten schlechten Marktumfeldes und wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

Karrieremakel II: Die Datenschutzaffäre der Bahn

Zum Verhängnis wurde Mehdorn, dessen Vertrag bei der Bahn im Juni 2007 bis 2011 verlängert worden war, schließlich die im Januar 2009 öffentlich gewordene Datenschutzaffäre bei der Bahn. Im Rahmen der konzerneigenen Korruptionsbekämpfung hatte das Unternehmen in großem Ausmaß persönliche Daten von Mitarbeitern mit Lieferantendaten verglichen und darüber hinaus täglich bis zu 150.000 E-Mails von Bahnbeschäftigten überwacht.

Laut Mehdorn, der den Vorwurf einer Art Rasterfahndung zurückwies und sich in einem Brief an seine Mitarbeiter für die Überprüfungsaktionen entschuldigte, handelte es sich bei dem Ganzen jedoch „nicht um einen Datenskandal, sondern um eine Kampagne zur Veränderung der Unternehmensführung und der Unternehmenspolitik“.

Rücktritt bei der Bahn

Mit dem Bekanntwerden der Datenaffäre hatte Mehdorn nicht nur das Vertrauen der Gewerkschaften und der Belegschaft, sondern auch den Rückhalt in der Politik verloren. Der scheidende Konzernchef zog dennoch ein positives Fazit über seine Arbeit: „Das, was wir erreicht haben, hat uns keiner zugetraut“, bilanzierte er und nannte seine Zeit im DB-Chefsessel „eine tolle Zeit. Manchmal ein bisschen irre, immer aufregend“.

Kurzes Intermezzo als Berater

Ab Februar 2010 betätigte sich Mehdorn in einer Bürogemeinschaft mit dem langjährigen Bahn-Finanzchef Diethelm Sack und dem früheren Chef der Dresdner Bank, Herbert Walter als Berater. Vermisst habe er nichts in dieser Zeit, sagt er in dem Buch „Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern“ von Katja Kraus. Wenngleich er sich erst daran gewöhnen musste, „dass nicht täglich irgendein Affe meinen Rücktritt gefordert hat.“

Zurück zur Luftfahrt: Start bei Air Berlin

So ganz gewöhnen konnte er sich an die Beschaulichkeit als Berater jedoch nicht. Er war im Aufsichtsrat von Air Berlin, als die Fluglinie Ende 2011 in Turbulenzen geriet. „Dann haben mich alle angeschaut.“ Er hat seine Frau angerufen, diesmal hat sie gesagt: „Tu, was du nicht lassen kannst.“ Er wusste ohnehin, dass sie auch diesmal mitziehen würde. Also legt sie ihm am Morgen wieder die Anzüge raus, „weil sie davon mehr versteht“, heißt es in dem Buch „Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern“ von Katja Kraus.

Rücktritt bei Air Berlin

Am 7. Januar 2013 nahm Mehdorn den Hut bei Air Berlin. „Jetzt ist die richtige Zeit für den Führungswechsel“, kommentierte er seinen Abschied als Chef von Air Berlin. Doch das Loslassen bei der angeschlagenen Fluglinie kam früher als erwartet. Für die weitere Sanierung der Fluggesellschaft wollte vor allem James Hogan, der Chef des Großaktionärs Etihad, wieder einen Luftfahrtmanager.

Pannenflughafen BER – Mehdorns letztes berufliches Kapitel

Nur zwei Monate nach seinem Abgang bei Air Berlin übernimmt Mehdorn am 11. März 2013 den Pannenflughafen BER und wird Chef der Betreibergesellschaft. Mit seinen Äußerungen erregt der Manager des Öfteren den Unmut der Aufsichtsräte aus der Berliner und Brandenburger Landespolitik. Differenzen mit den Aufsehern führten am Ende wohl auch zum Rücktritt. Ende März 2015 tritt Mehdorn beim BER ab. Der Hauptstadtflughafen ist immer noch nicht eröffnet, doch Mehdorn hält sich zugute, das Chaos auf der Baustelle immerhin geordnet zu haben.

Quelle: Munzinger Personenarchiv

Zur Arbeit von Technikchef Amann, der seit August 2012 im Amt ist, äußerte sich Mehdorn in der Anhörung zunächst nicht. Aber allen Sitzungsteilnehmer war klar, wenn der BER-Chef mit seiner Kritik meinte. Außerdem hielt Mehdorn explizit an seiner Vorstellung fest, den neuen Flughafen in Schönefeld Schritt für Schritt zu eröffnen. Ein Vorhaben, dem Amann dem Vernehmen nach nicht viel abgewinnen kann. Umso besorgter ist die Politik.

Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, Toni Hofreiter, äußerte scharfe Kritik am Airport-Management Mehdorns. Mehdorns Arbeitsweise scheine bislang „eher aktionistisch“ zu sein, sagte der Grünen-Politiker Handelsblatt Online. „Seine Arbeitsbilanz ist enttäuschend: unausgegorene politische Forderungen, Ärger in der Personalpolitik, Wirbel in der Flughafengesellschaft, Unmut bei Lärmbetroffenen. Erkennbare Erfolge: Fehlanzeige.“ 

Zahlen und Fakten zum Hauptstadtflughafen BER

Gesamtkosten

voraussichtlich 4,3 Milliarden Euro (2012)

Gesamtmehrbelastung

1,2 Milliarden Euro

Verschiebungsbedingte Baumehrkosten

67 Millionen Euro

Bisherige Baumehrkosten

276 Millionen Euro

Mindereinnahmen durch Verschiebung der Eröffnung

230 Millionen Euro

Risikovorsorge

322 Millionen Euro

Lärmschutz

305 Millionen Euro

Startkapazität des neuen Flughafens

27 Millionen Passagiere

Fläche

1.470 Hektar (etwa 2.000 Fußballfelder)

Finanzierung

Bislang sind 3,36 Milliarden Euro gesichert, davon rund 2,4 Milliarden Euro aus Krediten, 430 Millionen Euro vom Bund und den Ländern Berlin und Brandenburg, 531 Millionen Euro aus Eigenmitteln der Betreiber.

Der SPD-Schattenminister für Bauen und Verkehr, Florian Pronold, warnte angesichts der Differenzen über den Kurs des neuen Hauptstadtflughafens BER zwischen Airportchef Mehdorn und Technikchef Horst Amann vor den Folgen für die Umsetzung des Projekts. Zwar käme es bei der Realisierung von Großprojekten auch zu Meinungsverschiedenheiten. „Sie dürfen den Baufortschritt aber nicht behindern“, sagte Pronold Handelsblatt Online. „Der Aufsichtsrat ist sicher der beste Ort, entsprechende Differenzen mit Betroffenen und Gesellschaftern zu klären.“

Kommentare (7)

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rohrkrepierer

06.06.2013, 07:29 Uhr

eine weitere erbärmlich vorstelung unsres tollen hartmut mehdorns

er hat die heidelberger druck falsch ausgerichtet ,die bahn zugrunde,air berlin zur stehlinie gemanagt und beim BER setzt er nun die gesammelte erfahrungen all dieser erfolge ein

so ne niete paßt zu womereit und platzeck.

Account gelöscht!

06.06.2013, 07:37 Uhr

Warum wird so ein Großprojekt nicht Planern, Ingenieuren und Firmen anvertraut, die so ein ähnliches Bauvorhaben schon einmal erfolgreich gestemmt haben?
Antwort: Weil sich nutzlose Politiker als das darstellen wollen was sie nicht sind. Kompetent.

Account gelöscht!

06.06.2013, 08:30 Uhr

Es ist bezeichnend, daß deutsche Firmen überall im Ausland über logistische- und Sprach-/Mentalitäts-Probleme hinweg die spektakulärsten Großprojekte zustandebringen, in Deutschland selber aber an der alles-regeln-wollenden/müssenden Bürokratie (bzw. der Vorschriftenflut) bzw. intrigierenden Lobbygruppen kläglich scheitern, dh. letztendlich an der dirigistischen Politik der letzten Jahrzehnte.

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