Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.01.2007

14:20 Uhr

Bericht eines Heimkehrers

Mein altes neues Deutschland

VonMathias Brügmann

Die Rückkehr in eine unbekannte Heimat nach 13 Jahren Moskau, Brüssel und wieder Moskau – eine Erfahrung der eigenen Art für Handelsblatt-Autor Mathias Brügmann. So lernt er beispielsweise, dass die Deutschen das einzige Volk sind, dass seinen Abfall wäscht, bevor der weggeworfen wird.

Eine Erfahrung der eigenen Art sammelte Handelsblatt-Korrespondent bei seiner Rückkehr nach Berlin. Foto: dpa dpa

Eine Erfahrung der eigenen Art sammelte Handelsblatt-Korrespondent bei seiner Rückkehr nach Berlin. Foto: dpa

BERLIN. Rot, Grün, Blau und Gelb sind die Farben der Freiheit. Nichts gegen Frau Merkel, aber Schwarz ist ebenso wenig dabei wie das neue CDU-Orange. Nur Rot, Grün, Blau und Gelb springen den Neuankömmling gleich und immer wieder auf dem Flughafen an. Auch später, ob in U-Bahn- oder Hauptbahnhof, sind sie allgegenwärtig – die bunten Mülltrennungsbehälter. Es sind die stählernen Mahnmale meiner Rückständigkeit. Denn sie reißen das schlechte Gewissen auf, mindestens aber gewaltige Wissenslücken nach so vielen Jahren ohne sie – nach 13 Jahren in Moskau, Brüssel, wieder Moskau und der Rückkehr nach Deutschland. Und nun, mit einem Aludeckel eines Joghurt-Bechers in der Hand, gleich die Schlüsselfrage: Rot oder Gelb? Restmüll oder Verpackungsmüll?

Immer wieder ziehen ausländische Touristen ratlos an den oft nur auf Deutsch beschrifteten Freiheits-Statussymbolen vorbei. Kenny G. verklebt dazu die Ohren mit seiner aus Lautsprechern quellenden Kaufhausmusik „Going Home“. Willkommen daheim. Das scheinen auch die Tonnen dazu im Takt zu raunen. Ein schlechter Deutscher, der seinen Müll nicht trennt. Oder, wie Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier mal vor ausländischen Journalisten in Berlin einräumte: Die Deutschen seien wohl das einzige Volk, das seinen Abfall wasche, bevor es ihn wegwerfe. In die Tonne mit der richtigen Farbe, versteht sich.

Farben werden für mich wieder zur Herausforderung in der unbekannten alten neuen Heimat, als ich meiner russischen Stieftochter beim Deutschlernen helfe: Der gelbe Mann mit den Briefen „ist der Postbote“, erkläre ich ihr und zeige auf den radelnden Mann. „Und die in Grün?“ fragt sie mit Blick auf eine junge Frau mit grünem Fahrrad und Posttaschen. „Das ist die Konkurrenz, ihr Russen versteht das nicht“, will ich ihr antworten. Doch halte ich inne, um die zwangsläufig dann folgende Frage der Siebenjährigen zu vermeiden, was genau Konkurrenz sei und warum es davon in Deutschland mehr geben sollte.

Ich schleudere ihr stattdessen zerknirscht die vage Botschaft zu: „Das ist wohl neu hier, ich kenne es auch nicht.“ Nur den roten Weihnachtsmann, da bin ich mir sicher, den gibt es noch. Der hält wohl wenigstens weiter seine Monopolstellung.

Das jedenfalls schießt mir durch den Kopf, als meine russische Frau nach einem Telefon- und Internetanschluss in unserer Wohnung begehrt. Ich arbeite mich mit der Lupe durch das Kleingedruckte der „Super-Sonderangebote-Flatrates“ von Deutscher Telekom, Alice, Arcor, 1&1, Freenet, Versatel ... Das Bestellen eines simplen Telefonanschlusses scheint in Deutschland zur Wissenschaft geworden zu sein – zumindest zu einer Beschäftigung, die locker mehrere Abende füllen kann.

Vergessen muss man dabei auf jeden Fall, hier lebende Freunde zu fragen. Denn den Anbieter, den der eine gerade in höchsten Tönen lobt, verdammt ein anderer. Also ist wieder das Lesen des Kleingedruckten angesagt: In welche Netze kann ich tatsächlich mit dieser Flatrate quasi umsonst telefonieren? Wie schnell ist das Surfen im Internet?

Damals, bevor ich Deutschland verließ, kannte man noch gewisse kleine Freuden – wenn die Bundespost einem nach monatelangem Warten beispielsweise eine Verlängerungsschnur ans graue Telefon schraubte. Als sei dies ein Privileg, das einer Bestallung zum Staatssekretär gleichkommt. Das allerdings monatlich mit 50 Pfennig über die Telefonrechnung gleich wieder profanisiert wurde.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×