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19.09.2011

12:45 Uhr

Berlin-Wahl

Wofür kämpfen die Piraten?

VonStephan Dörner

Das fulminante Ergebnis der Piraten in Berlin macht die etablierten Parteien nervös. Doch was treibt die politischen Freibeuter an? Wer die Newcomer verstehen will, muss die Kultur der „Digital Natives“ kennen.

Wahlparty der Piraten in Berlin. Die Partei schaffte erstmals den Einzug in das Parlament eines Bundeslandes. dpa

Wahlparty der Piraten in Berlin. Die Partei schaffte erstmals den Einzug in das Parlament eines Bundeslandes.

Düsseldorf„Wer die Piraten wählt, dessen Stimme ist für den Gulli“, erklärte der damalige FDP-Chef Guido Westerwelle noch vor etwa zwei Jahren in einem Youtube-Interview. Seiner Auffassung nach hatten die politischen Newcomer keine Chance darauf, jemals die Fünf-Prozent-Hürde zu knacken. Ironie der Geschichte: Am Sonntag war es umgekehrt. Die FDP verpasste den Einzug in Parlament deutlich mit einem mageren Ergebnis, das sogar hinter der rechtsradikalen NPD zurückblieb. Einer anderen liberalen Partei gelang dafür ein fulminanter Triumph: Erstmals zog die erst 2006 gegründete Piratenpartei in ein Landesparlament ein - und das gleich mit 8,9 Prozent der Stimmen.

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Die Piratenpartei hat im Gegensatz zur FDP in Berlin beste Aussichten am Sonntag ins Landesparlament einzuziehen. Wie es dazu kommen konnte, erklärt Spitzenkandidat Martin Delius im Interview mit Handelsblatt Online.

Ganze 15 Sitze im Berliner Abgeordnetenhaus werden damit aus ihren Reihen besetzt. Besser hätte das Ergebnis für die Piraten auch nicht ausfallen dürfen: Mehr als 15 Kandidaten hatten sie gar nicht aufgestellt. Hätten sie mehr Stimmen gewonnen, wären Parlamentssitze unbesetzt geblieben.

Doch woher kommt dieser überraschende Erfolg? Diesmal waren es nicht nur Erst- und Jungwähler, die sich für die Politik-Amateure begeistern konnten. Auch aus der „Mitte der Gesellschaft“ wurden die Piraten nach Angaben von Wahlforschern gewählt: Erwachsene im mittleren Alter mit hohem Bildungsabschluss. Dabei profitierten die Piraten nach Angaben der Forschungsgruppe Wahlen vor allem von der Unzufriedenheit mit den anderen Parteien. Nur zehn Prozent hätten sie wegen ihrer Inhalte gewählt. Die Piraten sind die derzeit angesagte Protest- und Anti-Parteien-Partei. Die eher unprofessionell wirkenden Auftritte des jungen Berliner Spitzenkandidaten Andreas Baum schadeten dabei offenbar nicht. Eher im Gegenteil: Für viele Wähler macht das gerade den authentisch wirkenden Charme aus.

Das freche Auftreten der Piratenpartei macht die etablierte Konkurrenz nervös. Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) gab am Tag nach der Berlin-Wahl selbstkritisch zu bedenken, dass die CDU „da auch vielleicht ein bisschen moderner im Erscheinungsbild auftreten muss“. Und Grünen Co-Chef Cem Özdemir bemerkte anerkennend: „Da war das eine oder andere Plakat dabei, das ich mir auch bei den Grünen hätte vorstellen können.“

Digitale Entfremdung

Doch die Wurzeln der Newcomer reichen tiefer. Wer das Phänomen Piraten verstehen will, muss den Blick auch auf diejenigen richten, die den Nukleus der neuen Bewegung bilden: die Digital Natives. Das sind überwiegend junge Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind - also die „Eingeborenen des Internets“.

Ihre Alltagswelt hat sich von denen der etablierten Parteien entfernt. Während für diese Generation digitale Technologien selbstverständlich nutzt, spricht die etablierte Politik meist nur von den Gefahren. Zum Alltag vieler Jugendlicher gehören heute beispielsweise Computerspiele. Doch während andere kulturelle Erzeugnisse wie Filme in Deutschland gefördert werden, finden Computerspiele bei Politikern meist nur im Zusammenhang mit Amokläufen, Sucht oder Vereinsamung Erwähnung. Während junge Erwachsene tagtäglich die vielen Vorzüge einer freien und unzensierten Kommunikation im Internet genießen, behandelt die etablierte Politik das Internet vornehmlich im Kontext von Kinderpornografie oder Hacker-Angriffen. Und während Unionspolitiker die verdachtslose Speicherung aller Internet-Verbindungsdaten fordern, machen sie gleichzeitig Front gegen neue Dienste wie Google Street View oder Facebook - und zwar aus Datenschutzgründen.

Kommentare (15)

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Gummiboot

19.09.2011, 13:33 Uhr

Kann den Artikel vielleicht jemand korrigieren?
Da bekommt man ja Augenkrebs.
...Terroranschlägen vom 11. September 2011
...schreibt nennt Bloggerin...schreibt sie beispielsweise
...Und Grünen Co-Chef Cem Özdemir bemerkte anerkennend: „Da war das eine oder andere Plakat dabei, das ich mir auch bei den Grünen hätte vorstellen können.“ Auch Grünen-Co-Parteichef Cem Özdemir will von den Piraten offenbar lernen „Da war das eine oder andere Plakat dabei, das ich mir auch bei den Grünen hätte vorstellen können.“

Bernhard

19.09.2011, 13:39 Uhr

Der Trend dürfte weitergehen… Ich halte dieses Wahlergebnis nicht für ein einmaliges Phänomen. Wer mehr Demokratie wünscht, wird zukünftig möglicherweise die Piraten wählen. Das aktuelle politische Parteien-System wird als zukunftsunfähig wahrgenommen. Postengeschacher und Klüngel höhlen die Demokratie aus. Das Internetzeitalter macht mehr Demokratie transparent und einfach möglich – das Volk will an den Entscheidungen der Zukunft teilhaben. Mehr Volksabstimmungen, weniger Parteienmacht dürfte die Zukunft bringen. Wer das nicht sieht, wird als alt und nicht der Zukunft zugewandt gelten.

alex

19.09.2011, 13:54 Uhr

wenn die piraten sich noch die eu und den euro zur brust nehmen würden, wären sie unaufhaltsam

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