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27.09.2013

14:50 Uhr

Berliner Chaos-Airport BER

„Auf Nachtflugverbote verzichten“

VonDietmar Neuerer

ExklusivNachtflüge am neuen Hauptstadtflughafen BER sind ein Dauerärgernis. Grüne und Linke würden gern ein strengeres Verbot erzwingen. Das würde dem Standort Berlin aber erheblichen Schaden zufügen, meint ein Experte.

Mit Transparenten und Plakaten wird gegen die Belästigung durch Fluglärm von dem geplanten Großflughafen BER protestiert (Archivbild). dpa

Mit Transparenten und Plakaten wird gegen die Belästigung durch Fluglärm von dem geplanten Großflughafen BER protestiert (Archivbild).

BerlinIn der Debatte um ein strengeres Nachtflugverbot am künftigen Hauptstadtflughafen BER hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) vor den ökonomischen Folgen gewarnt. „Ein Nachtflugverbot ab 22 Uhr bedeutet faktisch, dass ab 21.30 Uhr keine planmäßigen Flüge mehr durchgeführt werden können. Gerade für Air Berlin als Hauptnutzer des zukünftigen Berliner Flughafens wäre dies eine gefährliche Betriebseinschränkung“, sagte IW-Experte Klaus-Heiner Röhl Handelsblatt Online.

Röhl sieht Nachtflugverbote für Großflughäfen generell kritisch, da diese Airports zu den „unverzichtbaren Bestandteilen der Infrastruktur in einer modernen, international vernetzten Volkswirtschaft“ gehörten. „Um einen optimalen Betrieb zu gewährleisten, der den Passagierverkehr am Tage und in den Abendstunden mit nächtlichem Frachtverkehr verknüpft, sollte hier auf Nachtflugverbote verzichtet werden“, sagte Röhl.

Röhl räumt allerdings auch ein, dass in der Abwägung mit Anwohnerinteressen immer häufiger Sperrzeiten festgelegt würden, so etwa am wichtigsten deutschen Luftfahrtstandort Frankfurt ab 23 Uhr. „Aufgrund der unklaren Situation für verspätete Flüge ist nach 22.30 Uhr kein regulärer Flugbetrieb mehr möglich, was für die Fluggesellschaften erhebliche finanzielle Belastungen mit sich bringt“, sagte der IW-Experte. Diese seien letztlich vom Passagier zu tragen.

Die wichtigsten Antworten zum Thema Nachtflugverbot

Welche Vorgaben gelten für Nachtflüge?

Allgemein-gültige Vorgaben gibt es bei nicht. Ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr, wir es vom Umweltbundesamt empfohlen wird,  gibt es nur in Dortmund und Memmingen. In Leipzig dürfen ab Mitternacht nur Frachtflugzeuge starten und landen. In Hannover, Erfurt, Münster, Köln, Hahn und Nürnberg darf bisher uneingeschränkt geflogen werden. Alle anderen Flughäfen in Deutschland sind von 0 bis 5 Uhr geschlossen. Es gibt aber begrenzte Ausnahmen in den so genannten angrenzenden Schulterstunden.

Wie häufig wird nachts geflogen?

Von den Start- und Landeanflügen auf deutsche Flughäfen entfallen neun Prozent auf die Zeit zwischen 22 und 6 Uhr.  Am Flughafen Köln ist der Anteil besonders hoch: Dort machen Nachtflüge etwa ein Viertel aller Flüge aus.  Bei einem kompletten Verbot von Nachtflügen müssten 19 Millionen Passagiere und 1,6 Millionen Tonnen Fracht verschoben werden, sagt der Verband der Fluglinien.

Gibt es gesetzliche Grenzwerte für die nächtliche Lärmbelastung?

Ja, die gibt es. An alten Flughäfen dürfen nachts die 55 Dezibel nicht überschritten werden, bei neuen Startbahnen gilt ein Grenzwert von 50 Dezibel. Allerdings darf dieser Grenzwert sechsmal pro Nacht bis zu doppelt so laut werden. Werden die Grenzwerte dauerhaft überschritten, haben die Anwohner einen Anspruch auf Schallschutzfenster.

Schädigt Fluglärm die Gesundheit?

An erster Stelle in der Argumentation stehen die Gesundheitsschäden durch nächtliche Ruhestörung. Die Weltgesundheitsorganisation WHO führt Verkehrslärm hinter Luftverschmutzung auf dem zweiten Platz der Umweltfaktoren, die Leiden verursachen.  Im Durchschnitt sollten 40 Dezibel nachts nicht überschritten werden, empfiehlt die WHO und das Umweltbundesamt. Wenn Lärm plötzlich anschwillt, reagiert der Körper mit der Ausschüttung von Stresshormonen, der  Blutdruck steigt und der Pulsschlag erhöht sich. Mögliche Folgen: Depressionen, Schlaflosigkeit, erhöhtes Risiko für  Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Was unternehmen die Flughäfen gegen Fluglärm?

Laut Flughafenverband wurden in den vergangenen Jahren 470 Millionen Euro in Schallschutzfenster investiert - weitere 400 bis 600 Millionen Euro sind für die kommenden Jahre eingeplant. Außerdem setzt der Verband auf emissionsärmere Landeanflüge und den Einsatz leiserer Flugzeuge.

Röhl warnte vor noch stärkeren Einschränkungen, wie sie von Flughafengegnern in Frankfurt, aber auch am neuen Standort BER bei Berlin angestrebt würden. Ein strengeres Nachtflugverbot könne „nicht nur die weitere Entwicklung dieser Flughäfen zum Erliegen bringen, sondern schwächt die Wettbewerbsposition der beiden deutschen Airlines Lufthansa und Air Berlin erheblich“.

Die Nachtflüge am BER sind schon länger ein Ärgernis – vor allem für die Anwohner, die sich juristisch gegen den Fluglärm wehren. Zum Teil mit Erfolg. Zuletzt sperrte das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg einen weiteren Abschnitt des mühsam ausgehandelten Flugroutensystems für den Hauptstadtflughafen. Maschinen dürfen demnach in der Zeit von 22 Uhr bis 6 Uhr nicht über Blankenfelde-Mahlow hinweg starten.

Kommentare (17)

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Thomas

27.09.2013, 15:09 Uhr

BERLIN wollte einen stadtnahen Flughafen.Und dazu gehört ein strenges Nachtflugverbot. Dadurch wird es wenige Flüge weniger geben - davon kann doch nicht das Schicksal Berlins abhängen. Es war eine bewusste Entscheidung gegen Sperenberg, die auch Herr Wowereit mitgetragen hat. Jetzt rächt sich das lügen bei den Flugrouten.

Account gelöscht!

27.09.2013, 15:33 Uhr

Ein Hauptstadtflughafen für die größte Volkswirtschaft Europas, der wie ein kleines Gemeindeamt vorschriftsmäßig früh zu und spät wieder auf macht, passt zu Berlin.

Grüne und Linke wollen sowieso, dass Deutschland wirtschaftlich tiefe Provinz wird.
Und verglichen mit dem Schaden, den Wowereit mit seinen Managementkünsten in Berlin anrichtet, kommt es auf weitere Lachnummern nicht an.

Den Bürgerinitiativen ist zu raten, dass sie diese Politker in ihrem Tiefschlaf nicht durch irgendwelche Initiativen stören sollten. Solange denen ihre Kreise nicht gestört werden, brauchen sie sich auch tagsüber vor Lärm nicht zu fürchten.


SOLO

27.09.2013, 15:40 Uhr

Fluglärm wird immer auf dem Rücken der "Betroffenen" ausgetragen.
Wenn diese entsprechend entschädigt werden müssten und das wäre wirklich auch einklagbar, dann gäbe es diese Problematik erst gar nicht. Dieses Problem ergibt sich nicht nur in unmittelbarer Nachbarschaft des Flughafens, sondern eine ganze Region ist davon betroffen. Die Reihenfolge für den Betrieb eines Flughafens ist immer die Sicherheit, dann kommt die Wirtschaftlichkeit und dann kommt lange Zeit nichts gefolgt von denen, die Fluglärm, Feinstaub und Abgase ertragen müssen.Hier sollten sich viel mehr Leute wehren, denn es geht hier immer nur um Geschäfte, das Leben von Betroffenen spielt da nur eine untergeordnete Rolle.

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