Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

16.08.2012

10:56 Uhr

Berliner Flughafen-Debakel

„Wie die Kernschmelze in einem AKW“

VonDietmar Neuerer

ExklusivDer Druck auf die Verantwortlichen des Debakels um den neuen Berliner Hauptstadtflughafens wächst. Selbst in der großen Koalition in Berlin werden jetzt personelle Konsequenzen für unausweichlich gehalten.

Auch er soll seinen Posten räumen: Der Aufsichtsratsvorsitzende der Berliner Flughäfen, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). dapd

Auch er soll seinen Posten räumen: Der Aufsichtsratsvorsitzende der Berliner Flughäfen, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD).

DüsseldorfAngesichts der der Verzögerungen beim Bau des Hauptstadtflughafens  hat erstmals ein CDU-Politiker aus der großen Koalition in Berlin personelle Konsequenzen gefordert. Der Geschäftsführer der Flughafengesellschaft, Rainer Schwarz, müsse „schnellstmöglich seinen Platz räumen“, sagte der Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Karl-Georg Wellmann Handelsblatt Online. „Schwarz hat sich erwiesenermaßen als unfähig erwiesen, ein solches Bauvorhaben zu managen, die Krise zu erkennen und in den Griff zu bekommen.“

Wellmann forderte überdiese den Rücktritt von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (beide SPD) aus dem Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft. „Wowereit und Platzeck sind angesichts ihrer Aufgaben als Regierungschefs nicht in der Lage, ihre Aufsichtsfunktion so wahrzunehmen, wie sie es müssten“, sagte der CDU-Politiker. „Sie sollten einem erfahrenen Manager aus der Wirtschaft Platz machen.“

Der steinige Weg zum Hauptstadtflughafen

1990er Jahre

Januar 1992: Beginn der Planungen für den Flughafen mit dem Projektnamen Berlin Brandenburg International, BBI.
Juni 1996: Der Ausbau des Flughafens Schönefeld sowie die Schließung der Flughäfen Tegel und Tempelhof werden beschlossen.

2004-2005

August 2004: Das Genehmigungsverfahren für den BBI wird mit dem Planfeststellungsbeschluss abgeschlossen.
April 2005: Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verhängt im Eilverfahren einen weitgehenden Baustopp.

2006-2008

März 2006: Das Gericht genehmigt in letzter Instanz den Bau des BBI unter verschärften Lärmschutzauflagen.
Juli 2008: Erster Spatenstich für das Flughafen-Terminal.
Oktober 2008: Nach 85 Jahren schließt der Flughafen Tempelhof.

2010-2011

Juni 2010: Unter anderem wegen der Pleite einer Planungsfirma wird die Eröffnung von Ende Oktober 2011 auf 3. Juni 2012 verschoben.
Oktober 2011: Das Bundesverwaltungsgericht gibt grünes Licht für nächtliche Flüge in Stunden am späten Abend und am frühen Morgen.

Januar 2012

Das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung legt die umstrittenen künftigen Flugrouten fest.

Mai 2012

Vier Wochen vor dem Termin wird wegen Problemen mit der Brandschutzanlage die Eröffnung des Flughafens erneut abgesagt. Später wird Chefplaner Manfred Körtgen entlassen.

August 2012

Der Aufsichtsrat lässt - anders als geplant - weiter offen, ob der BER wirklich am 17. März 2013 eröffnet werden kann, und verschiebt die Entscheidung. Eine Finanzspritze soll den Flughafen vor der Zahlungsunfähigkeit retten.

September 2012

Auf Vorschlag des neuen Technikchefs Horst Amann wird die Eröffnung noch einmal verschoben und auf den 27. Oktober 2013 terminiert. Die Gesellschafter beschließen, 1,2 Milliarden Euro für Mehrkosten nachzuschießen.

Januar 2013

6. Januar: Es wird bekannt, dass der 27. Oktober als Eröffnungstermin nicht zu halten ist.
16. Januar: Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck übernimmt den Aufsichtsratsvorsitz von Berlins Regierungschef Klaus Wowereit (beide SPD). Der Aufsichtsrat entlässt Flughafenchef Rainer Schwarz. Bis ein Nachfolger gefunden ist, soll Technikchef Amann die Betreibergesellschaft führen.

Februar 2013

13. Februar: Der frühere Chef des Frankfurter Flughafens, Wilhelm Bender, soll Chefberater für die Geschäftsführung werden, kündigt Platzeck an. Bender war zunächst als neuer Flughafenchef im Gespräch.
19. Februar: Rot-Rot in Brandenburg will ein Volksbegehren für ein strengeres Nachtflugverbot mittragen und löst heftigen Streit mit Berlin aus.

März 2013

4. März: Bender wird nicht Chefberater des Flughafens. Er sagt nach Querelen hinter den Kulissen ab.
7. März: Die Idee, Technikchef Amann einen Berater zur Seite zu stellen, ist nach Angaben von Platzeck vorerst vom Tisch. Es solle zügig ein neuer Flughafenchef gefunden werden.
8. März: Der frühere Chef von Deutscher Bahn und Air Berlin, Hartmut Mehdorn, wird neuer Geschäftsführer der Flughafengesellschaft, teilt Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) mit.

Wellmanns Parteifreund, der Berliner CDU-Bundestagsabgeordnete Frank Steffel, hält es für zwingend, dass der Aufsichtsrat heute einen Eröffnungstermin festlegt. „Heute muss ein realistischer Eröffnungstermin gefunden werden, der nicht noch einmal verschoben wird“, sagte Steffel Handelsblatt Online. „Sonst machen wir uns zum Gespött in der ganzen Welt.“ Der Aufsichtsrat müsse zudem jetzt schonungslos aufklären, wo die Fehler liegen und wer sie zu verantworten habe.

Wellmann nannte es „in hohem Maße peinlich“, dass die immensen Probleme beim Hauptstadtflughafen nicht frühzeitig erkannt worden seien. „Für das Ansehen Deutschlands und Berlins ist das verheerend.“ Für „gefährdet“ hält der CDU-Politiker angesichts der Unsicherheit über den Eröffnungstermin für den Hauptstadtflughafen die Pläne von Air Berlin, Berlin zum Drehkreuz seines Langstreckenverkehrs zu machen. Dass auch die Lufthansa-Planungen hinsichtlich des neuen Airports auf Eis lägen, verheiße zudem nichts Gutes.

Wellmann schließt vor diesem Hintergrund auch eine mehrjährige Verzögerung nicht aus. „2013 als Eröffnungsjahr ist insgesamt schon sehr ehrgeizig“, sagte er. Der Flughafen in Wien sei immerhin sechs Jahre verzögert gewesen. Wellmann verglich die Situation in Schönefeld mit der Atomkatastrophe in Fukushima. „Was wir momentan erleben, ist wie die Kernschmelze in einem Atomkraftwerk.“ Dass der bisherige Bauplaner mit seinem gesammelten Knowhow abgezogen worden sein, verschärfe die Situation noch.

Die Mehrkostenrechnung des Hauptstadtflughafens

Bisherige Mehrkosten

Der Hauptstadtflughafen BER wird deutlich teurer. Bislang geht der Aufsichtsrat von folgender Mehrkostenrechnung aus. Bisheriger Stand Gesamtkosten: 3,1 Milliarden Euro...

Plus

... plus 110 Millionen Euro für den längeren Betrieb in Tegel und Schönefeld bis zum geplanten BER-Start am 17. März 2013.

Plus 2.

... plus 276 Millionen Euro für Mehrkosten beim Bau.

Plus 3.

... plus 5 Millionen Euro für schon feststehende Vertragsstrafen.

Plus 4.

... plus 195 Millionen Euro für Risikovorsorge.

Plus 5.

... plus bis zu 591 Millionen Euro für erweiterten Lärmschutz.

Summe Mehrkosten

bis zu 1,177 Milliarden Euro.

Neuer Stand Gesamtkosten

bis zu 4,277 Milliarden Euro.

Finanzierung

Bislang sind 3,36 Milliarden Euro gesichert, davon rund 2,4 Milliarden Euro aus Krediten, 430 Millionen Euro vom Bund und den Ländern Berlin und Brandenburg, 531 Millionen Euro aus Eigenmitteln der Betreiber.

Finanzierung Mehrkosten

Finanzierung unklar.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

16.08.2012, 12:08 Uhr

"Dass der bisherige Bauplaner mit seinem gesammelten Knowhow abgezogen worden sein, verschärfe die Situation noch."
Der war wohl nicht unfähig?

Account gelöscht!

16.08.2012, 12:21 Uhr

Wie sagt der Oberaufseher Wowereit so schön beruhigend:
"Jeder, der schon mal ein Haus gebaut hat, weiss, dass es immer etwas teurer und etwas später wird."

Na klar, wenn man einen Großflughafen mit der Mentalität eines Häuslebauers angeht, dann wird es halt etwas teurer und etwas später.
Und wenn man dann die Mentalität eines dummen Häuslebauers hat, dann wird es eben sehr viel teurer und sehr viel später.

Unterschied: Der dumme Häuslebauer geht pleite und wird so etwas in seinem Leben nie wieder tun.
Unsere Wowereits haken das mit Steuergeld ab, lassen sich die Untreue und das Versagen als "Dienstzeit" auf die Pension anrechenen und brechen zu neuen Taten auf.
Natürlich wieder nicht auf eigene Kosten.
Aber wegen der hohen Verantwortung immer bestens bezahlt.






Account gelöscht!

16.08.2012, 14:08 Uhr

Zeige mir den Politiker der für einen anderen Job fachlich qualifiziert ist. Wovereit ist Spezialist für die Zerstörung von Infrastruktur, nicht für deren Schaffung! Siehe Schließung des Flughafens Tempelhof.

Der Flughafen BER kommt voran, wenn Wovereit geht!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×