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12.03.2012

07:36 Uhr

Bertelsmann-Studie

Deutschlands Schulsystem ist unfair

Die Chancengerechtigkeit an deutschen Schulen ist weiterhin mangelhaft. Laut einer Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung haben es Kinder aus armen Familien deutlich schwerer - egal wie intelligent sie sind.

Die Bildungschancen sind im deutschen Schulsystem äußerst ungleich verteilt. dpa

Die Bildungschancen sind im deutschen Schulsystem äußerst ungleich verteilt.

BerlinAuch zehn Jahre nach dem Pisa-Schock gilt die Chancengerechtigkeit in deutschen Schulen als ungenügend. Nach wie vor ist die Abhängigkeit zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg riesengroß. Dabei gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Dies geht aus dem ersten „Chancenspiegel“ hervor, den das Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung (IfS) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung zusammengestellt hat.

So haben Kinder armer Eltern oder von Migranten nach wie vor in allen Bundesländern deutlich geringere Chancen, nach der Grundschule ein Gymnasium zu besuchen, als Kinder von Akademikern - selbst bei gemessener gleicher Intelligenz. Besonders ausgeprägt ist diese Chancenungleichheit in Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Die Abitur-Chancen von Akademikerkindern sind hier im Schnitt 6,1 mal größer als die von Kindern aus niedrigeren Schichten. In Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hessen und Sachsen sind diese Chancen im Schnitt nur 2,5 mal so hoch.

Untersucht wurden für den „Chancenspiegel“ vier Bereiche, und zwar die Förderung von Lernbehinderten („Integrationskraft“), die Chancen für Kinder aus bildungsfernen Schichten, das Abitur zu erwerben (soziale „Durchlässigkeit“), die Leistungen beim Lesen und Textverständnis („Kompetenzförderung“) sowie der Anteil von Schülern mit weiterführenden Abschlüssen und ihre Chancen auf dem Ausbildungsstellenmarkt („Zertifikatsvergabe“).

Trotz der seit 2009 auch für Deutschland geltenden UN-Konvention mit dem Rechtsanspruch von lern- wie körperbehinderten Kindern auf den Besuch einer „normalen“ Schule (Inklusion) gibt es auch hier deutliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. Während Berlin, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und auch Schleswig-Holstein hier inzwischen erste Fortschritte verzeichnen, liegen vor allem Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen noch weit zurück.

Weitere Ergebnisse: Während in Sachsen beispielsweise drei von vier Schülern die Chance haben, eine Ganztagsschule zu besuchen, ist das in Bayern nicht einmal jeder zehnte. In Baden-Württemberg, Brandenburg, Sachsen und Schleswig-Holstein müssen heute nur noch im Schnitt 1,7 Prozent der Schüler ein Schuljahr wiederholen, in Bayern, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sind dies dagegen 4,5 Prozent. Das „Sitzenbleiben“ gilt unter Schulforschern heute als „Griff in die pädagogische Mottenkiste“ und ist verpönt.

Kommentare (47)

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BSchnider

12.03.2012, 08:30 Uhr

Man kann die Sache sehr einfach festhalten. Selektion nach striktem Leistungsprinzip. Dabei sind Mathematik und naturwissenschaftliche Fächer aufzuwerten, denn diese sind weniger durch die Umgebung beeinflussbar. Aber das will gerade das arrivierte Bürgertum nicht. Eine Selektion findet immer und überall statt. Fragt sich einfach nur, welche?

Willi

12.03.2012, 08:50 Uhr

Deutschlands Schulsystem ist nicht unfair, sondern darauf angewiesen, daß sich die Eltern kümmern. Daran scheitern oft die Kinder, die eben nicht von den Eltern gefördert werden. Daß das meist - aber nicht grundsätzlich - mit dem Bildungsniveau (und Wohlstand) der Eltern korreliert, ist schon richtig.
Fakt ist auch, daß durch die ewige Experimentiererei am Schulsystem die Qualität auf der Strecke blieb. Die Politik hat viel zuviel Einfluß auf Schule und Schulsystem.
Leider muß man beklagen, daß es in Deutschland keine positive Einstellung zur Elite gibt. Die Schulen versuchen sich zu häufig in Sozialromantik. Und die Lehrer verstehen sich leider viel zu häufig als Ritter wider die allgemeine und spezielle (undifferenzierte) Ungerechtigkeit.

@ "Denkender_Mann" > Vielleicht muß man ja so extrem provoizieren. Vielleicht hätte es auch ein wenig sachlicher gut getan. Ein Funken Wahrheit ist aber dran.

fafhnir

12.03.2012, 08:58 Uhr

Als Vater von 4 Kindern, die gerade selbst alle auf dem Weg zum Abitur sind, kann ich die im Artikel geschilderten Beobachtungen nur voll bestätigen. Leider.
Es ist nunmal so, dass die Schulen aufgrund der Verweigerung, sich den Veränderungen der Lebenswirklichkeit der letzten 30 Jahren anzupassen, zu einer Art "Museumsschulen" verkommen sind.
Kein Unternehmen, keine Verwaltung, würde mit einer solchen Anpassungsgeschwindigkeit überleben.
Dort gibt es Lehrer, die getreu dem Motto "Internet? Teamarbeit? Coaching? Methodik? Moderner Unsinn - Das sitz ich aus!" Generationen von Schülern für immer die Lust am Lernen vermiesen.
Ein unmotivierter Mathelehrer kann im Laufe seines Berufslebens tausenden(!) Schülern nachhaltig Schalten, indem er diesen Schülern eine Allergie gegen Zahlen einimpft.
Fragt man 1000 Erstklässler und 1000 10-Klässler nach "Lust auf Schule", so wird man sein Blaues Wunder erleben. Die Lust aufs Lernen wird 90% der Schülerschaft erfolgreich und gründlich ausgetrieben. Oft für ein ganzes Leben. Tragisch!
Darüber hinaus scheint es (oft) nicht als Aufhabe der Lehrer empfunden zu werden, schlechte oder hinterher hinkende Schüler aufzufangen, ihnen Mut zuzusprechen und sie wieder ins Boot zu holen, sondern das müssen dann die Eltern leisten.
Und genau dort liegt der Grund, warum Kinder aus Familien, wo das Einkommen aufgrund der Bildung besser ist, eine bessere Schulausbildung erhalten. Wegen Eltern, die über Zeit und/oder Ressourcen verfügen, um Defizite in Eigenleistung auszugleichen.
Die Schule lagert quasi die Problemfälle aus, für die ein Pädagoge eigentlich ausgebildet wurde.
So lange wir nicht erkennen, dass es für eine Volkswirtschaft günstiger ist, einen Lehrer, der seinen Beruf nicht ernst nimmt (und das sind nicht alle!), besser bei vollen Bezügen zu Hause zu lassen und den Unterricht von motivierten Pädagogen durchführen lässt, so lange wird sich an dieser verfahrenen Situation nichts ändern.

Lehrer müssen kündbar sein !!!

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