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03.10.2012

17:08 Uhr

Bertelsmann-Studie

Minijobs verschärfen Fachkräftemangel

VonDietrich Creutzburg

ExklusivDie Regierung möchte die Verdienstgrenzen für Minijobs geringfügig anheben. Die Bertelsmann-Stiftung warnt vor einer "Geringfügigkeitsfalle". Vor allem Mütter würden Minijobs einer Vollzeitbeschäftigung vorziehen.

Die Regierung plant eine Anhebung der Verdienstgrenzen für Minijobs. dpa

Die Regierung plant eine Anhebung der Verdienstgrenzen für Minijobs.

Minijobs verschärfen den Fachkräftemangel und die Ungleichverteilung von Einkommen. Das zeigt eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung, die dem Handelsblatt (Donnerstagausgabe) vorab vorliegt. Im Ergebnis wirkten Minijobs „wie eine Geringfügigkeitsfalle“ und stellten vor allem „eine hohe Hürde für den substanziellen Wiedereinstieg von Müttern ins Erwerbsleben dar“, heißt es in der 70-seitigen Expertise. Die aktuellen Pläne der schwarz-gelben Regierungskoalition zur Anhebung der Minijob-Verdienstgrenze von 400 auf 450 Euro seien vor diesem Hintergrund eine „vertane Chance“, warnte der Arbeitsmarktforscher und Mitautor der Studie, Eric Thode.

Ursache des Problems sei zum einen der abrupte Anstieg der Abgaben- und Steuerbelastung an der oberen Verdienstgrenze der begünstigen Minijobs. Zusätzlich werde dieser „Fehlanreiz“ oft gerade für gut ausgebildete Ehefrauen noch durch die Effekte des Ehegattensplittings bei der Einkommensteuer verschärft, so die Studie: Jeder Mehrverdienst der Partnerin führe dann über den sinkenden Splittingvorteil zu einem überproportionalen Anstieg der Steuerlast. Nach den Daten der Studie leben allein zwei Millionen der rund sieben Millionen Minijob-Beschäftigten mit einem vollzeitbeschäftigten Ehepartner zusammen. Gleichzeitig haben mehr als drei Viertel der Minijobberinnen mindestens eine abgeschlossene Berufsausbildung, ermittelten die Forscher.

Die Bertelsmann-Studie empfiehlt daher eine zweiteilige Reform: Zum einen solle der Minijob in der heutigen Form abgeschafft werden und stattdessen eine gleichmäßige Abgabenprogression im Verdienstbereich bis 800 Euro eingeführt werden. Derzeit muss bis zur Grenze von 400 Euro allein der Arbeitgeber Abgaben von 30 Prozent zahlen; ab 401 Euro fallen auch Arbeitnehmerbeiträge an, zudem greift der Lohnsteuerabzug. Zum anderen empfiehlt die Studie, das Steuersplitting durch Einführung eines Höchstbetrags für die gemeinsame Steuerveranlagung zu begrenzen.

Mit einer solchen Reform würden nach den Berechnungen der Forscher etwa 60.000 zusätzliche Vollzeitstellen entstehen. Gleichzeitig würde die Staatskasse etwa neun Milliarden Euro mehr einnehmen. Diese Zusatzeinnahmen könnten dann beispielsweise „zielgerichteter als bisher für die Unterstützung von Familien verwendet werden“, schlagen die Forscher vor. Alternativ komme eine Absenkung des Solidaritätszuschlags in Betracht.

Die Studie soll am Donnerstag offiziell vorgelegt werden.

Kommentare (9)

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sven

03.10.2012, 18:07 Uhr

Punkt 1: Selbst wenn Lohnsteuern ab 401 Euro einbehalten werden was ich bezewifle, das Steuerberater und Arbeitgeber das tatsächlich machen, werden diese spätestens bei der Steuererklärung zurückerstattet da die Steuerfreigrenze in Deutschland aktuell bei 7754 Euro pro jahr, also 647 Euro pro Monat liegt. Verdient man weniger in einem Jahr, so fällt keine Einkommensteuer an. Werbungskosten noch nicht eingerechnet die das ganze erhöhen.

Punkt 2: Ich kenne genug Leute, die nicht wegen des Steuerbazugs den Minijob wählen, sondern aufgrund der Tatsache, dass sie mehr Freizeit haben. Das betrifft speziell Eltern bzw. mindestens ein Elternteil weil diese Zeit mit Ihren Kindern verbringen wollen...

Die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist nämlich ein Märchen der Politik. Wenn ich familie will, dann will ich nicht quasi rund um die Uhr arbeiten und meine Kinder und meine Familie nicht sehen... oder ich will eben keine Familie...

Nachwuchs

03.10.2012, 19:08 Uhr

Minijobs? Dies sollte die Ausnahme sein. Ansonsten Weg mit Minijobs und Zeit-/Leiharbeit. Wer normal arbeitet ( 8 Std. Vollzeit) soll davon samt Familie gut leben können. Nebenjobs müssen verboten werden. Im Arbeitsvertrag sollte doch stehen "zum Wohl der Firma". Wer seine Arbeitskraft dafür einsetzt, muss sich erholen. haben wir nur noch Banker: Zum Schaden der Firma und Kunden????

Minijob

03.10.2012, 19:48 Uhr

@sven

in meinem Bekanntenkreis hab ich die Erfahrung gemacht, dass Frauen gerne regulär Teilzeit arbeiten wollten, z.b. auf 20-30 Std.-Woche, fanden in ihrem Beruf gar keine Stelle und mussten deshalb notgedrungen ausweichen auf Minijobs.

wobei man an dieser Stelle ehrlich sein muss: früher hätten sie eine sv-pflichtige Stelle gebraucht für die eigene Rente, mittlerweile -- so behauptet ja Frau von der L. lohnt sich unter 2500 Euro Brutto Vollzeitarbeit sowieso nicht - von daher reicht der Rentenanspruch künftig wohl auch bei Teilzeit eh nicht mehr aus.

in vielen Bundesländern arbeitet jede 5. Frau im Minijob. Andere Stellen werden dort oft gar nicht angeboten. Das Problem ist nur, das es wegen mangelnden Mindestlöhnen zu einer zeitlichen Überbeanspruchung kommt -- es ist nicht angemessen wenn eine Kita oder ein Laden bei 400 EuroJobs 60 Std.im Monat Arbeit verlangt. Da werden massiv Löhne gedrückt.

in meinem Bekanntenkreis durften nach Ausbildung und befristeten Vertrag alle gehen, die schwanger wurden -- damit waren sie raus aus dem Arbeitsmarkt und fanden danach nur Minijobs.

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