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04.11.2015

11:09 Uhr

Bierzelte statt Talkshows

Wie die FDP die Flüchtlingskrise nutzen will

VonTill Hoppe

Die großen TV-Talkshows lassen die FDP links liegen, in der Flüchtlingsdebatte sind liberale Themen nicht gefragt. Doch FDP-Chef Christian Lindner hat eine eigene Strategie – die seine Partei beflügeln soll.

Anders als die AfD sucht Lindner in der Flüchtlingsdebatte nicht die Nähe zum rechten Rand. dpa

FDP im Aufwind

Anders als die AfD sucht Lindner in der Flüchtlingsdebatte nicht die Nähe zum rechten Rand.

BerlinDie Muswiese blickt auf eine lange Tradition zurück: Bereits zum 581. Mal fand das Volksfest im hohenlohischen Ort Musdorf in diesem Oktober statt. Die Muswiese ist eine große Attraktion in der Region, mehr als 140 Aussteller locken jährlich zehntausende Besucher an. Unter ihnen: Christian Lindner.

Der Bund der der Selbstständigen hatte den FDP-Vorsitzenden als Redner ins Festzelt geladen, rund 1500 Zuhörer lauschten seinen Worten, darunter viel Laufkundschaft. Unter dieser einigermaßen repräsentativen Stichprobe der Bevölkerung hat Lindner viel Zustimmung ausgemacht zu seinen Thesen, ob zur Flüchtlings- oder Wirtschaftspolitik.

Der FDP-Chef erfährt durchaus Zuspruch in diesen Wochen, obwohl es nicht leicht für ihn ist, in der alles dominierenden Flüchtlingsdebatte Gehör zu finden. Die großen TV-Talkshows lassen die Liberalen konsequent links liegen, Lindner schlägt sich mit Interviews für Regionalzeitungen durch. Und eben mit Auftritten in Festzelten.

Wo kommen die Flüchtlinge über die Grenze nach Deutschland?

Wegscheid

Jeden Tag kommen tausende Flüchtlinge über die deutsch-österreichische Grenze nach Bayern. Viele der Migranten fahren die österreichischen Behörden mit Bussen direkt an die Grenze. Die Deutsche Presse-Agentur hat die Grenzübergänge zusammengestellt, an denen die meisten Menschen ankommen.

Die Bundesstraße 388 führt zum Grenzübergang Wegscheid im Landkreis Passau. Auf einer großen Wiese auf österreichischer Seite nahe dem Ort Hanging warteten in den vergangenen Tagen die vielen Tausend Flüchtlinge. Seit Freitag können die Migranten ein großes Zelt nutzen. Nur wenige Meter hinter der Grenze ist es am Abend stockdunkel, rechts und links gibt es nur Wald und Äcker. Der deutsche Ort Wegscheid ist etwa drei Kilometer entfernt. Zuletzt kamen hier täglich mehr als 2000 Menschen an.

Passau-Achleiten

Dies ist der zweite „Hotspot“ an der Grenze zwischen Österreich und Niederbayern. Er liegt direkt an der Donau. Auf deutscher Seite steht das Gasthaus „Zur Freiheit“, direkt hinter der Grenze steht in Österreich eine Tankstelle mit großen Parkplatzflächen. Hier warteten die Flüchtlinge an den vergangenen Tagen auf dem Asphalt. Nach Passau sind es nur wenige Hundert Meter. Auch hier wurden zuletzt täglich mehr als 2000 Menschen empfangen.

Passau-Neuhaus

Eine zweispurige Brücke über den Inn bildet den Grenzübergang. Er liegt idyllisch. Auf der einen Seite ist ein Waldgebiet und die österreichische Stadt Schärding, auf der deutschen Seite kommt man direkt in die Ortschaft Neuhaus. Dieser Grenzübergang wurde zuletzt von rund 250 Flüchtlingen täglich genutzt.

Ering

Hier geht der Grenzgänger über einen Staudamm von Österreich nach Deutschland. Autos dürfen hier nicht fahren. Der Weg ist nur für Radfahrer und Fußgänger frei. Auf der österreichischen Seite liegt die Ortschaft Mining. In den vergangenen Tagen kamen an diesem Übergang im niederbayerischen Landkreis Rottal-Inn im Schnitt 300 Flüchtlinge an.

Simbach am Inn

Der Inn bildet die Grenze zwischen Simbach am Inn und dem österreichischen Braunau, der Geburtsstadt von Adolf Hitler. Eine etwa 250 Meter lange Brücke verbindet die beiden Orte. Am vergangenen Dienstag waren hier zwei Flüchtlinge aus Verzweiflung in den kalten Fluss gesprungen, konnten aber gerettet werden. Zuletzt wurden an diesem Übergang täglich knapp 1000 Flüchtlinge gezählt.

Freilassing

Freilassing im Südosten Bayerns ist der Grenzort zu Salzburg. Die Flüchtlinge passieren die Brücke über die Saalach, die wenige Kilometer weiter östlich in die Salzach mündet. Parallel dazu verläuft etwas entfernt eine viel befahrene Bundesstraße. In Salzburg sind hier einige Gewerbebetriebe angesiedelt.

Für Fußgänger zweigt links ein kleiner Weg über den Fluss ab, entlang eines Stauwehrs. Auf bayerischer Seite gibt es einen Wald und Felder, bevor Freilassing beginnt. Die Ortschaft erlebt seit Wochen einen großen Ansturm von Migranten. In den vergangenen Tagen zählte die Bundespolizei zwischen 1500 und 2000 Flüchtlingen täglich. Ein paar wenige kamen auch mit dem Zug am Bahnhof im weiter westlich gelegenen Rosenheim an.

Die Wahrnehmungsschwelle zu überwinden fällt der FDP derzeit fast schwerer als die Fünf-Prozent-Hürde zu nehmen: Erstmals seit Mitte 2013 attestieren derzeit alle Meinungsforschungsinstitute den Liberalen, den Einzug ins Parlament zu schaffen.

Die Union hat in der Flüchtlingskrise viel Zustimmung verloren. Viele Unzufriedene wechseln zur AfD, aber auch die FDP scheint etwas zu profitieren. Lindner will die Gelegenheit jedenfalls ergreifen: „Wir haben bei der Bundestagswahl 2013 viele Wähler an die CDU verloren, die wollen wir natürlich zurückgewinnen“, sagt er.

Anders als die AfD sucht Lindner dabei aber nicht die Nähe zum rechten Rand. Das würde wohl auch nach hinten losgehen, denn liberal eingestellte Wähler stehen Einwanderung offen gegenüber: Laut Infratest Dimap lehnen 63 Prozent etwa eine Einschränkung des Asylrechts ab.

Unter den Unionsanhängern sind es nur 47 Prozent. Auch prominente Neumitglieder aus der Wirtschaft wie BASF-Aufsichtsratschef Jürgen Hambrecht oder Hans Georg Näder, Chef des Mittelständlers Otto Bock, würden das kaum goutieren. „Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering, dass die FDP mit einer dezidierten Law-and-Order-Politik in der Parteienlandschaft Erfolg hätte“, sagt Infratest-Geschäftsführer Nico Siegel.

Da aber auch unter FDP-Wählern angesichts des massiven Flüchtlingsandranges die Verunsicherung wächst, versucht Lindner einen dritten Weg einzuschlagen – einen Mittelweg zwischen der Abschottungsrhetorik der CSU und dem Willkommenskurs der Kanzlerin. „Wir wollen weder das Grundrecht auf Asyl einschränken doch die Grenzen dicht machen“, sagt er, „aber wir müssen schnell den unkontrollierten Zuzug begrenzen, den Merkel mit ihren Selfies und der Öffnung der Grenze in Ungarn ausgelöst hat.“

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