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03.09.2012

17:30 Uhr

Biografie

Was Sie über Schäuble noch nicht wussten

VonThorsten Giersch

Bald feiert Wolfgang Schäuble seinen 70. Geburtstag. Dazu hat ein Wegbegleiter eine bemerkenswerte Biografie über den Politiker geschrieben. Mit Neuigkeiten über Kohl, Merkel und das Attentat, das alles veränderte.

Die Lebensgeschichte von Wolfgang Schäuble ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. dapd

Die Lebensgeschichte von Wolfgang Schäuble ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert.

DüsseldorfEs ist ein kühler Herbsttag in Oppenau, der 12. Oktober 1990. Ein Freitag. Ein Heimspiel für Wolfgang Schäuble: Die rechte Hand von Kanzler Helmut Kohl ist auf Wahlkampftour in Baden. 22.04 Uhr. Die Rede ist vorbei. Schäuble geht im Applaus Richtung Ausgang. Plötzlich fallen Schüsse. Der sportliche Mann liegt auf dem dreckigen Teppichboden – getroffen von zwei Schüssen aus dem Revolver des 36-jährigen Dieter Kaufmann. „Ich kann meine Beine nicht mehr spüren“, sagt er kurz bevor er das Bewusstsein verliert. Kohls Kronprinz ist in diesem Moment nur knapp dem Tode entronnen. Für ihn beginnt ein zweites Leben.

Hans Peter Schütz war damals dabei. Jetzt hat der Stern-Journalist dieses Erlebnis und viele andere andere aufgeschrieben. Seine Biografie über Wolfgang Schäuble erscheint passend kurz vor dessen 70. Geburtstag und zeigt einen Mann in der Nahansicht, den wir alle zu kennen glauben – und doch nur sehr bedingt kennen.

Die Lebensgeschichte von Wolfgang Schäuble ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Dieser Freitag im Oktober 1990 teilt sich in zwei Hälften. Dieses Attentat, das Schäuble selbst nie so nennt, sondern „den Unfall“, hat alles verändert. Dem geistig labilen Schützen hat Schäuble nie verziehen, auch wenn Dieter Kaufmann Jahre später Reue zeigte. Die Sicherheitsvorkehrungen waren damals viel zu lasch. Aber immerhin hat sich ein Leibwächter vermutlich lebensrettend in den dritten Schuss geworfen – und wurde verletzt.

Was Sie noch nicht über Wolfgang Schäuble wussten

Rolle des Vaters

Thomas Schäuble beschreibt den Vater als gütigen, weichen Menschen. Nicht mit Druck, sondern mit Argumenten hat der Vater den Söhnen die CDU nahe gebracht. Besonders Sohn Wolfgang sprang darauf an: Schon mit zehn, zwölf Jahren begleitete er den Vater auf seine Veranstaltungen als Landtagsabgeordneter.

Rolle der Mutter

Seine Mutter war stets eine sehr gewissenhafte Frau. So soll sie einmal keine 20 Pfennig für eine Parkuhr gehabt haben und deshalb am nächsten Tag hingefahren sein, um nachzuzahlen.

Kriegstage

Für Wolfgang Schäuble wäre der Krieg fast tödlich ausgegangen. Die alliierten Flieger warfen Brandbomben ab und trafen durch Zufall das Haus, in dem sich die Familie Schäuble versteckte. Das Haus ging in Flammen auf, die Familie flüchtete – alle, bis auf Wolfgang Schäuble. Gerettet wurde der damals Zweieinhalbjährige von seinem Bruder Frieder, der ihn unter brennenden Decken fand – grün und blau angelaufen wegen Atemnot.

Schüler

Thomas Schäuble beschreibt seinen Bruder als „mathematisches Genie“. Wolfgang hatte in der Schule von der Sexta bis zur Oberprima – entspräche heute der fünften bis 13. Klasse – eine Eins in Mathe. Er dachte sogar an ein Mathematikstudium, entschied sich aber dann doch für Jura.

Jura-Studium

Zu Jura kam Wolfgang Schäuble dann wieder durch seinen Vater. Für den wäre eine solches Studium ein Lebenstraum gewesen. Durch juristische Diskussionen hat er diesen Lebenswunsch dann auf seine Kinder übertragen – alle drei studierten später Jura.

Rolle in der Familie

Wenn Gertrud Schäuble in der Kur war, nahm Wolfgang die Rolle der Hausfrau und strengen Mutter ein: Er konnte kochen wie eine erstklassige Hausfrau, besonders Linsen und Spätzle.

Ehrgeiz

Unter den Brüdern zeigte Wolfgang Schäuble den größten Ehrgeiz. Er habe stets der Beste sein wollen, berichtet Thomas Schäuble. Anderen zuzusehen und zuzuhören, die nicht so gut waren, sei seinem Bruder stets schwer gefallen.

Führungsstärke

Schon beim Doppel mit seinem Bruder wollte Wolfgang Schäuble stets die Führungsrolle übernehmen – obwohl Thomas der bessere Spieler war. Auf dem Platz haben sie sich ständig angemacht: „Was macht du denn jetzt schon wieder?“ Danach vermieden die Brüder, miteinander Doppel zu spielen.

Folgen des Attentats

Thomas Schäuble bezeichnet seinen Bruder seit dem Attentat „zugänglicher“ als früher. Das liege daran, dass er sich unheimlich darüber gefreut habe, dass seine große Familie zu ihm stand, als er das Leben im Rollstuhl lernen musste. Andere wiederum sagen, er sei härter geworden.

Verhältnis zur Politik

Wolfgang Schäuble ist fasziniert von der Politik. Sein Bruder bezeichnet ihn gar als „politikbesessen“.

Verhältnis zu IWF-Chefin Christine Lagarde

In seinem politischen Wirken schätzt Wolfgang Schäuble besonders IWF-Chefin Christine Lagarde. Vor ihr sei er unglaublich beeindruckt, sagt sein Bruder. Zudem sei sie die einzige Frau, die ihn im Rollstuhl schieben darf – außer seiner Ehefrau.

Verhältnis zu Helmut Kohl

Bekannt ist, dass Wolfgang Schäuble ein loyaler Begleiter Helmut Kohls war – bis zur Spendenaffäre. Doch schon davor hat der heutige Finanzminister dem damaligen Kanzler die Meinung gesagt. Als 1998 klar wurde, dass es für Kohl nicht zu einer fünften Amtszeit reichen würde, war es Schäuble, der zu ihm sagte: „Helmut, du schaffst es nicht mehr.“ Diese Offenheit hat Kohl ihm allerdings übel genommen.

Kapitalismuskritik

Der Finanzminister hat seine Sicht auf den Kapitalismus verändert. „Je älter ich werde, und je mehr ich als Finanzminister sehe, desto größer wird meine Skepsis gegenüber dem Kapitalismus“, hat Wolfgang Schäuble einmal zu seinem Bruder gesagt. Er sehe den Kapitalismus wesentlich skeptischer als früher.

Die Biografie von Schütz lebt vor allem von der Nähe zu Schäuble und dessen Familie. Schäubles Frau Ingeborg erinnert sich besser an den Satz, den ihr Mann gesagt hatte – und von dem er längst nichts mehr wissen will: „Warum habt ihr mich nicht sterben lassen?“ Der Autor beschreibt detailliert den Weg des Opfers zurück an den Schreibtisch. Wobei er schon auf der Intensivstation wieder arbeitete.

Schäuble ließ sich ohne Rücksicht aus sich selbst wieder in die Bonner Politik einspannen. Ein Leben ohne Politik konnte er sich nicht vorstellen: „Willst du, dass ich in ein zurückgezogenes Leben umsteige, mit der Gefahr, dass die Unzufriedenheit wächst?“ Die engagierte Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe sagte – natürlich – nein und nahm Schäubles zweitem Leben nicht den Kern.

Schäuble wuchtete Hanteln, um seine Oberarmmuskeln zu trainieren: „Nur kein Mitleid zulassen, Selbstmitleid schon gar nicht.“ Solche Sätze gibt es im Dutzend in der Biografie und sie bleiben in Erinnerung. Schäuble war hart zu sich selbst – aber in den entscheidenden Momenten eben nicht hart genug zu seiner Umwelt. Er ließ sich von Helmut Kohl vor den Karren spannen – und wurde bitter enttäuscht. Und genauso war es Jahre später bei Angela Merkel.

Kommentare (78)

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herzlichen5

03.09.2012, 17:37 Uhr

Zu seinem Geburtstag schenkt er sich selbst die Beerdigung des Deutschen Wohlstandes durch den EURO, den er wesentlich mit zu verantworten hat. Herzlichen Glückwunsch.

esm

03.09.2012, 17:43 Uhr

Zeit für CFO Schäuble den Löffel abzugeben. Wir brauchen jetzt ein transparentes Controlling mit globalen Marktverständnis.

Es kann nicht sein dass die Kanzlerin in der EU Finanzkrise den Ton angibt, während Schäuble ständig durch geheime Wichtigtuerei auffällt. Der Mann gehört genau wie Ackermann zur alten Garde, die das Internet und die Globalisierung noch nicht richtig verstanden haben.

kommt_hinten_raus

03.09.2012, 17:47 Uhr

Mal anders herum gefragt:
Gibt es überhaupt jemanden auf diesem Planeten, der über Kohl als Person etwas Gutes sagen kann?

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