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24.07.2016

22:40 Uhr

Bluttat in München

Polizei nimmt Freund des Amokläufers fest

Psychisch krank, von Mitschülern gemobbt, Computerspieler: Das ist das Profil des 18-jährigen Amokschützen von München. Während die Politik über Konsequenzen debattiert, nimmt die Polizei einen Freund des Täters fest.

Amoklauf von München

LKA Bayern: „Der Täter hat sich die Waffe im Darknet besorgt“

Amoklauf von München: LKA Bayern: „Der Täter hat sich die Waffe im Darknet besorgt“

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München/BerlinDie Polizei hat einen Freund des Amokläufers von München als mutmaßlichen Mitwisser festgenommen. Es bestehe die Möglichkeit, dass der 16-Jährige gewusst haben könnte, dass am Freitagabend ein Amoklauf geplant war, teilte ein Polizeisprecher am Sonntagabend mit: „Wir wollen abklären, ob er das wusste.“ Gegen den Jugendlichen werde wegen Nichtanzeigens einer geplanten Straftat ermittelt.

Der 16-Jährige hatte sich bereits am Freitag unmittelbar nach dem Amoklauf mit neun Todesopfern bei der Polizei gemeldet, weil er den Täter kannte, der sich am Ende selbst erschoss. „Er wurde in Bezug auf seine Beziehung zum Täter vernommen“, teilte die Polizei mit. Die Ermittlungen hätten am Sonntag jedoch Widersprüche in seinen Aussagen aufgedeckt. Ein Sondereinsatzkommando habe den Jugendlichen daher gegen 18.15 Uhr in dessen Wohnung im Münchner Stadtteil Laim festgenommen. Gegen ihn soll Haftbefehl beantragt werden.

Die Ermittler prüfen, ob der Jugendliche auch für einen Facebook- Aufruf zu einem Treffen am Sonntag in einem Kino in der Nähe des Münchner Hauptbahnhofs verantwortlich ist. Dieser Aufruf hatte ein ähnliches Muster wie der Facebook-Aufruf des 18-jährigen Amokläufers, der über das soziale Netzwerk eine Einladung in ein Schnellrestaurant verschickt hatte, wo er dann den Amoklauf startete.

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Amokschütze plante die Tat seit einem Jahr

Die Bluttat von München war ein Amoklauf eines Einzeltäters. Der 18-Jährige Täter war ein „ausgeprägter Ego-Shooter-Spieler“ und besorgte sich die Waffe im „Darknet“. Die Ereignisse vom Wochenende zum Nachlesen.

Die Polizei warnte vor weiteren Nachahmungstaten. Sie kündigte an, „mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln gegen sogenannte Trittbrettfahrer vorzugehen“. Bei der Überprüfung des Kinos ergaben sich am Sonntag keine Auffälligkeiten.

Klar ist inzwischen, dass der Amokläufer von München seine Tat ein Jahr lang akribisch vorbereitet und dazu wie der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik ein Manifest verfasst hat. Einen politischen Hintergrund schlossen die Ermittler am Sonntag aber aus. Zur Vorbereitung seiner Bluttat reiste der psychisch kranke 18-Jährige auch nach Winnenden bei Stuttgart, den Ort eines früheren Amoklaufs. Seine Opfer, die überwiegend aus Migrantenfamilien stammen, suchte er sich nach bisherigen Erkenntnissen nicht gezielt aus.

Die Bluttat löste am Wochenende eine Debatte über die Verschärfung von Sicherheitsmaßnahmen aus. Unions-Politiker forderten mehr Videoüberwachung, die Stärkung der Sicherheitsbehörden und die Hilfe der Bundeswehr bei Terroranschlägen. Auch schärfere Waffengesetze und Maßnahmen gegen Gewaltverherrlichung in Computerspielen sind wieder im Gespräch.

Der Amoklauf hatte am Freitagabend ganz München in Angst und Schrecken versetzt. Der 18-jährige Täter schoss in und vor einem Einkaufszentrum sowie in einem Schnellrestaurant um sich, tötete neun Menschen - überwiegend Jugendliche - und schließlich sich selbst. Drei Menschen sind noch in Lebensgefahr. Insgesamt gab es laut Landeskriminalamt 35 Verletzte.

Polizei und Staatsanwaltschaft zufolge hat der Schüler unter „sozialen Phobien“ und Depressionen gelitten, war zwei Monate in stationärer, später in ambulanter Behandlung, zuletzt im Juni. In seiner Wohnung wurden auch Medikamente gefunden.

Im Jahr 2012 wurde der Täter von Mitschülern gemobbt. Ob es einen Zusammenhang zur Tat gebe, sei noch unklar, erklärten die Ermittler. Mitschüler seien aber nicht unter den Opfern.

Der Amoklauf fand am fünften Jahrestag von Breiviks Massenmord in Oslo und auf der norwegischen Insel Utøya statt, bei dem der Rechtsextremist 77 Menschen tötete. Der Täter von München informierte sich über dessen Tat und hatte in seiner Wohnung auch ein Buch mit dem Titel „Amok im Kopf - Warum Schüler töten“.

Nach Angaben der Ermittler spielte der Täter intensiv Videospiele wie „Counter-Strike“, die als gewaltverherrlichend kritisiert werden. Mit seiner Pistole gab er bei seinem Amoklauf mindestens 57 Schüsse ab. Die Waffe hat er wahrscheinlich in einem anonymen Bereich des Internets gekauft, dem sogenannten Darknet. Sie sei einst als Theaterwaffe entschärft, dann aber wieder zu einer scharfen Waffe umgebaut worden, sagte der Chef des Landeskriminalamts, Robert Heimberger.

Amokläufe in Deutschland

10. Juli 2015: Ansbach

Ein 47-jähriger Mann erschießt bei einer fast zweistündigen Amokfahrt im fränkischen Landkreis Ansbach eine 82-jährige Frau und einen 72 Jahre alten Fahrradfahrer, danach beschießt oder bedroht er weitere Menschen, bevor er an einer Tankstelle gefasst wird. Ein Gutachter bescheinigt bei ihm eine „akute Psychose“.

28. Februar 2014: Düsseldorf/Erkrath

Der 48-jährige Koch Yanqing T. tötet in zwei Anwaltskanzleien in Düsseldorf und dem benachbarten Erkrath zwei Frauen und einen 54-jährigen Anwalt. Dann legt er in den Büroräumen Feuer und fährt zu einer Pizzeria nach Goch an der deutsch-niederländischen Grenze, um seine Ex-Chefin zu töten und deren Restaurant anzuzünden. Er wird überwältigt und sieben Monate später zu lebenslanger Haft verurteilt. Auslöser der Taten war laut Gericht ein Rachefeldzug gegen Anwälte, von denen er sich in einem Rechtsstreit mit seiner Ex-Chefin schlecht vertreten fühlte.

19. September 2010: Lörrach
17. September 2009: Ansbach

17. September 2009: Ein 18-Jähriger dringt mit Molotow-Cocktails, einem Beil und Messern bewaffnet in ein Gymnasium im mittelfränkischen Ansbach ein. Dabei verletzt er 15 Schüler und Lehrer, einige davon schwer. Er wird später wegen versuchten Mordes in 47 Fällen verurteilt.

11. Mai 2009: Sankt Augustin

Ein geplanter Amoklauf einer 16-jährigen Schülerin an einem Gymnasium in Sankt Augustin wird gerade noch vereitelt. Bei der Vorbereitung der Bluttat wird die mit Molotowcocktails, einer Schreckschusswaffe und einem Kurzschwert bewaffnete Jugendliche auf der Schultoilette von einer 17-jährigen Mitschülerin überrascht. Die 16-Jährige attackiert sie mit dem Schwert und verletzt sie schwer. Die Täterin flieht, stellt sich aber später der Polizei.

1. März 2009: Winneden

Bei einem Amoklauf in Baden-Württemberg sterben 16 Menschen. In einer Realschule in Winnenden erschießt der 17-jährige Täter drei Lehrerinnen und neun Schüler, auf der Flucht tötet er drei Passanten, bevor er in einem Schusswechsel mit der Polizei selbst stirbt.

20. November 2006: Emsdetten

Bei einem Amoklauf eines schwer bewaffneten Ex-Schülers einer Realschule in Emsdetten im Münsterland werden insgesamt 37 Menschen verletzt, sechs davon durch Schüsse des Täters. Der 18-Jährige zündet zudem mehrere selbst gebaute Rohrbomben und Rauchkörper, bevor er sich in dem Schulgebäude mit einem Kopfschuss selbst tötet.

26. April 2002: Erfurt

Ein 19-jähriger Amokläufer erschießt 16 Menschen am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. Zu den Opfern zählen zwölf Lehrer, zwei Schüler, die Schulsekretärin und ein Polizist. Nach der Tat tötet sich der Schütze selbst.

1. November 1999: Bad Reichenhall

Ein 16-Jähriger schießt in Bad Reichenhall aus seinem Elternhaus wahllos auf Passanten. Zwei sind sofort tot, einer stirbt später. Bevor er sich selbst tötet, bringt der Täter auch seine 18-jährige Schwester um. Er hatte die Waffen, aus denen er die tödlichen Schüsse abfeuerte, aus dem Waffenschrank seines Vaters geholt.

Mit einem Fake-Account bei Facebook habe der Täter angekündigt, dass er in einem Schnellrestaurant eine Runde spendieren werde, sagte Heimberger. „Das war wohl der Versuch, Personen dorthin einzuladen.“ Nach bisherigen Ermittlungen gehörten die Menschen, zu denen der Täter auf Facebook Kontakt hatte, aber nicht zu den späteren Todesopfern.

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