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13.02.2012

11:57 Uhr

Boni für Versicherte

Riskanter Populismus gegen die Krankenkassen

VonThomas Schmitt, Peter Thelen

Der Gesundheitsminister möchte, dass gesetzlich Versicherte Beiträge zurückerhalten. Der Vorschlag betrifft vor allem kleine Institute und entzieht den Kassenverbünden Geld, das sie für Sanierungsfälle brauchen.

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) fordert die Krankenkassen auf, Beiträge zurück zu zahlen. dpa

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) fordert die Krankenkassen auf, Beiträge zurück zu zahlen.

Der Vorschlag von Gesundheitsminister Daniel Bahr klingt populär: Krankenkassen, die im Geld schwimmen, sollen ein Teil ihrer Beiträge an die Versicherten zurückgeben. Doch die Idee bringt nur wenigen etwas und schadet vielleicht viel. Gefördert werden dadurch womöglich sogar die großen Krankenkassen, die gerne kleine Institute schlucken möchten.

Geschwächt würden dagegen vor allem einige kleinere der knapp 150 Krankenkassen, die noch solide dastehen. Wenn diese ihre Rücklagen plündern, könnten sie schneller als erwartet in eine Schieflage geraten und damit zu Fusionskandidaten für die Großen werden.

"Aus schwarzen Zahlen können schnell rote Zahlen werden, insbesondere wenn die wirtschaftliche Situation sich verschlechtert und gesetzliche Kostenbegrenzungsmaßnahmen des GKV-Finanzierungsgesetzes auslaufen", warnt dementsprechend Thomas Ballast, Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Ersatzkassen e. V. (vdek).

Es geht um relativ wenig gesetzlich Versicherte. Nach einer Information der „FTD“ aus Regierungskreisen könnten etwa sieben Millionen Versicherte von Beitragsrückzahlungen profitieren. Das entspricht einem Zehntel der 70 Millionen Versicherten in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).

Die Zahl ist interessant. Sie zeigt: Die drei größten Krankenkassen, Barmer GEK, Techniker und DAK Gesundheit, kann Bahr nicht gemeint haben. Denn Barmer GEK und Techniker (TK) haben jeweils mehr als sieben Millionen Versicherte. Der Barmer GEK geht es bisher ohnehin  nicht so blendend, dass Boni an Versicherte in Frage kämen.

Die zehn größten Krankenkassen 2014

Platz 10

In Niedersachsen hat die AOK die Nase vorn. Insgesamt hat die AOK Niedersachsen 2,4 Millionen Versicherte - damit schafft sie es im Jahresranking 2013 gerade noch unter die Top Ten der deutschen Krankenkassen.

Quelle: dfg, Stand 3.2.2014

Platz 9

Mit 2,7 Millionen Versicherten ist die AOK Plus die größte Krankenkasse in Sachsen und Thüringen. Deutschlandweit rangiert sie an neunter Stelle.

Platz 8

Die AOK Nordwest belegt mit 2,7 Millionen Versicherten den achten Platz unter Deutschlands größten Krankenkassen. Das Unternehmen beschäftigt 7.600 Mitarbeiter.

Platz 7

Die AOK Rheinland/Hamburg hat knapp 2,9 Millionen Versicherte. Im Rheinland und in Hamburg ist sie damit die größte Krankenversicherung. Das Unternehmen betreibt mehr als 100 Geschäftsstellen.

Platz 6

Auf dem sechsten Platz der größten deutschen Krankenkassen befindet sich ein fusioniertes Unternehmen: Die IKK Classic. Sie ist im August 2011 aus der eher ostdeutschen IKK Classic und der eher westdeutschen Vereinigten IKK entstanden. Zusammen haben sie recht stabil knapp 3,5 Millionen Versicherte.

Platz 5

An der fünften Stelle der größten Krankenkassen Deutschlands steht die AOK Baden-Württemberg. Seit Jahren sind rund 3,9 Millionen Menschen bei ihr versichert.

Platz 4

In der Rangfolge liegt die AOK Bayern stabil mit 4,3 Millionen Versicherten. In Bayern hat die Krankenkasse einen Marktanteil von mehr als 40 Prozent. Das Unternehmen beschäftigt 10.000 Mitarbeiter in dem Freistaat.  

Platz 3

Auf Platz drei der größten deutschen Krankenkassen ist mit 6,255 Millionen Versicherten die DAK Gesundheit - der Zusammenschluss aus BKK Gesundheit und DAK. Laut eigenen Angaben ist die DAK die Krankenkasse Deutschlands, deren Wurzeln am weitesten zurückzuverfolgen sind - bis zum Jahr 1774. Allerdings verliert auch die neue Kasse Kunden. Gestartet war sie mit 6,6 Millionen Versicherten.

Platz 2

Die Barmer GEK ist seit 2014 nur noch die zweitgrößte Krankenkasse Deutschlands. Sie wurde am 1.Januar 2010 gegründet und unterhält laut eigenen Angaben rund 800 Geschäftsstellen bundesweit. 8,64 Millionen Deutsche sind Anfang 2014 bei ihr versichert. In einem zweiten Ranking liegt die Kasse dagegen noch auf Platz 1: Anfang 2014 hat die Barmer GEK noch rund 400.000 zahlende Mitglieder mehr als die TK.

Platz 1

Die größte Krankenkasse Deutschlands ist nach den neuesten Zahlen seit Anfang 2014 die Techniker Krankenkasse (TK). Sie gewinnt sehr stark Kunden hinzu. Anfang 2013 hatte sie 8,26 Millionen Versicherte. Mitte 2013 waren es 8,49 Millionen und zu Beginn 2014 sind 8,68 Millionen Versicherten. Damit liegt sie vor der viele Jahre führenden Barmer GEK.

Die TK gehört zu den größten Zahlern im brancheninternen Ausgleich. "Kein Bundesland zahlt so viel in den Länderfinanzausgleich wie wir an andere Krankenkassen", klagt Vorstandschef Norbert Klusen. Mit der Folge, dass dieses Geld für die Weitentwicklung der Krankenkasse und Investitionen in die Gesundheitsvorsorge fehlt. Für jede Krankenkasse ist es sehr schwer, den Finanzbedarf eines Jahres für sich einzuschätzen. "Der Risikostrukturausgleich ist eine schwarze Box", kritisiert Klusen.

DAK Gesundheit kommt schon deswegen nicht als Rückzahler in Frage, weil die beiden Fusionspartner DAK und BKK Gesundheit bis Ende März noch einen Zusatzbeitrag erheben. Beide waren vor zwei Jahren in Finanznot geraten und wollen durch ihre neue Größe auch politisch mehr Gewicht entfalten.

Weitere zehn der 15 größten Krankenkassen scheiden als Beitragsrückzahler ebenfalls aus. Dazu zählt zum Beispiel die IKK Classic, die sechstgrößte Kasse mit 3,6 Millionen Versicherten. Die Innungskrankenkasse hat gerade erst ein Schwesterunternehmen aus dem eigenen Kassenverband übernommen, die Vereinigte IKK, die am Rande der Schließung stand. Hier läuft der Fusionsprozess noch auf vollen Touren und die Sanierung ebenso.

Ebenfalls außen vor ist die KKH-Allianz. Die elftgrößte Krankenkasse wird erst Ende Februar den ungeliebten Zusatzbeitrag abschaffen und steht finanziell nicht so glänzend da, dass das Institut sich Rückzahlungen leisten könnten.

Kommentare (9)

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Realo

13.02.2012, 12:12 Uhr

Ich verstehe nicht, weshalb Bahrs Vorschlag als populistisch abgetan wird. Der Mann will einfach nur der Mittelschicht eine minimale Entlastung zukommen lassen, anstatt wie die Linken noch mehr Steuern zu fordern, und das soll falsch sein? Meine BKK spuckt ungefragt jedes Jahr einen Bonus aus, de facto eine Beitragsrückerstattung. Eine gut wirtschaftende Kasse. Bei der bleibe ich.

Man könnte allerdings aus Sicht der Leistungserbringer zu Recht argumentieren, dass der Überschuss besser in die Versorgung gepumpt werden sollte. Wenn man als Physiotherapeut, Logopäde oder Arzt pro Patient nur noch lächerliche Entlohnungen bekommt und gezwungen ist, den Patienten private Zusatzleistungen aufzuschwatzen, kann einem die derzeitige Diskussion um die Milliardenüberschüsse als ziemlich verfehlt erscheinen.

Tom

13.02.2012, 12:16 Uhr

Sollen die Kassen doch mal sparen, die letzte Studie von Kearney hat ergeben, dass die Bürokratie im Gesundheitswesen dank der vielen Kassen 27,5 Milliarden Euro verschlingt.

Bürokraten machen sich immer wichtiger, und die Kohle für die Versorgung fehlt immer mehr.

heweba

13.02.2012, 12:19 Uhr

Die Berliner Sachfremden haben wieder einmal zugeschlagen. Wenn zuviel Geld eingenommen wurde, ist eine Beitragssenkung geboten.

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