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16.12.2012

12:54 Uhr

Bonner Bombenanschlag

Drei Salafisten stehen unter Tatverdacht

Von dem versuchten Bombenanschlag in Bonn gibt es keine Videoaufnahmen. Wer das zu verantworten hat, darüber streiten Deutsche Bahn und die Bundespolizei. Ermittelt wird unterdessen gegen mindestens drei Tatverdächtige.

Polizisten untersuchten die Tasche am Bonner Hauptbahnhof. Nach Informationen des WDR hat die Polizei einen Tatverdächtigen identifiziert. dpa

Polizisten untersuchten die Tasche am Bonner Hauptbahnhof. Nach Informationen des WDR hat die Polizei einen Tatverdächtigen identifiziert.

KölnNach dem versuchten Bombenanschlag am Bonner Hauptbahnhof streiten die Deutsche Bahn und die Bundespolizei, wer das Fehlen von Videobildern der Tat zu verantworten hat. Die Bahn hat zwar Teile des fraglichen Bahnsteigs mit Kameras beobachtet, aber keine Bilder gespeichert. Sie wirft der Bundespolizei vor, keinen Auftrag zur Aufzeichnung erteilt zu haben, wie ein Sprecher berichtete.

Die Bundespolizei weist den Vorwurf den beiden Medien zufolge zurück. Ein Sprecher kritisierte, die Bahn sei nicht bereit, zusätzliche Aufzeichnungskapazitäten zu bezahlen. Tatsächlich haben sich beide Seiten laut „Spiegel“ darauf geeinigt, Videobilder nur an zentralen Bahnhöfen zu speichern: Der Bonner Hauptbahnhof wurde demnach nicht als solcher eingestuft.

Fragen und Antworten zum Anschlag in Bonn

Was weiß man über die Bombe?

Sie wurde am vergangenen Montagmittag in einer blauen Sporttasche zum Bonner Hauptbahnhof gebracht. Sie bestand laut Bundesanwaltschaft aus einem ungefähr 40 Zentimeter langen Metallrohr, das zündfähiges Ammoniumnitrat enthielt und mit vier Druckgaspatronen umwickelt war, sowie einem Wecker und verschiedenen Batterien, die als Zündvorrichtung dienen sollten. Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) zufolge gibt es „eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sie gezündet wurde“.

Warum explodierte die Bombe nicht?

Medien berichteten aus Sicherheitskreisen, sie sei wegen eines Baufehlers funktionsunfähig gewesen. „Der Fehler der Konstruktion des Sprengsatzes bestand demnach darin, dass die Täter eine Glühbirne statt eines sogenannten Boosters, also eines Sprengsatzverstärkers, verwendet hätten“, berichtete der WDR. Eine Glühbirne war von der Polizei am Tatort sichergestellt worden. Laut „Spiegel“ wäre der Sprengsatz aber auch bei erfolgreicher Zündung nicht detoniert, sondern hätte eine potenziell tödliche Stichflamme verursacht.

Wie viele Täter waren beteiligt?

Das ist nicht bekannt. Die Bundesanwaltschaft geht vorerst von mindestens drei aus. Dies ergibt sich aus ihrer Mitteilung vom Freitag: Derzufolge besteht gegen jenen Mann, der die Tasche am Bahnhof abstellte, der Anfangsverdacht, dass er „einen Sprengstoffanschlag verüben wollte“ - und zwar „als Mitglied einer terroristischen Vereinigung“. Von einer solchen Terrorgruppe wird aber erst gesprochen, wenn dazu mindestens drei Personen gehören.

Was ist über die Täter bekannt?

Dazu dürften zählen: ein hellhäutiger Mann mit Bart, der von der Kamera einer McDonald's-Filiale im Bahnhof mit einer blauen Sporttasche in der Hand gefilmt wurde; ein dunkelhäutiger Mann, der nach Zeugenaussagen die blaue Tasche mit der Bombe am Bahnsteig 1 abgestellt haben soll; und mindestens ein dritter.

Lässt die dunkle Hautfarbe eines Mannes auf eine ausländische Gruppe schließen?

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass die Tat in Deutschland geplant und gesteuert wurde. Darauf deutet ihr Hinweis, dass sie sich auf Strafgesetzbuch-Paragraf 129a stützt, der - anders als der 129b - die Strafen für inländischen Terrorismus festlegt. Das muss aber nicht heißen, dass es keine Verbindungen - zumindest informeller Art - ins Ausland gab.

Was weiß man über den Dunkelhäutigen, der die Tasche abstellte?

Die Bundesanwaltschaft hat „belastbare Hinweise“, dass er „über Verbindungen in radikal-islamistische Kreise verfügt“. Laut „Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung“ haben die Ermittler ihn identifiziert als einen Mann aus der Bonner islamistischen Szene. Demnach soll er Verbindungen zu Leuten im Ausland haben, die dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahestehen. Der „Spiegel“ benannte ihn als den Somalier Omar D., den die Ermittler nach dem Anschlag bereits festgenommen hatten, aber später wieder freiließen - möglicherweise mangels Beweisen. Er soll 2008 zusammen mit seinem Freund Abdirazak B. aus einem startbereiten Flugzeug auf dem Flughafen Köln-Bonn abgeführt worden sein, weil beide - so hieß es damals - auf dem Weg in ein pakistanisches Terroristen-Ausbildungslager gewesen seien und bereits Abschiedsbriefe hinterlassen hätten. D.s Anwalt bestreitet eine Verbindung zur Tat.

Was ist über den Hellhäutigen bekannt, der die Tasche trug?

Weniger. Die Bundesanwaltschaft hat zu ihm keine Angaben gemacht. Die Ermittler kennen laut „Spiegel“ aber wohl seinen Namen. Das Überwachungsvideo belegt, dass er kurz vor der Tat im Bahnhof war.

Und der dritte?

Auch über den ist wenig bekannt. Laut WDR ist ein Tatverdächtiger aus dem rheinischen Langenfeld identifiziert, der als Al-Kaida- Verbindungsmann gelten soll. Dem Sender zufolge ist aber unklar, ob er tatsächlich mit der Planung befasst oder zur Tatzeit am Bahnhof war. Demnach kann es sich nicht um den hellhäutigen Mann handeln, der dort gefilmt wurde - sondern nur um einen dritten Verdächtigen.

Die Bundesanwaltschaft ermittelt unterdessen gegen mindestens drei verdächtige Salafisten. Bei einem der Tatverdächtigen soll es sich um einen Mann aus dem nordrhein-westfälischen Langenfeld handeln, meldete der WDR am Samstag unter Berufung auf Sicherheitskreise.

Der Tatverdächtige gelte als Verbindungsmann zum Terrornetzwerk Al-Kaida. Allerdings sei bisher unklar, ob der Verdächtige tatsächlich zur Tatzeit am Bahnhof oder mit der Planung beschäftigt war.

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Zwei zuvor festgenommene Verdächtige sind wieder auf freiem Fuß.

Am Montag hatte ein Mann eine Sporttasche mit einer zündfähigen Sprengvorrichtung auf einem Bahnsteig im Bonner Hauptbahnhof abgestellt. Wahrscheinlich wurde der Sprengsatz auch ausgelöst, explodierte aber nach Medienberichten wegen einer Fehlkonstruktion nicht.

Der Berliner „Tagesspiegel“ (Samstag) berichtete, der Sprengsatz passe von der Machart her zu einer Bombenbau-Anleitung aus dem Internet-Magazin einer Al-Kaida-Filiale im Jemen. Bis auf wenige Abweichungen sei die Bombe mit der dort beschriebenen Konstruktion identisch.

Die Bundesanwaltschaft, die die Ermittlungen am Freitag übernommen hatte, bestätigte in einer Mitteilung, dass ein Anfangsverdacht bestehe gegen eine verdächtige Person, die „als Mitglied einer terroristischen Vereinigung einen Sprengstoffanschlag verüben wollte“.

Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) fordert als Konsequenz aus dem Anschlagversuch, den Straftatbestand der Bildung einer terroristischen Vereinigung zu erweitern. Er plädierte in der „Welt am Sonntag“ dafür, dass der entsprechende Paragraf 129a des Strafgesetzbuches auch bei Brand- und Sprengstoffdelikten angewendet und der Generalbundesanwalt in solchen Fällen zuständig wird. Der CDU-Politiker verlangte zudem, die Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen auszuweiten. „Auf Bahnhöfen ist dies flächendeckend erforderlich.“ Die Kameras müssten technisch grundsätzlich auch mit einer Aufzeichnungsmöglichkeit ausgestattet sein. „Ohne eine solche Möglichkeit ist eine nachträgliche Aufklärung von Straftaten nur selten möglich“, sagte er der Zeitung.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger warnte vor einer Debatte über schärfere Gesetze. "Wir müssen unsere ganze Energie auf die Reform der Sicherheitsarchitektur konzentrieren", sagte sie der "Welt" (Montagausgabe). "Strafverschärfungen haben eher Symbol- als Abschreckungswirkung und sollten deshalb nicht anlassbezogen gefordert werden." Um terroristische Gewalttaten zu verhindern, seien effektiv handelnde Sicherheitsbehörden nötig, sagte die FDP-Politikerin. "Da muss erst wieder Vertrauen aufgebaut werden. Wir sollten dafür sorgen, dass Bomben die Bahnhöfe gar nicht erst erreichen können."

Kommentare (13)

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Nachwuchs

15.12.2012, 19:17 Uhr

Wieso der Hinweis auf Al-Kaida=Islam? Jeder Politiker sagt doch der Islam ist friedlich (Tötet Andersgläubige, Fatwa usw.)??

Kenilej

15.12.2012, 19:40 Uhr

Islamische Terroristen sollen eine explosionsunfähige Bombe ausgerechnet in einer "blauen" Tasche am Bahnhof plaziert haben. Die Tasche wurde so plaziert, das jeder auf sie aufmerksam werden konnte.
Kriminalbehörden und Sprengstoffexperten suchten den Zünder ?
Also hier stinkt doch was gewaltig !

creasot

15.12.2012, 19:52 Uhr

Na klar, wenn der Anschlag gelingt, stehen die Sicherheitsbehören dahinter. Wenn der Anschlag nicht gelingt, dann waren was die wieder Sicherheitsbehören, die somit ihre Daseinberechtigung rechtertigen wollen.

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