Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.01.2013

14:19 Uhr

Bonner Republik

Als Sexismus und Machtspiele normal waren

VonMaike Freund

Rainer Brüderle hat den Sexismus von Politikern gegenüber Journalistinnen nicht erfunden. Auch in der Bonner Republik waren derbe Sprüche über Frauen an der Tagesordnung. Geändert hat sich seitdem nicht viel.

Einer, der gerne mal einen sexistischen Spruch raushaute: Karl-Heinz Funke, SPD-Landwirtschaftsminister von Niedersachsen. Foto: dpa

Einer, der gerne mal einen sexistischen Spruch raushaute: Karl-Heinz Funke, SPD-Landwirtschaftsminister von Niedersachsen. Foto: dpa

DüsseldorfSie quetscht sich noch schnell in den vollbesetzten Raum zur Pressekonferenz. Vor ihr halten schon jede Menge Journalisten ihre Mikrofone dem Verteidigungsminister entgegen. Sie will höflich bleiben, also fragt die Journalistin einen Kollegen: „Stört es Sie, wenn ich von hinten aufnehme?“ Das hört der Verteidigungsminister, der prompt selber antwortet: „Stört gar nicht, schöne Frau. Sie wissen ja: Männer kommen immer gerne von hinten.“

Das ist kein Scherz, auch keine erfundene Geschichte. Es ist das, was eine Journalistin im Politikbetrieb der Bonner Republik erleben musste: unverhohlenen Sexismus, offen zur Schau getragenen Frauenfeindlichkeit. Und die Demonstration von Macht der Männer. Die Journalistin Ursula Kosser hat diese und viele weiter Geschichten in ihrem Buch „Hammelsprünge“ festgehalten.

Geschichten über damals, als Politik noch in Bonn gemacht wurde, als nur zehn Prozent der Journalisten in Bonn Frauen waren, als sexuelle Belästigung noch nicht per Gesetz verboten war.

Doch das Damals ist plötzlich wieder hochaktuell. Denn plötzlich diskutiert Deutschland über Rainer Brüderle und Laura Himmelreich, über Politiker und Journalistinnen, über Chefs und Angestellte. Plötzlich redet Deutschland wieder über Sexismus, den man gerne als Relikt aus Bonner Zeiten abgetan hätte. Und doch wird klar: Geändert hat sich nicht viel.

Wer bei sexueller Belästigung hilft

AGG

Das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) soll Menschen schützen, die aufgrund der ethnischen Herkunft oder aus rassistischen Gründen, aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Religion oder Weltanschauung, aufgrund einer Behinderung, ihres Alters oder ihrer sexuellen Identität Benachteiligungen erfahren. Es schafft die rechtliche Grundlage, wonach Diskriminierung verboten ist.
Hauptsächliche Anwendung findet das AGG in der Arbeitswelt. Das bezieht beispielsweise Auswahlkriterien bei Bewerbungsverfahren, berufliche Aufstiegs- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie die Höhe der Arbeitsvergütung mit ein. Darüber hinaus gilt das Gesetz auch für Situationen im Alltag, in denen Diskriminierung stattfinden kann, beispielsweise bei Einkäufen, Gaststätten- oder Diskothekenbesuchen, sowie bei Rechts-, Versicherungs- und Bankgeschäften.

Antidiskriminierungsstelle

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) ist eine unabhängige Anlaufstelle für Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind. Sie wurde 2006 eingerichtet, nachdem das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in Kraft getreten war.

Zu den Aufgaben der ADS zählt:
•über Ansprüche zu informieren
•Möglichkeiten des rechtlichen Vorgehens zum Schutz vor Benachteiligungen aufzuzeigen
•Beratungen durch andere Stellen zu vermitteln
•eine gütliche Einigung zwischen den Beteiligten anzustreben.

Außerdem macht die ADS Öffentlichkeitsarbeit, führt wissenschaftliche Untersuchungen durch und schreibt Berichte an den Deutschen Bundestag, die einen Überblick über Benachteiligungen geben und Empfehlungen beinhalten.

Hilfe

Wer Opfer von Diskriminierung geworden ist, kann den Fall bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes unter der Hotline 030 / 18 555 / 1865 oder per Kontaktformular melden.

Diversity

Diversity-Management ist ein Konzept, das die Vielfalt der Belegschaft berücksichtigt (z.B. Geschlecht, Alter, Behinderung, Ethnie, Religion, sexuelle Orientierung, Lebensstil, biografischer Background), sie explizit fördert und wertschätzt.

Zwar gibt es mehr Journalistinnen in Berlin als damals in Bonn - bei der Bundespressekonferenz sind mittlerweile 28 Prozent der Mitglieder weiblich. „Und es gibt Beispiele aus der Bonner Zeit, die heute undenkbar sind“, sagt Kosser. Wie jenes der jungen Journalistin, die sich – weil Unterlagen nicht auffindbar sind – in der Redaktionskonferenz vom Chef anhören musste: „Sie sind so doof, Ihnen sollte man mit einer stumpfen Klinge die Klitoris beschneiden.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×