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02.02.2012

20:28 Uhr

Brender-Talk bei n-tv

Trotz Schäuble kein Vergleich mit der Elefantenrunde

VonChristian Bartels

Nervöses Comeback eines Veteranen des Politikfernsehens: Ex-ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender kann in seiner neuen n-tv-Talkshow den Bundesfinanzminister nicht so aus der Reserve locken wie einst Gerhard Schröder.

Nikolaus Brender feierte heute auf n-tv mit seiner neuen Talkshow Premiere. dapd

Nikolaus Brender feierte heute auf n-tv mit seiner neuen Talkshow Premiere.

Berlin„Klare Antworten, klare Fragen“, so lautet einer der Slogans der neuen n-tv-Talkshow mit dem früheren ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. Als „Mann klarer Worte“ wurde Debütgast Wolfgang Schäuble vorgestellt. Klar wurde in der Sendung, die am Donnerstagnachmittag eine Stunde vor Ausstrahlung im Hauptstadtstudio des Privatsenders aufgezeichnet wurde, immerhin schnell, dass sie das Fernsehgenre Talkshow nicht im Mindesten neu erfindet.

Drei Tische in einem Dreieck einander zugewandt, zweimal mit je einem, einmal mit drei Stühlen daran: In dieser etwas seltsamen Studioarchitektur, ohne Saalpublikum spielt „Bei Brender!“ (wird heute erneut um 23.15 Uhr ausgestrahlt) sich ab. Das inoffizielle Vorbild ist die seit Jahrzehnten erfolgreiche US-Show „Meet the Press“, die freilich auch schon allerlei deutsche „Frühschoppen“ und „Presseclubs“ inspirierte.

Eingangs geht es natürlich ums Thema Griechenland. Ob die europäische Idee nicht schon zerrieben ist, ob der beim letzten EU-Gipfel beschlossene Fiskalpakt denn nachhaltig sein kann, wenn er „mit der Pickelhaube daherkommt“, ob es geheimes Einverständnis für einen auf 1,5 Billionen Euro erweiterten „Riesen-Rettungsschirm“, fragt der Gastgeber mit dem markanten Schnauzer durchaus scharf. Erwartungsgemäß lässt sich ein Kaliber wie Schäuble von solchen Formulierungen nicht irritieren. Beim Verneinen kann der Minister - was durchaus für die Sendung spricht - längere Sätze bilden als es bei Jauch, Will und Illner üblich wäre.

Der künftige europäische Rettungsfonds ESM

Wann kommt der ESM?

Der geplante dauerhafte Rettungsschirm ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus) soll nach den neuesten Plänen der Euro-Länder Mitte 2012 starten und damit ein Jahr früher als bisher geplant. Der ESM löst den Rettungsschirm EFSF ab.

Wie sieht die Finanzstruktur aus?

Der ESM soll über eine effektive Darlehenskapazität von 500 Milliarden Euro verfügen. Bei diesem maximalen Darlehensvolumen soll es unabhängig von den Verpflichtungen des auslaufenden Rettungsfonds EFSF bleiben. Um das Volumen tatsächlich zu erreichen, soll der ESM mit 700 Milliarden Euro ausgestattet sein. Davon entfallen 80 Milliarden Euro auf Bareinlagen und 620 Milliarden auf abrufbares Kapital in Form von Garantien. So soll die Bestnote bei der Kreditwürdigkeit („AAA-Rating“) garantiert sein.

Wie viel muss Deutschland zahlen?

Deutschland springt nicht mehr nur als Bürge ein: Berlin steuert rund 21,7 Milliarden Euro Bareinlagen und 168,3 Milliarden Euro an Garantien bei. Bisher soll die Bareinlage in fünf gleichen Raten von je rund 4,3 Milliarden Euro gezahlt werden. Wegen des früheren ESM-Starts wird die erste Rate aber schon Mitte 2012 fällig. Dafür muss Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) einen Nachtragshaushalt für 2012 vorlegen. Die erste Rate könnte auch weit höher ausfallen, sollte der ESM rascher aufgefüllt werden. Einige Euro-Staaten könnten ihren gesamten - weit geringeren - Betrag für den Kapitalstock auf einen Schlag schon 2012 einzahlen. Im Extremfall kann der Bundesetat mit 190 Milliarden Euro belastet werden.

Wie werden die Gläubiger beteiligt?

Private Geldgeber und Inhaber von Staatsanleihen wie Banken und Versicherer sollen an Rettungsmaßnahmen nach den Regeln des Internationalen Währungsfonds (IWF) beteiligt werden. Es geht um Praktiken, die die Märkte und Mitgliedstaaten kennen. Auf schärfere Vorgaben wurde verzichtet. Die Umschuldungsklauseln in Staatsanleihen der Euro-Länder (Collective Action Clauses/Cacs), sollen weiter in den ESM eingebracht werden. Die Entschuldung Griechenlands mit einem freiwilligen Verzicht der Gläubiger auf ihre Forderungen soll aber ein Einzelfall bleiben.

Welche Mehrheiten gelten für Beschlüsse?

Ist die Finanzstabilität der Eurozone bedroht, kann der ESM mit einer Mehrheit von 85 Prozent des Kapitalschlüssels entscheiden. (Quelle: dpa)

Andererseits unterbricht Brender wiederum Schäuble zupackender, als es so manche öffentlich-rechtlichen Talker täten - um die etwas unklare Dramaturgie seiner Sendung durchzusetzen, aber auch, wenn der Minister zu oft altbekannte Argumentationsbausteine wie das „Fass ohne Boden“ (zu dem Griechenland nicht werden dürfe, aber auch nicht werde) wiederholt. Oft jedoch verhallt Brenders Schärfe. Eine Frage wie die, ob „man“ sich von der Idee verabschieden müsse, in ganz Europa „gleichwertige Lebensverhältnisse“ zu gestalten, war einfach zu kompliziert formuliert, um „klar“ zu wirken oder gar, um klare Antworten zu provozieren. Vermutlich machte sich zum Neustart bei Brender durchaus sympathische Nervosität bemerkbar. Schließlich stand er fast zwei Jahre lang nicht mehr im Fokus der Öffentlichkeit - war davor aber sowohl bekannter Politikjournalist wie auch selbst Objekt der Innen- und Parteipolitik gewesen.

Ab 2000 war Brender zehn Jahre lang Chefredakteur des ZDF. Seine Bemühungen, dem Sender mit Sendungen wie „Ich kann Kanzler“ mehr junges Publikum zu bescheren, waren von bescheidenem Erfolg. Sein Wortwechsel in der „Elefantenrunde“ nach der Bundestagswahl 2005 mit dem gerade abgewählten, sich dessen aber noch nicht ganz bewussten Bundeskanzler Gerhard Schröder aber zählt zu den deutschsprachigen Youtube-Klassikern.

Als der ZDF-Verwaltungsrat Ende 2009 auf Initiative des (damaligen) CDU-Politikers Roland Koch die vom Intendanten vorgeschlagene Vertragsverlängerung Brenders ablehnte, erhoben sich geradezu Proteststürme - sowohl von Rundfunkfreiheits-Aktivisten im Internet wie auch von Verfassungsrechtlern. Brenders Ablösung ist gar der Grund für eine noch bevorstehende Überprüfung des ZDF-Staatsvertrags: Das Bundesverfassungsgericht soll klären, ob die öffentlich-rechtliche Anstalt wirklich so „staatsfern“ ist wie oft behauptet wird.

Kommentare (2)

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Staatsfernes_WULFF_Bashing

03.02.2012, 14:10 Uhr

<<< Brenders Ablösung ist gar der Grund für eine noch bevorstehende Überprüfung des ZDF-Staatsvertrags: Das Bundesverfassungsgericht soll klären, ob die öffentlich-rechtliche Anstalt wirklich so „staatsfern“ ist wie oft behauptet wird. >>>

Staatsferne ist ein Kriterium des Verfassungsauftrags, die im Falle Brenders durch CDU/Roland Koch eklatant verletzt wurde. Was aber momentan bei dem Wulff-Bashing in den ÖR-Anstalten abläuft in Komplizenschaft mit Springer und fast allen "Qualitätsmedien" wie Spiegel, FAZ, SZ, fr, ...
ist jenseits von Gut und Böse hinsichtlich ihres Verfassungsauftrags. "Spurensuche" im Sinne von Schnüffelei und Verleumdung durch immer neue, unbewiesenene "Wahrnehmungen" (Zitat Blome im MoMa) gehört sicher nicht dazu.

Account gelöscht!

03.02.2012, 15:15 Uhr

Ich habe zufällig gestern Abend in die Sendung reingezappt und bin ob der merkwürdigen Studioarchitektur (3 - 1- 1) und des brisanten Themas daran hängen geblieben.
Ich fand die Journalisten merkwürdig verhalten und gehemmt. Schäuble spulte seine übliche Plattitüden herunter und bekam viel zu viel Zeit dafür eingeräumt. Die Journalisten fragten, für meinen Geschmack, nicht hartnäckig genug nach. Es war viel zu viel Respekt vor Schäuble im Spiel. Benders Rolle blieb unklar.

Grundsätzlich finde ich es gut, mehr politische Aufklärung mittels der Medien zu
betreiben. Schäuble zu einem Fernseh-Interview zu bewegen ist sehr gut. Aber ich hätte mir weniger Respekt vor dem Minister gewünscht und mehr Nachhaken und Hartnäckigkeit. Schäuble ist aalglatt und hat auf jede Frage eine Antwort. Es gehört schon etwas Mut dazu, ihn mit Widersprüchen zu konfrontieren und ihn zu "ehrlichen" Aussagen zu "zwingen". Fragen nach der nächsten Bundestagswahl wimmelte Schäuble im Ansatz ab. Ich fand es merkwürdig, dass trotzdem er erkennbar keine Aussage dazu machen wollte, ausgerechnet bei diesem Thema nachgebohrt wurde. Die aktuelle Lösung der Euro-Problematik, die Frage nach der definitive Höhe der Belastung für den deutschen Steuerzahler kam mir zu kurz. Das ist es, was interessiert, Herr Bender.
Mein Fazit: Netter Versuch, aber leider zu harmlos.


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