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14.11.2016

14:49 Uhr

Brexit

Deutschland rechnet mit Zuzug britischer Firmen

Das Bundesfinanzministerium geht davon aus, dass schon bald britische Banken und Unternehmen nach Deutschland kommen werden. Für den hessischen Ministerpräsidenten ist das ein Grund für eine Werbetour in den USA.

Die Bankentürme in Frankfurt: Bald um einige Großbanken reicher? Reuters

Frankfurter Skyline

Die Bankentürme in Frankfurt: Bald um einige Großbanken reicher?

FrankfurtBritische Banken und Unternehmen werden wegen des Brexit-Votums nach Einschätzung des Bundesfinanzministeriums bald mit einer Verlagerung von Geschäften nach Deutschland beginnen. Im Bundesfinanzministerium gebe es vermehrt Anfragen von Firmen, die ihren Sitz oder Geschäfte nach Kontinentaleuropa verlegen wollten, sagte Finanzstaatssekretär Thomas Steffen am Montag bei einer Bankenkonferenz in Frankfurt. "Wir sind sehr sehr offen für solche Gespräche." Bei vielen würden solche Überlegungen nun konkreter. "Wir gehen alle davon aus, dass wir Frühjahr 2017 vermehrt konkrete Entscheidungen sehen werden."

Großbritanniens Optionen nach dem Brexit

Zollunion

Großbritannien könnte es machen wie die Türkei und der Zollunion beitreten. Dadurch würden die Zölle wegfallen und die Handelsabkommen mit der EU behielten bestand. Andererseits wäre London aber dabei eingeschränkt, eine eigene Handelspolitik zu betreiben, da man sich an den gemeinsamen Zolltarif halten müsste. Ob dies den Briten gefallen würde, bleibt fraglich. Immerhin folgt die Brexit-Entscheidung dem Ruf nach völliger nationaler Souveränität.

Europäischer Wirtschaftsraum (EWR)

Der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) umfasst derzeit 31 Länder. Die teilnehmenden Staaten haben gemeinsame Aufsichtsbehörden, Gerichte und Regeln. Zudem gelten die vier Binnenmarktfreiheiten beim Waren-, Personen-, Dienstleistungen- und Kapitalverkehr. Allerdings will die britische Regierung weder der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes unterliegen noch die Kontrolle über die Immigration abgeben.

Der „Schweizer Weg“

Am liebsten wäre der englischen Regierung wohl ein Modell wie der „Schweizer Weg“. So könnten für die einzelnen Wirtschaftsbereiche maßgeschneiderte Abkommen ausgehandelt werden. Die EU hat allerdings schon durchblicken lassen, eine derartige Lösung abzulehnen.

Freihandelsabkommen

Die wahrscheinlichste Option ist für die Briten wohl ein gesondert ausgehandeltes Freihandelsabkommen, wie es zwischen der Europäischen Union und Kanada (Ceta) vereinbart wurde. Damit würden die Briten ihre durch den Brexit forcierte Unabhängigkeit behalten und könnten spezielle, aber umfassende Handelsbedingungen im Gespräch mit der EU festlegen.

Für Banken ist Frankfurt aus Sicht von Steffen ein attraktiver Ausweichstandort, unter anderem, weil dort die EZB-Bankenaufsicht beheimatet ist. Die deutsche Finanzaufsicht BaFin arbeite ebenfalls intensiv daran, "englischsprachige Kunden noch besser bedienen zu können", sagte Steffen. "In diesem Umfeld wäre auch die europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA gut aufgehoben." Die aktuell in London angesiedelte EBA muss nach der Brexit-Entscheidung in ein EU-Land umziehen.

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier ist diese Woche in New York, um bei US-Großbanken für den Finanzplatz Frankfurt zu werben. Einige Banken und Finanzdienstleister müssten London verlassen, wenn Großbritannien nach dem Brexit keinen uneingeschränkten Zugang mehr zum EU- Binnenmarkt habe, hatte Bouffier vor dem Beginn seiner Reise erklärt. "Zahlreiche Unternehmen beschäftigen sich schon sehr konkret damit." Finanzkreisen zufolge erwägt unter anderem die Investmentbank Goldman Sachs, Geschäfte nach Frankfurt zu verlegen und sich von der EZB beaufsichtigen zu lassen.

Von

rtr

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