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04.02.2005

09:10 Uhr

Bruttoeinkommen bleiben trotz Tariferhöhungen von zwei Prozent nahezu konstant

Tarifzuwächse kommen bei Arbeitnehmern kaum an

Die wachsende Bedeutung betrieblicher Öffnungsklauseln und die hohe Zahl tarifungebundener Unternehmen haben dazu geführt, dass die Tariflohnsteigerungen im Jahr 2004 kaum bei den Beschäftigten angekommen sind. Zu diesem Ergebnis kommt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung (WSI) in seiner aktuellen Tarifbilanz.

huh BERLIN. Danach stiegen die Tarifentgelte bundesweit im Durchschnitt um zwei Prozent, die effektiven Bruttoeinkommen der Arbeitnehmer blieben mit einem Plus von 0,1 Prozent aber nahezu konstant. Verantwortlich für diese Entwicklung sei auch die Zunahme der Minijobs bis 400 Euro. In Westdeutschland stiegen die Tarifentgelte um 1,9 und im Osten um 2,5 Prozent.

Der Trend zu betrieblichen Abweichungen vom Flächentarif habe deutlich an Dynamik gewonnen, sagte der Leiter des WSI-Tarifarchivs, Reinhard Bispinck. Dabei wird nach Erkenntnissen des WSI aus der Metallindustrie in erster Linie die Arbeitszeit ohne Lohnausgleich verlängert, gefolgt von Kürzungen der Löhne und Gehälter und der Sonderzahlungen.

Große Bedeutung für die Zunahme betrieblicher Vereinbarungen habe die Öffnungsklausel im Tarifabschluss der Metallindustrie vom Februar 2004 gehabt, sagte Bispinck. Seitdem können Unternehmen auch ohne wirtschaftliche Notlage vom Flächentarif abweichen, wenn sie Arbeitsplätze garantieren. Signalwirkung hatte nach Ansicht Bispincks unter anderem die Vereinbarung bei Siemens. In den Handy-Werken Bocholt und Kamp-Lintfort wurde die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich vereinbart. Die IG Metall habe 2004 knapp 390 abweichende Regelungen vom Flächentarif gezählt, die tatsächliche Zahl sei wegen einer unbekannten Dunkelziffer höher. In 70 Prozent der Fälle werde der Flächentarif unterschritten.

Nach Angaben des WSI gelten Flächentarifverträge formal noch für 70 Prozent der Beschäftigten in Westdeutschland und 54 Prozent im Osten. Allerdings gebe es immer mehr Branchen, in denen die Tarifverträge nur sehr verzögert oder gar nicht erneuert würden. Im Baugewerbe zum Beispiel habe die IG Bau bis Ende 2004 keinen neuen Tarifabschluss durchsetzen können, obwohl die Entgelttarifverträge schon im März ausgelaufen seien.

Die Gewerkschaften hätten 2004 eine Tarifpolitik aus der Defensive geführt, sagte Bispinck. Die Abschlüsse seien deshalb „nicht beachtlich“ gewesen. In der Metall- und Elektroindustrie stiegen die Tarifentgelte ab Februar 2004 um 2,2 Prozent, in der westdeutschen Chemieindustrie ab Juni um 1,5 Prozent, im Bankgewerbe ab September um zwei Prozent. Für 2005 erwartet Bispinck, dass wegen der anziehenden Konjunktur die Gewerkschaften tarifpolitisch weniger stark unter Druck stehen.

Quelle: Handelsblatt

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