Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

13.08.2015

14:25 Uhr

Bsirske-Vorgänger Mai

„Verdi hat zu hohe Erwartungen geweckt“

VonFrank Specht

Vorerst keine Einigung im Kita-Tarifstreit: Verdi fordert ein verbessertes Angebot und droht weiter mit Streiks. Der ehemalige ÖTV-Chef Herbert Mai warnt vor überzogenen Erwartungen und stärkt Verdi-Chef Frank Bsirske.

Herbert Mai stand von 1995 bis 2000 an der Spitze der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) Imago

Herbert Mai

Herbert Mai stand von 1995 bis 2000 an der Spitze der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV)

DüsseldorfOhne Einigung sind Gewerkschaften und Arbeitgeber im Kita-Tarifstreit auseinandergegangen. Verdi-Chef Frank Bsirske verlangte vor Verhandlungsbeginn vor allem bessere Bedingungen für die Masse der Erzieherinnen in unteren Gehaltsgruppen, bei der Anerkennung von Berufszeiten in Kitas anderer Träger und mehr Geld für Sozialarbeiter. Der kommunale Arbeitgeberverband VKA müsse sich bewegen. Sollten die Arbeitgeber bei ihrer Haltung bleiben, „dann stellen sie die Weichen in Richtung Streik. Dann liegt die Verantwortung ganz klar auf der Arbeitgeberseite.“ Die Gespräche sollen Anfang Oktober fortgesetzt werden, wie der Präsident der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA), Thomas Böhle, am Donnerstag in Offenbach ankündigte. So hätten beide Seiten die Chance, noch einmal nachzudenken.

Herbert Mai (67) stand von 1995 bis 2000 an der Spitze der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV). Diese ging 2001 in Verdi auf, an deren Spitze seitdem Mais Nachfolger Frank Bsirske steht. Nach seiner Gewerkschaftskarriere war Mai Arbeitsdirektor beim Flughafenbetreiber Fraport und leitete bei der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) den Gruppenausschuss für Flughäfen.

Herr Mai, Verdi will im Sozial- und Erziehungsdienst durch die höhere Eingruppierung im Schnitt zehn Prozent mehr Geld für die Beschäftigten durchsetzen. War das nicht von Anfang an zu ehrgeizig?

Man muss ja sehen, dass die Eingruppierung bisher nicht eben üppig ist und es Nachholbedarf in den Kitas oder Jugendhilfeeinrichtungen gibt. Außerdem sind die Anforderungen an die Mitarbeiter ja deutlich gestiegen. Aber man darf eben auch keine überzogene Erwartungshaltung wecken.

Das heißt?

Eine Gewerkschaft darf ihren Mitgliedern nicht den Eindruck vermitteln, dass eine Forderung von zehn Prozent in einer Tarifrunde durchgesetzt werden kann. Denken Sie an die Anpassung der Osttarife im öffentlichen Dienst an das Westniveau. Das hat 20 Jahre gedauert – sehr zum Leidwesen der Kollegen im Osten.

Hat Verdi-Chef Frank Bsirske also überreizt?

Vielleicht hat er nicht ausreichend deutlich gemacht, dass sich ein Ziel immer nur in kleinen Schritten erreichen lässt. Wenn die Erwartungshaltung der Beschäftigten in die Höhe getrieben wird und es – wie in diesem Fall – auch noch breite öffentliche Unterstützung gibt, dann ist es am Ende schwer, da wieder runterzukommen. Vor dieser Situation steht die Verdi-Spitze nun. Das Ganze erinnert an die Tarifrunde im öffentlichen Dienst 1992.

Verdi-Chef vor letzter Amtszeit: Die Bsirske-Show

Verdi-Chef vor letzter Amtszeit

Premium Die Bsirske-Show

Frank Bsirske ist der bekannteste Gewerkschafter des Landes. Der Verdi-Chef ist streit- und streiklustig und verfolgt damit einen genauen Plan. Im Herbst steht seine letzte Wiederwahl an. Was passiert dann?

Auch damals war die Gewerkschaftsbasis mit dem Schlichterspruch nicht einverstanden, doch Ihre Vorgängerin an der ÖTV-Spitze, Monika Wulf-Mathies, setzte sich nach elf Tagen Streik über das Votum der Basis hinweg.

Und bekam dafür beim folgenden Gewerkschaftstag die Quittung mit einem Wahlergebnis von nur knapp 69 Prozent. Im Jahr 2000 habe ich als ÖTV-Chef dann erlebt, dass die Mehrheit der Tarifkommission ein Schlichtungsergebnis nicht akzeptiert hat.

Glauben Sie, dass Frank Bsirske beim Bundeskongress im September die Quittung bekommt, wenn er jetzt nicht deutlich mehr herausholt als den Schlichterspruch?

Das glaube ich nicht. Ich erwarte, dass er den Konflikt meistern wird. Und Sie dürfen nicht vergessen, dass der Sozial- und Erziehungsdienst ja nur ein kleiner Teil des großen Verdi-Reichs ist. Aber es wird nicht leicht, denn die kommunalen Arbeitgeber haben ja schon deutlich gemacht, dass sie ihr Angebot nicht nachbessern wollen.

Verdi hat „unkonventionelle Aktionen“ angedroht, sollten sich die Arbeitgeber nicht bewegen. Wie schätzen Sie das Druckpotenzial ein?

Bei der Mitgliederbefragung haben zwar 69 Prozent gegen das Schlichtungsergebnis gestimmt, aber eben nicht 75 Prozent, die in einer Urabstimmung für die Einleitung eines Streiks erforderlich wären. Man muss abwarten, wie sich das auf die Streikbereitschaft auswirkt.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Rudolf Ott

13.08.2015, 17:58 Uhr

der angedrohte Streik ist ein Streik gegen die Bevölkerung und zuvorderst trifft der Streik diejenigen, die die Sozialkassen und Kommunalkassen füllen. Oft hat diese Gruppe von Erwerbstätigen keinen unendlich geduldigen Arbeitgeber wie die Kommunen. - Dort ist der Arbeitsplatz ist sicher. Der der bestreikten Eltern nicht. Also Streik um des Streikes willen?- Das GG ermöglicht dies.

Frau Claudia McLucas

13.08.2015, 20:03 Uhr

Lieber Kollege Herbert Mai,
"Eine Gewerkschaft darf ihren Mitgliedern nicht den Eindruck vermitteln, dass eine Forderung von zehn Prozent in einer Tarifrunde durchgesetzt werden kann".
Deine Aussage vermittelt, dass Gewerkschaftsforderungen 1:1 in Tarifverhandlungen umgesetzt werden und (auch) die Streikenden das Tarifgeschäft nicht kennen.
"Vielleicht hat er (Frank Bsirske) nicht ausreichend deutlich gemacht, dass sich ein Ziel immer nur in kleinen Schritten erreichen lässt."
Fazit lt. Handelsblatt: Der ehemalige ÖTV-Chef Herbert Mai warnt vor überzogenen Erwartungen und stärkt verdi-Chef Frank Bsirske - Inhalt und Fazit ein Widerspruch an sich!
Mit gewerkschaftlichen Grüßen
Claudia McLucas

Herr Wolfgang Trantow

14.08.2015, 14:37 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×