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12.08.2013

18:14 Uhr

Buchkritik

Politik, ganz leicht gemacht

VonMaike Freund

Marietta Slomka will in ihrem neuen Buch Zusammenhänge und Hintergründe im politischen Alltag für jedermann verständlich erklären. Das gelingt ihr gut. Doch leider nervt es auch an einigen Stellen.

Das Buchcover zeigt die ZDF-Moderatorin vor dem Berliner Kanzleramt.

Das Buchcover zeigt die ZDF-Moderatorin vor dem Berliner Kanzleramt.

Was hat uns der Euro bisher gebracht? Warum gründen sich neue Parteien? Und was macht eigentlich Frau Merkel den ganzen Tag? Politische Vorgänge sind manchmal so komplex, dass es schwer ist, den Durchblick zu behalten. Erst Recht, wenn dann noch Politiker-Sprech hinzukommt. Damit will die Journalistin und ZDF-Heute Journal-Moderatorin Marietta Slomka in ihrem neuen Buch „Kanzler, Krise, Kapital“, das an diesem Montag erscheint, aufräumen und für jeden verständlich erklären, was hinter dem großen Ganzen steckt.

In den vier großen Kapiteln des Buches – zur Demokratie, zur Politik in Deutschland, in Europa und zur Weltpolitik – gibt es Abschnitte, die sich mit Philosophie und Geschichte befassen. Doch in der Regel geben sie nur einen kurzen Überblick und gehen nicht in die Tiefe. Andere Passagen beschreiben beispielsweise, wie das politische System in Deutschland aufgebaut ist. Und es gibt einen Teil, in dem Slomka aktuelle und hintergründige Fragen diskutiert: Was ist arm, was reich? Wie kam es zur Eurokrise? Warum brauchen wir einen Mindestlohn? Und ist der Euro ein Teuro?

Das Buch ist leicht zu lesen – und das ist vermutlich auch gewollt. Jedenfalls verweist Slomka in ihrer Einleitung darauf hin, dass es offensichtlich den Bedarf nach einem Buch gibt, das die politischen Zusammenhänge erklärt, Begriffe, die von den Medien selbstverständlich verwendet werden, deutlich macht und Themen einordnet. Das gelingt Slomka gut, selbst bei komplexen Themen wie der Euro-Krise. Ihr Mittel ist leicht: Sie reduziert die Sprache. Slomka streut häufig Umgangssprache ein, verzichtet auf Fremdwörter, hält die Kapitel kurz und erzählt immer wieder Anekdoten. Doch was in Maßen das Lesen erleichtert, hat sie an einigen Stellen übertrieben. Dann ist man beim Lesen schon mal genervt.

Wahl-ABC (A bis H)

A wie aktives Wahlrecht

Das haben deutsche Staatsbürger ab 18 Jahren, die seit mindestens drei Monaten in Deutschland leben. Mit ihren beiden Stimmen entscheiden sie über die Sitzverteilung im Bundestag. Unter bestimmten Bedingungen können auch Deutsche mit Wohnsitz im Ausland wählen.

B wie Briefwahl

Jeder Wahlberechtigte, der einen Antrag stellt, darf per Brief abstimmen. Dafür muss er – anders als noch 2005 – keinen triftigen Grund mehr angeben. Bei der Wahl 2009 gaben mehr als 9 von 44 Millionen Wählern (über 21 Prozent) ihre Stimmen per Post ab.

C wie chatten

Nach dem Vorbild der USA gewinnt der Online-Wahlkampf an Bedeutung in Deutschland. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück lässt allerdings bei Chats und Twitter-Interviews einen Helfer neben sich tippen. Und er notiert gerne auf Zetteln kurz seine Gedanken – diese werden dann vom P.S.-Team online verbreitet. Wie sehr die Wahlwerbung im Internet oder per SMS das Ergebnis beeinflusst, wird sich zeigen.

D wie Direktmandat

Wer in einem Wahlkreis die meisten Erststimmen erhält, wird Abgeordneter. 2009 gewannen CDU- und CSU-Kandidaten 218 oder 299 Direktmandate. „Erststimmenkönig“ der Wahl war der 2011 an einem Plagiat gescheiterte CSU-Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg (68,1 Prozent im Wahlkreis Kulmbach).

E wie Erststimme

Mit ihr wird der Direktbewerber in einem Wahlkreis gewählt. Dabei genügt eine relative Mehrheit. Die siegreichen Direktkandidaten werden bei der Sitzverteilung als erste berücksichtigt. Für die Stärke der Parteien ist das Zweitstimmenergebnis ausschlaggebend.

F wie Fünf-Prozent-Hürde

Sie soll für klare Verhältnisse im Bundestag sorgen. Nur Parteien, die bundesweit mindestens fünf Prozent der Zweitstimmen erhalten, werden bei der Verteilung der Sitze berücksichtigt. Alle anderen gehen leer aus. 2009 waren das 21 Parteien mit insgesamt 2,6 Millionen Stimmen. Bei mindestens drei gewonnenen Direktmandaten ziehen auch Parteien ins Parlament ein, die unter fünf Prozent der Zweitstimmen geblieben sind.

G wie Gültigkeit der Wahl

Wenn der Bundeswahlleiter und seine Länderkollegen festgestellt haben, dass alles nach Recht und Gesetz abgelaufen ist, erklärt der Bundestag die Wahl für gültig. Bei Anfechtungen wegen grober Fehler kann sie ganz oder teilweise annulliert werden. Eine noch so geringe Wahlbeteiligung ist dafür kein Grund. Es gibt schließlich keine Wahlpflicht in Deutschland.

H wie Hochrechnung

Nach Schließung der Wahllokale gibt sie erste Erkenntnisse über das Wahlergebnis. Dabei werden Daten von ausgewählten Stimmbezirken fortgeschrieben, die zusammen ein repräsentatives Bild ergeben. Die letzten Hochrechnungen weichen nur minimal vom Endergebnis ab.

Die kurzen Kapitel und knackige Überschriften geben insgesamt einen guten Überblick, auch für „Querleser“, für die Slomka das Buch ebenfalls geschrieben hat. Wer allerdings das Buch durchblättert, statt im Inhaltsverzeichnis einen interessanten Abschnitt herauszusuchen, ist schon mal verwirrt. Denn was sich hinter den Überschriften „Gutgemeintes mit Nebenwirkung“ oder „Manche können zwar, wollen aber nicht“ verbirgt, wird nur dem klar, der im Inhaltsverzeichnis nachschaut, in welchem Teil des Buches er sich gerade befindet.

Was nett ist: Am Ende der drei großen Kapitel gibt es jeweils ein kleines Lexikon. In einfachen Worten werden Insider-Begriffe aus der Politikwelt erklärt, manchmal auch aus der des Journalismus und der Ökonomie. Wer also nachlesen will, was noch mal Eurobonds sind, wer und was ein Salon-Sozi ist und was der Begriff Girls Camp mit Politik zu tun hat, kann hier nachschlagen und ist nach der Lektüre der kurzen, locker geschriebenen Erklärungen gut im Bilde.

Marietta Slomka will mit ihrem Buch politische Grundlagen und Zusammenhänge so erklären, dass sie jedermann versteht. Das gelingt ihr – und das auch noch auf eine kurzweilige Weise. Nur an manchen Stellen ist es zu viel des Guten. Dann wirkt die Lockerheit übertrieben. Dann beginnt sie zu nerven, so dass man schon mal weiterblättert. Trotzdem: „Kanzler, Krise Kapital“ ist ein Buch, das sich lohnt, für diejenigen, die einen Überblick bekommen wollen. Wer es etwas genauer wissen will, dem bietet dieses Buch allerdings zu wenig. 

Marietta Slomka: Kanzler, Krise, Kapital. Wie Politik funktioniert. C Bertelsmann Verlag. 544 Seiten, 19,95 Euro. 

Kommentare (19)

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Account gelöscht!

12.08.2013, 18:40 Uhr

Das ist vermutlich genauso albern, wie wenn sich neuerdings die Nachrichtensprecher in Lebensgröße vor eine Tafel stellen müssen und dem blöden Zuschauer irgendeinen belangslosen Zusammenhang erklären. Wer sich das ausgedacht hat, gehört wirklich mit dem Lineal verprügelt.

WersBraucht

12.08.2013, 19:48 Uhr

Na klar.
Ne Frontfrau aus dem staatlichen Rundfunk erklärt mir die Politik und was der Hosenanzug so macht.

Nein, danke.

Account gelöscht!

12.08.2013, 19:54 Uhr

Da ich GEZ-Zwangsgelder zahle, boykottiere ich auf Lebenszeit Bücher CD's DVd's. Diese Herrschaften sind für mich ohne Ausnahme alle unten durch.

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