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09.04.2014

10:17 Uhr

Buchkritik

So tickt der Bundestag

VonThorsten Giersch

Ein Jahr auf der harten Besucherbank des Bundestags: Autor Roger Willemsen hat in Berlin dieses Experiment gewagt und danach ein Buch geschrieben, das Emotionen weckt – vor allem Wut.

Interesse sieht anders aus: Thomas de Maiziere, Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel und Angela Merkel (von links). dpa

Interesse sieht anders aus: Thomas de Maiziere, Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel und Angela Merkel (von links).

BerlinEs ist nicht leicht, in den deutschen Bundestag zu kommen. Auch nicht für Besucher. Ein Jugendlicher darf nicht hinein, solange er das Kaugummi im Mund hat. Es widerspräche der Würde des Hauses, sagt der Schrank von einem Sicherheitsmann. Roger Willemsen beschreibt die Szene in seinem neuen Buch „Das hohe Haus“ und stellt anschließend die Frage: „Aber wird sich auch das Haus der Entsorgung des Kaugummis würdig erweisen?“.

Ein Jahr lang (2013) hat es sich Willemsen auf der harten Besucherbank des Reichstages so gemütlich wie möglich gemacht. Und was er dort erlebte, geht an Überraschung, Verdrossenheit und extremer Unhöflichkeit weit über das hinaus, was ein Kaugummi jemals bedeuten könnte. Willemsens Buch ist trotz einiger Schwächen nicht nur ein Werk des Fleißes und ein Beweis, wie hart auch etablierte Autoren zu sich selbst gegenüber sein können. Es überzeugt auch mit einem streckenweise herrlichen Sprachstil und einer feinen Ironie. Aber vor allem weckt es mehr Emotionen als ein Konzert von Helene Fischer: Der Leser wird wütend, hat Mitleid, lacht mit, lacht über das Beschriebene, ballt die Faust und schlägt sich mit der Hand vor den Kopf.

Willemsen wörtlich (Teil 1)

Über den Deutschen Bundestag

„Da flackert er wieder auf, der Respekt, der die Institution meint, das Hohe Haus, das manchmal erhaben ist, manchmal bloß eine Kneipe. Noch in der Nacht überziehen sie alle gerne ihre Redezeit sagen nicht einfach „Nutztiere“, zählen sie lieber einzeln auf.“

Über Desinteresse

„Der Besucher darf kein Kaugummi im Mund haben, aber Desinteresse demonstrieren, allen gegenüber, auch jenen auf der Tribüne oder an den Fernsehgeräten, ist für Parlamentarier nicht unschicklich. Trittin redet gut und frei, immer wider wendet er sich der Kanzlerin zu, aber sie ist nicht mehr zu sehen im Rudel ihrer Gesprächspartner.“

Über Armut

„Man mag von Fall zu Fall streiten, wie aufrichtig ein Engagement für die „sozial Schwachen“ im Parlament ist. Aufrichtig aber ist jedenfalls der Hohn, der sich in Zwischenrufen verrät, wo allein die Wirklichkeit der Armut anerkannt werden soll.“

Über Werte

„Das Kabinett bleibt, während sie [Merkel] spricht, komplett, klatscht aber nicht. So sind nun mal unsere Werte. Die Kanzlerin hat absolviert. Dann berät sie sich, an Rösler vorbei, mit Westerwelle. Man lacht, Rösler niest.“

Über Franz Josef Strauß

„In den Reden bayerischer Abgeordneter zittert immer noch das Erbe von Franz-Josef Strauß nach. Selbst der bajuwarische Yuppie tritt wie ein Kraftmeier auf und möchte donnern – seine Rede aber gibt nur ein Räuspern her. Aus dem Satzbaukasten der Brachialrhetoriker hat man sich die Filetstücke herausgelöst.“

Über Egozentrik

„So verdichtet sich der Eindruck, dass sich der Apparat zunächst einmal selbst ernährt. Seine Egozentrik lässt in manchen Debatten keinen Raum für die Welt derer auf den Tribünen. Eher geht es von hier oben gesehen, um Betrachtung und Erhaltung des Status quo, also mehr um einen Zustand als um eine Bewegung.“

Über den Fortbestand der Erde

„Es geht um das Weltklima, also schließlich um den Fortbestand der Erde, und was man hört, ist eine in Formeln erstarrte, von Bürokratismen überwucherte Rhetorik, in der sich alle Dringlichkeit neutralisiert.“

Über Ressorts

„Unterschiedliche Ressorts, so scheint es, entwickeln unterschiedliche Aggressionsgrade. Um ökonomische und wirtschaftspolitische Themen wird ruchloser gestritten als um solche der Ökologie oder Bildung.“

Über Transparenz

„Glas redet nicht, es lässt durch. Dieser Raum will sagen: Es ist alles flüchtig. Wir werden von allen Seiten beobachtet. Wollen wir heimlich sein, müssen wir uns anstrengen, das heißt, noch undurchsichtiger werden, wenn schon der Saal es nicht ist, damit die Grenze zur Außenwelt, zur Allgemeinheit verwischt erscheine. Der Reichstag ist also modern als Monument des Flüchtigen.“

Über ordinäre Impulse

„Es ist ein ordinärer Impuls, sich von der Kanzlerin, ihrer Rhetorik, ihrer Erscheinung, ihrem Gefühlshaushalt, sich von der Volksvertretung insgesamt nicht vertreten zu fühlen. Es ist der billigst zu habende Dünkel, sich als Individuum zu verstehen, das im Kollektiv nicht aufgeht.“

Was an diesem Buch gefällt ist, dass der Autor die Worte der Politiker mit einem ungehörig großen Feingefühl dreht und wendet. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel angesichts der 142 getöteten Menschen nahe dem afghanischen Kunduz nach einer durch einen deutschen General angeordneten Bombardierung sagt: „Wenn es zivile Opfer gegeben haben sollte, dann werden ich das natürlich zutiefst betrauern.“ Willemsen hört diesen Satz und macht daraus in seinem Buch folgende Passage: „Das konjunktivische Mitleid: Wenn tot, dann traurig, wenn traurig, dann ‚„zutiefst‘“, und wenn ‚„zutiefst‘“, dann ‚„natürlich‘“. So muss man Merkel erst mal interpretieren.

Großer Sport sind auch die reportageartigen Beschreibungen von Sitzungen: „Ilse Aigner trägt jetzt den Pagenkopf, mit dem Michelle Obama gerade ihre Midlife-Crisis erklärte … Wolfgang Schäuble rast in Hochgeschwindigkeit die Rampe runter, helfende Hände ausschlagend, grüßende schüttelnd … Eine Wichtigkeit liegt in der Luft, der Geräuschpegel steigt … Peer Steinbrück zeigt sich, ein selektives Nicken … Die neue Bildungsministerin Johanna Wanka wird vereidigt. Sie trägt ein französisches Pelzkrägelchen, Merkel den üblichen Brustpanzer …“

Kommentare (8)

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09.04.2014, 11:23 Uhr

Jüngere Leser brauchen das Buch nicht - die Lesen doch eh nicht UND

Politikverdrossen sind wir eben, weil es so in der Berliner Politik zugeht. (Und die EU Politik setzt da noch einen drauf.) Das Buch ist da weder Ursache noch sonst irgendwas - sondern (wenn überhaupt) nur ein Beweis des Ganzen.

Und last-not-least: anstatt mehrteilige Rezessionen zu pinseln, hätte man sich die Presse als kritische Berichterstattung in der aktuellen Politikarbeit gewünscht. Stw: investigative Pressearbeit und kritisches Hinterfragen... Aber seitdem die ehem. "freie Presse" diese Rolle aufgegeben hat und sich lieber die Häppchen konsumierend beim Empfang der Partei räkelt... nun, da bekommt der Bürger das, was er ohnehin erwartet. Und so stellt sich letztlich die Frage ob das Buch nicht so ist, wie ein Buch über Regenwetter und Regenschirme. Alltäglich. Banal. Voller überflüssiger Informationen und letztlich nur für den Schirmenthusiasten gedacht?

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09.04.2014, 12:06 Uhr

dazu muss man sich doch nicht 1 jahr damit befassen. da reichen doch 5 minuten.

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09.04.2014, 12:45 Uhr

Ja, das ist die traurige Wahrheit.

Und die Bevölkerung weiß das doch schon längst.

Es interessiert doch auch niemanden mehr.

Jeder sieht nur noch zu, wie er am besten über die Runden kommt.

Nicht jeder kann eben als Bahnvorstand ent(ver)sorgt werden.

Es wird eine Zeit kommen, da hat die Regierung und das Parlament kein Volk mehr, weil die Leute dann vollständig abgeschaltet haben.

Die Demokratie stirbt am "ohne mich", sprach einst der Ludwig Erhard.

Und Demokratie hatten wir ohnehin noch nie in Deutschland. Bestenfalls eben eine Parlamentarische Demokratie. Und in welchen Händen die dann liegt, zeigt dieser Artikel des Handelsblatts nur einmal mehr.

Von den Schweizern lernen, heißt als Demokrat siegen lernen. Und genau da müssen wir hin kommen.

Zarte Entwicklungen dorthin gibt es ja bereits.

Die Hoffnung stirbt eben doch zuletzt.

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