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14.12.2016

14:42 Uhr

Buchvorstellung von Gabor Steingart

„Populisten sind eine Fehlermeldung“

VonChristian Rickens

Einfach nur Vorlesen war gestern: Bei seiner Buchpräsentation in Düsseldorf brachte Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart seine Zuhörer mit einem Powerpoint-Crescendo in Wallung – und forderte mehr direkte Demokratie.

Der Handelsblatt-Herausgeber mit Auslandschefin Nicole Bastian: „Sklerotische Verhältnisse wie aus dem Feudalismus“. Uta Wagner für Handelsblatt

Gabor Steingart

Der Handelsblatt-Herausgeber mit Auslandschefin Nicole Bastian: „Sklerotische Verhältnisse wie aus dem Feudalismus“.

DüsseldorfTreffen sich 250 Handelsblatt-Leser im Interconti an der Kö und reden über die Revolution: Was wie der Beginn eines Kalauers klingt, wurde am Abend des 13. Dezember Realität. Der Wirtschaftsclub des Handelsblatts hatte eingeladen, es gab Wein und Häppchen im gedämpften Ambiente des Fünf-Sterne-Hotels in Düsseldorf.

Doch als Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart die Bühne betrat, war es mit der entspannten Feierabendatmosphäre schnell vorbei. Statt einfach nur aus seinem neuen Buch „Weltbeben“ vorzulesen, elektrisierte Steingart die Zuhörer mit einem Powerpoint-Vortrag, der vor allem eine Kernbotschaft hatte: Wir leben in einem Zeitalter der Überforderung. Die Gleichzeitigkeit von Europäischer Vereinigung, Digitalisierung, Globalisierung und religiös motiviertem Krieg überfordert die Steuerungssysteme von Wirtschaft und Politik – vor allem aber die Eliten, die an den Schalthebeln dieser Systeme sitzen.

Nahezu protorevolutionäre Stimmung bei den Gästen im Interconti. Uta Wagner für Handelsblatt

Handelsblatt-Leser

Nahezu protorevolutionäre Stimmung bei den Gästen im Interconti.

Der Beamer projizierte die passenden Zahlen an die Wand des Konferenzraums: Die Staatsschulden steigen (außer in Deutschland) fast überall unaufhörlich weiter, „die nächste Finanzkrise ist die bestprognostizierte der Geschichte“. Die Managergehälter entfernen sich immer weiter vom Durchschnittsverdienst, die Lohnquote sinkt.

Doch statt sich um tatsächliche Lösungen zu bemühen, setzen Politiker laut Steingart immer stärker auf „Narrative“, auf emotional erzählte Geschichten, die beim Wähler gut ankommen. Vor allem in den EU-Institutionen herrschten „sklerotische Verhältnisse wie aus dem Feudalismus“. Angesichts solcher Verhältnisse warnte Steingart davor, die Wähler von extremen Parteien zu beschimpfen: „Populisten haben keine Lösungen, aber ihre Wahlerfolge sind eine Fehlermeldung. Es macht keinen Sinn, diese Fehlermeldung zu ignorieren.“

Die Lösung sieht Steingart in einer Selbstermächtigung des Bürgers, die er bereits in vielen Teilen der Gesellschaft am Werk sieht: Menschen beginnen sich vegan zu ernähren – und erteilen so der Massentierhaltung eine Absage. Bürger bringen mit Protesten das Freihandelsabkommen TTIP zu Fall – der Politik bleibt nur noch der Vollzug. Bürger stoppen Großprojekte wie Olympische Spiele, weil sie ihnen unsinnig erscheinen. Ganz im Sinne von Albert Camus: „Was ist ein Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der nein sagt.“

Konkret wünscht sich Steingart mehr direkte Demokratie, zum Beispiel die Direktwahl des Bundespräsidenten und des Präsidenten der EU-Kommission und mehr Bürgerbeteiligung auf kommunaler Ebene.

Der Vortrag und die anschließende Diskussion mit Handelsblatt-Auslandschefin Nicole Bastian entließ das Publikum in einer nahezu protorevolutionären Stimmung. Ein Herr im Anzug fragte: „Was sollen wir als nächstes tun, Herr Steingart?“ Doch auch die Zuhörer machten von ihrem Recht aufs Selberdenken Gebrauch, Kritik gab es zum Beispiel an Steingarts harscher Kritik an den EU-Institutionen. Die seien, so ein Zuhörer, schließlich auch nicht undemokratischer als die Strukturen in der Bundespolitik.

Was die Sache allerdings nicht unbedingt besser macht.

Networking auf höchstem Niveau
Einmal im Quartal lädt das Handelsblatt die Mitglieder des Handelsblatt Wirtschaftsclubs nach Düsseldorf, Hamburg, Berlin, München und Frankfurt zu Club-Gesprächen ein. Mit Entscheidern aus Politik, Wirtschaft, Kultur oder Wissenschaft wird im kleinen Rahmen über aktuelle Themen diskutiert. Regelmäßig finden in festlichem Rahmen Deutschland-Dinner statt. Zudem gibt es viele Branchen-Konferenzen und -Jahrestagungen – der Handelsblatt Wirtschaftsclub öffnet Ihnen die Türen zu diesen Events.

Eine Übersicht über die geplanten Club-Events und die Termine finden Sie unter club.handelsblatt.com.

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

14.12.2016, 15:06 Uhr

Hr. Steingart,
es ist schön, dass Sie ihre Leute aufrütteln wollen. Aber ich wette mit ihnen, dass diese "Populisten" wie Sie die Verstand und Vernunft Menschen bezeichnen, die jetzt die sog. Elitären/Marionetten Regierungen in den USA (Trump) und England (Brexit) übernommen haben, in den nächsten Jahren, mehr wirtschaftliche Mehrwertschöpfung, Industriearbeitsplätze und damit Wohlstand für ihre Gesellschaft hervorbringen (also Lösungen zum Wohle der Gesellschaft haben), als die Grün-Sozialistische EU-Deutsche Staatspolitik unter der Führung von Merkel.
Den Weg den die USA und England gehen wollen auch viele andere Parteien in Europa gehen...FPÖ und AfD sind nur einige von den Parteien, die ein anderes..von der Korrekten Politik befreites Europa der wirtschaftlichen Mehrwertschöpfung auf Basis einer Freien und NICHT staatlich Subventionierten Marktgesellschaft.
Der Dollar und das Pfund werden ihre Zinsen Stück für Stück hochfahren. Damit kommt ausländisches Anlegerkapital in diese Länder zurück. Und mit der entsprechenden CO2 Wirtschaftspolitik werden die Volkswirtschaften dieser Länder aufblühen.

Herr Claudio Crameri

14.12.2016, 15:08 Uhr

Wir leben in einer Zeit, in der alles von Mathematik abhängt und niemand mehr rechnen kann. Fragen Sie einen Mitmenschen was der Siebner Logarithmus von 343 ist und niemand antwortet wie aus der Pistole geschossen: Drei, was den sonst?

Wir gehen neun Jahre lang in die Schule und niemand beherrscht drei mathematische Funktionen. Das kommt garantiert schlecht!

Diesen Sommer habe ich mit meinem Solarboot ein kleines Mietboot voller Gymnasiasten angetroffen auf dem Bodensee und Ihnen die Frage gestellt: Was gibt 2 hoch -3. Keiner kam auf die Lösung (0.125). Das mathematische Niveau ist grottenschlecht geworden!


WIR MÜSSEN WIEDER LERNEN ZU RECHNEN!

Adam Riese würde sich im Grab umdrehen, falls er wüsste, wie es um unsere mathematischen Fähigkeiten bestellt ist!

Frau Edelgard Kah

14.12.2016, 15:44 Uhr

Mehr direkte Demokratie? Nichts dagegen. Aber wenn es darum geht, die Meinungen und Stimmungen des Volkes aufzugreifen, sind die vielgescholtenen Populisten vielleicht noch hilfreicher.

Natürlich wünsche ich mir keinesfalls, dass sie in den Parlamenten eine Mehrheit erringen. Ich bin gegen Einseitigkeit und Radikalität. Aber es muß jemand geben, der für neue Gedanken wirbt. Ein Beispiel dafür sind die Grünen, die über Jahrzehnte keine Mehrheit in den Parlamenten hatten. Aber ihr ständiges Werben für den Umweltschutz wurde Schritt für Schritt von den etablierten Parteien übernommen.

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