Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.05.2012

07:33 Uhr

Bürokratie

Der jobkillende Wahnsinn

VonAnja Müller, Axel Schrinner, Thomas Sigmund, Klaus Stratmann

Bürokratie vernichtet Arbeitsplätze und sie behindert Innovationen. Fällt irgendwo eine Verordnung weg, wird sie meist rasch durch eine neue ersetzt - durch Politiker, die selbst den Bürokratieabbau predigen.

Bürokratieauswüchse sind nicht nur ärgerlich, sondern schlimmstenfalls ein echter Jobkiller. dpa

Bürokratieauswüchse sind nicht nur ärgerlich, sondern schlimmstenfalls ein echter Jobkiller.

Düsseldorf/BerlinLutz Goebel ist ein besonnener Mann. Doch wenn er auf das Thema Bürokratie zu sprechen kommt, gerät er in Rage. „Ich beschäftige mindestens zwei Mitarbeiter zusätzlich, die den irrsinnigen Bürokratiewust für mein Unternehmen bewältigen müssen“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter der Henkelhausen-Gruppe, deren 240 Mitarbeiter Motoren und Aggregate in der Industrie in Betrieb nehmen und warten.

Die Politik wiederhole zwar immer wieder ihr Bekenntnis, Bürokratie abbauen zu wollen - doch in Wahrheit denke sie sich immer neue Bürokratie aus. Allein die derzeit diskutierten anonymen Bewerbungen würden gerade „für kleine und mittlere Unternehmen die Personalauswahl erheblich erschweren und mehr kosten“, so Goebel, der Präsident des Verbandes „Die Familienunternehmer“ ist.

Und Goebel steht mit seiner Klage nicht allein. Täglich verwenden Zehntausende Selbstständige und Angestellte viel Zeit darauf, Nachweise zu erbringen, Belege zu sammeln, Anträge zu formulieren, und Genehmigungen zu erwirken.

Von den Nachbarn lernen

Portugal

Öffentliche Ausschreibungen müssen über eine elektronische Plattform erfolgen. Der digitale Anteil an Ausschreibungen liegt dort inzwischen bei mehr als 75 Prozent, während er im EU-Durchschnitt schätzungsweise etwa fünf Prozent beträgt.

Estland

Ein Gesetz verbietet die mehrmalige Erhebung der gleichen Daten. Demnach kann die Regierung von Firmen keine Daten mehr verlangen, die bereits im Wege des elektronischen Jahresberichts an das Handelsregister übermittelt wurden. Auch alle anderen Behörden können die Daten verwenden.

Dänemark

Von 2013 an werden in der Kommunikation zwischen Firmen und Verwaltung alle Anschreiben digital versandt und ausgewählte digitale Betriebssysteme verpflichtend. Ab 2014 müssen alle Bürger ein digitales Postfach unterhalten, um darüber Behördenpost empfangen zu können.

Litauen

Das litauische Statistikamt nutzt Mehrwertsteuer-Daten der Steuerinspektion für seine Zwecke. Diese Daten ersetzen kurzfristige Überprüfungen der Wirtschaftsaktivitäten, die zuvor gesondert erhoben wurden.

Niederlande

Für nationale Fördermittel gibt es einen vereinfachten Rahmen. Subventionen bis 50.000 Euro werden pauschal ausbezahlt, nicht nach tatsächlich entstandenen Kosten. Stichprobenprüfungen laufen auf der Grundlage von Risikoabschätzungen.

Die bürokratischen Lasten verursachen Kosten bei den Betrieben in zweistelliger Milliardenhöhe - oft überflüssige Kosten.

„Deutschland leidet unter bürokratischem Ballast“, sagt Ulrich Karpen. Der Hamburger Rechtswissenschaftler, lange Zeit Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Gesetzgebung, beobachtet seit Jahren die Bemühungen der Politik, Bürokratie abzubauen. Sein Fazit: „Ja, es sind Fortschritte erzielt worden. Doch die Erfolge werden zum Teil wieder aufgezehrt, etwa durch Bürokratie, die aus Brüssel auf uns zukommt oder die wir selbst neu aufbauen.“

Jüngstes Beispiel: Das Wirtschaftsministerium richtet derzeit eine Markttransparenzstelle ein, die der missbräuchlichen Gestaltung von Energiepreisen einen Riegel vorschieben soll. Die neue Behörde wird Daten sammeln, sie vergleichen und bewerten.

Kommentare (34)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Excel

17.05.2012, 07:57 Uhr

Alles will wachsen, hier macht die Bürokratie keine Ausnahme. Das Dilemma für deutsche Bürokraten ist: Eine gute Verwaltung ist effizient und sorgt damit für Bürokratenabbau - ein Jobkiller sozusagen. Und wer sägt schon am eigenen Ast? Somit bleibt es bei der alten Ineffizenz und für (bürokratisches) Wachstum sorgen weitere Regularien und "Agenturgründungen". Zumal Politiker überwiegend aus Aemtern äh Agenturen kommen und nie gegen die eigene Klientel vorgehen.

Das es besser geht, zeigt die in Deutschland als Buhmann oder Steuerparadies verachtete Schweiz. Die niedrigen Steuern und das unternehmerfreundliche Umfeld sind vor allem auf eine effizente schlanke Verwaltung zurückzuführen. Ein Horror für deutsche Beamte und Politiker. Wird hier doch vorgeführt wie ein Staat sein soll. Steuergünstig und bürgernah - ein Steuerzahlerparadies eben.

AlexanderBerg

17.05.2012, 07:58 Uhr

Unzeitgemäße Organisations-, Denk- und Verhaltensmuster führen zu zunehmender Komplexität und einhergehender Ineffizienz.

SchwarzMaler

17.05.2012, 08:34 Uhr

viele vergessen das Bürokratie ein riesen großer Arbeitsgeber ist! der Staat beschäftigt sinnlos Menschen, die glauben etwas wichtiges zu machen (JURA) und behindern damit das eigentliche Wachstum! wo wären wir bloß ohne diese Krake, vielleicht schon Rohstoffe im All ernten und 2. Wohnsitz auf dem Mond!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×