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20.06.2012

08:06 Uhr

Bund-Länder-Bericht

Wissenschaftler warnen vor Betreuungsgeld

Im nationalen Bildungsbericht gehen Wissenschaftler mit dem Betreuungsgeld hart ins Gericht. Sie verweisen auf den Nutzen frühkindlicher Bildung in Betreuungseinrichtungen, die Kindern einen deutlichen Lernvorsprung verschafft.

Kinder der AWO-Kindertagesstätte „Käthe Kollwitz“ in Ilmenau machen spielerisch erste Erfahrungen mit Zahlen. dpa

Kinder der AWO-Kindertagesstätte „Käthe Kollwitz“ in Ilmenau machen spielerisch erste Erfahrungen mit Zahlen.

BerlinIm neuen nationalen Bildungsbericht von Bund und Ländern wird eindringlich vor der Einführung eines Betreuungsgeldes gewarnt. Der Ausbau der Kindertagesstätten, die Einlösung des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz für Unter-Dreijährige sowie dringend notwendige qualitative Verbesserungen in Kinderkrippen und Kindergärten stellten den Staat jetzt schon vor erhebliche finanzielle Herausforderungen. Darauf verweist der Bericht, der der Deutschen Presse-Agentur dpa vorliegt. Bei zusätzlichen Leistungen - wie dem Betreuungsgeld - bestehe dagegen die Gefahr, dass keines der angestrebten Ziele zufriedenstellend erreicht werden kann.

Der Bildungsbericht ist gemeinsam vom Bundesbildungsministerium und der Kultusministerkonferenz (KMK) der Länder bei namhaften Wissenschaftlern in Auftrag gegeben worden. Er soll an diesem Freitag in Berlin veröffentlicht werden.

Die Wissenschaftler verweisen in ihrer Analyse auf verschiedene aktuelle Untersuchungen, die den Nutzen frühkindlicher Bildung in Betreuungseinrichtungen eindeutig belegten. So verfügten Kinder, die vor ihrer Einschulung mindestens drei Jahre eine Kita besuchten, in der vierten Grundschulklasse beim Lesen und beim Textverständnis in der Regel über einen Lernvorsprung von gut einem Schuljahr. Solche erheblichen Lernvorsprünge fänden sich „auffällig“ auch bei Kindern aus problematischen Elternhäusern oder aus Migranten-Familien.

Wesentliche Profiteure vom Kita-Besuch der Kleinen sind allerdings laut Bericht Familien mit hohem Bildungsniveau, die sich ohnehin intensiv um die Vorbildung ihrer Kinder kümmern - zum Beispiel durch Vorlesen, Wortspiele und Geschichten erzählen. Auch wenn beide Elternteile berufstätig seien und das Kleinkind tagsüber in einer Kita betreut werde, ließen diese zusätzlichen Aktivitäten der Eltern nicht nach.

„Die Leseorientierung in der Familie wird durch den Bildungsstand der Eltern geprägt“, heißt es in der Analyse weiter. Kinder, die aber diese Unterstützung nicht erhielten und gleichzeitig auch keine Kita besuchten, seien bei der Bildung doppelt benachteiligt, folgern die Wissenschaftlern.

Laut Bericht werden in Deutschland etwa ein Viertel der 3- bis unter 7-Jährigen als „sprachförderbedürftig“ eingestuft. Dies gilt insbesondere für Kinder mit nicht-deutscher Familiensprache und Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern.

Die Koalition will auf Betreiben der CSU den umstrittenen Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld noch vor der Sommerpause in den Bundestag einbringen.

Erste Pleite für Betreuungsgeld

Video: Erste Pleite für Betreuungsgeld

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Von

dpa

Kommentare (34)

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BastiS

20.06.2012, 08:55 Uhr

Wenn man den Artikel so liest, lässt sich nur eine Schkussfolgerung ziehen: Unsere Eltern und Großeltern müssten im Schnitt deutlich dümmer sein als wir!
Früher war es üblich, dass sich die Eltern noch um ihre Kinder gekümmert haben, insbesondere die Mütter. Ich möchte nicht negativ über Emanzipation reden (es könnte von mir aus auch der Vater sein), aber was hat es uns denn bisher gebracht, dass Mann und Frau arbeiten gehen?
Im Schnitt verdienen beide weniger und isgesamt das gleiche wie früher, wo nur der Mann arbeiten ging. Denn wenn es ein größeres Angebot an Arbeitskraft gibt, sink der Preis dafür.
Nun aber noch einmal zurück zur Aussage des Textes. Ich staune immer wieder über diese Studien die besagen, dass es besser sei, die Kinder möglichst früh in eine Kita oder ähnluchem zu stecken. Sind denn die heutigen Eltern nicht mehr in der Lage, ihre Kinder selbst zu erziehen? In manchen Fälle stimmt das vielleicht sogar, aber es gibt doch auch Eltern, die nicht dem klischehaften Bild des Hartz IV-Empfängers entsprechen. Aber die gebildeten Akademiker-Eltern haben ja keine Zeit mehr, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Oder will man etwa die Erzieheung bewusst von den Eltern lösen und die individeulle Entwicklung der Kinder verhindern?
Gehört es nicht zum Eltern sein dazu, sein Kind auch mal unter der Woche zu sehen und sich selbst um es zu kümmern?
Wenn ich so manchen Politiker (und auch normale Menschen) höre, müssen Mütter nur noch Kinder gebären, um den demografischen Wandel zu stoppen. Damit enden dann ihre Verpflichtungen, von den Vätern ganz zu schweigen.
Aber vielleicht irre ich mich auch und es ist wirklich besser, wenn Kinder den goßteil ihrer Kindheit ohne ihre Eltern verbringen.

Bros

20.06.2012, 09:36 Uhr

Komisch,
wenn man sich tiefer mit der Thematik befasst findet man in punkto "Nutzen für Kinder unter 18 Monate" unter Wissenschaftlern keine Fürsprecher. Das bislang größte Forschungsprojekt “Study of Early Child Care and Youth Development (SECCYD)”:
"Als die Kinder mit 4,5 Jahren den amerikanischen Kindergarten - eine Art Vorklasse - besuchten, wurde Folgendes ermittelt: Je mehr Zeit die Kinder zuvor in Settings der Fremdbetreuung verbracht hatten, umso mehr externalisierende Verhaltensauffälligkeiten und Konflikte mit Erwachsenen zeigten sie laut ihren Müttern, Betreuer/innen und/oder Lehrer/innen. Dieses Resultat blieb bestehen, auch wenn Art, Qualität und Stabilität der Fremdbetreuung sowie Familienfaktoren mitberücksichtigt wurden. Allerdings schienen die genannten Auswirkungen einer längeren Fremdbetreuung noch größer zu sein, wenn diese bereits in den ersten sechs Lebensmonaten des Kindes begonnen hatte (NICHD Early Child Care Research Network 2003a). Je mehr Stunden unter Dreijährige in Kindertageseinrichtungen verbracht hatten, umso schlechter waren die Resultate bei kognitiven und Sprachtests... (NICHD Early Child Care Research Network 2004a). "
http://www.kindergartenpaedagogik.de/1602.html

bzw.
Studienleiter Jay Belsky und seine Mitarbeiter fanden heraus, dass Kinder, die mindestens 10 Stunden pro Woche in der Kinderkrippe verbracht hatten, im 6. Schuljahr häufiger Aggressionen und schwieriges Verhalten zeigen, als Kinder, die von den Eltern, der Tagesmutter oder einem Kindermädchen betreut wurden. Der gemessene Grad an Aggressionen war zwar hoch, aber noch im “Normbereich”. Allerdings lässt die Vielzahl der betroffenen Kinder die Wissenschaftler aufhorchen. http://www.medizin-im-text.de/blog/2008/540/nichd-studie-folgen-der-krippenbetreuung/

Schöner und interessanter Artikel hier (Aus Sicht von Psychoanalytikern):
http://www.psychoanalyse-aktuell.de/kinder/fremdbetreuung.html

OnkelTom

20.06.2012, 09:38 Uhr

Jedes Kleinkind (unter 3 !), das nicht in die Kita geht, spart dem Steuerzahler mindestens 1.000 EUR pro Monat. Warum sind dann 100 EUR pro Monat für Mütter, die sich selbst um Ihre Kinder kümmern so ein Problem?

Das immer wieder aufgewärmte Argument der Kita als Bildungsstätte - auch für Migrantenkinder - ist einfach falsch. Empfehle dazu einen Blick nach Frankreich. Die Jugendlichen, die regelmässig die Vorstädte anzünden, sind alle durch die Kitas gegangen.

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