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22.12.2011

07:06 Uhr

Bundespräsident Wulff

Opposition fordert echte Weihnachtsansprache

Der Bundespräsident spricht in seiner Weihnachtsrede zum Volk - und sagt kein Wort über seinen umstrittenen Privatkredit. Die Opposition ist außer sich: Wulff soll endlich eine persönliche Antwort in der Affäre geben.

Wulff-Anwalt: Doch Verhandlungen mit Unternehmer Geerkens

Video: Wulff-Anwalt: Doch Verhandlungen mit Unternehmer Geerkens

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BerlinSPD-Chef Sigmar Gabriel wünscht sich eine persönliche Stellungnahme von Bundespräsident Christian Wulff zu dessen Privatkredit und engen Kontakten zu befreundeten Unternehmern. „Ich gehe davon aus, dass der Bundespräsident alle offenen Fragen persönlich beantwortet“, sagte Gabriel der „Passauer Neuen Presse“ (Donnerstag). Die Grünen warfen Wulff vor, die Öffentlichkeit auf Distanz zu halten, und forderten ebenfalls persönliche und umfassende Antworten des Bundespräsidenten.

Es sei ein merkwürdiger Vorgang, wenn ein Bundespräsident die Fragen, die es in der Bevölkerung zu Recht gebe, nur noch von seinen Anwälten beantworten lasse, sagte die Bundesgeschäftsführerin der Grünen, Steffi Lemke, der Zeitung „Die Welt“ (Donnerstag). „Mehr Distanz zwischen Staatsoberhaupt und Öffentlichkeit gab es lange nicht.“ „Wenn Christian Wulff nicht als Salami-Präsident in die Geschichte eingehen will, muss er endlich Antworten geben. Persönlich und umfassend“, forderte sie.  

Wulffs Urlaubs-Freunde

Edith und Egon Geerkens

Egon Geerkens hat erst mit Schrott und dann mit Schmuck sein Vermögen gemacht. 2009 verbrachten Christian und Bettina Wulff ihren Weihnachtsurlaub in der Villa des Unternehmerehepaares in Florida. Geerkens sei zum Zeitpunkt der USA-Reise zum Jahreswechsel 2009/2010 nicht mehr unternehmerisch tätig gewesen. Aber auch schon 2003 und 2004 machte Wulff nach der Liste seiner Anwälte mit seiner damaligen Frau Christiane beim Ehepaar Geerkens in Spanien Urlaub. Der Bundespräsident ist mit dem medienscheuen Unternehmer seit vielen Jahren befreundet. Das Paar lebt inzwischen in Luzern in der Schweiz. In Osnabrück hatte Egon Geerkens zuletzt ein Schmuckgeschäft und mehrere Immobilien.

Wolf-Dieter Baumgartl

Der 68-Jährige Manager gilt als einer der wichtigsten Köpfe in der deutschen Versicherungsbranche. 1993 wurde er Vorstandschef des Versicherers HDI in Hannover, den er erfolgreich umbaute und auch durch Übernahmen vergrößerte. Baumgartl schuf den heute drittgrößten deutschen Versicherungskonzern Talanx. 2006 übernahm er den Talanx-Aufsichtsratsvorsitz. In einem Anwesen Baumgartls in Italien hatte sich Wulff mit seiner Frau im Jahr 2008 aufgehalten.

Angela Solaro und Volker Meyer

Über die beiden ist in der Öffentlichkeit nur sehr wenig bekannt. Das ältere Paar lebt auf der Nordsee-Insel Norderney, einem der liebsten Urlaubsziele von Wulff. Er soll dass Paar schon besucht haben, als er noch Landesvorsitzender der Jungen Union in Niedersachsen war. Womit die langjährigen Freunde ihr Geld verdienen, ist unklar. Laut Medien besitzen sie ein Süßwaren-Spezialitätengeschäft und vertreiben Feinkost. 2008 und 2009 hatte die Familie Wulff das Ehepaar auf Norderney besucht.

Carsten Maschmeyer

Der Unternehmer gilt als schillernde Persönlichkeit und begnadeter Verkäufer. Nach dem Abbruch eines Medizinstudiums gründete der 52-Jährige den Finanzdienstleister AWD und machte Millionen. 2007 übernahm der Versicherer Swiss Life den AWD. Maschmeyer, der mit der Schauspielerin Veronica Ferres liiert ist, gilt als wichtige Figur eines einflussreichen Kreises in Hannover aus Unternehmern, Politikern und anderen Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Sport. Er gilt als Freund sowohl von Altkanzler Gerhard Schröder als auch von Bundespräsident Christian Wulff. Wulff machte 2010 Urlaub in einem Appartement einer Ferienanlage Maschmeyers auf Mallorca.

„Dass nicht er, sondern seine Anwälte kommunizieren, halte ich für unglücklich“, erklärte auch SPD-Chef Gabriel. Allerdings sei es allein Sache des Bundespräsidenten, wie er mit den Vorwürfen umgeht. „Niemand kann ihm da einen Ratschlag geben, schon gar nicht die Opposition. Ich fürchte allerdings, dass die Affäre dazu beiträgt, dass die Menschen immer weniger Vertrauen in Politik haben. Der Titel seines Buches wäre auch jetzt die richtige Leitlinie: „Besser die Wahrheit“.“  

Wulff steht in der Kritik, weil er 2008 noch als niedersächsischer Ministerpräsident von der Frau des befreundeten Unternehmers Egon Geerkens einen 500 000-Euro-Kredit für den Kauf eines Privathauses aufnahm, diesen 2010 auf eine Anfrage im Landtag aber unerwähnt ließ. Auch die große Nähe Wulffs zu Unternehmergrößen ist umstritten. So verbrachte er als Regierungschef zwischen 2003 und 2010 sechs Urlaube bei Freunden in Spanien, Italien, Florida und auf Norderney - als deren Gast. Der mit ihm befreundete Geschäftsmann Carsten Maschmeyer hatte im niedersächsischen Landtagswahlkampf 2007/2008 eine Anzeigenkampagne für das Wulff-Buch „Besser die Wahrheit“ finanziert. Von diesen Zahlungen wusste Wulff nach Angaben seines Anwalts, Maschmeyers und des Verlages jedoch nichts.

In seiner am Mittwochnachmittag aufgezeichneten Weihnachtsansprache ging Wulff nach Angaben aus Teilnehmerkreisen nicht auf die Vorwürfe ein. Lediglich bei der Begrüßung der Zuhörer vor der offiziellen Aufzeichnung äußerte er sich indirekt und eher beiläufig dazu, wie Teilnehmer nachher berichteten: Wulff habe erklärt, dass in der heutigen Zeit des Internets alles, was man irgendwann einmal gemacht habe, irgendwann ans Licht komme und man darauf vorbereitet sein sollte.

Wulffs Anwalt Gernot Lehr bestätigte am Dienstag erstmals, dass der Unternehmer Egon Geerkens in die Verhandlungen über den 500.000-Euro-Kredit für den Kauf des Privathauses des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten eingeschaltet war. Dies sei aufgrund des besonderen Sachverstands und der freundschaftlichen Beziehungen von Geerkens zu Wulff geschehen, teilte Lehr in einem Schreiben an die Zeitung „Die Welt“ mit. Das Darlehen selbst sei aber von Geerkens' Ehefrau Edith gewährt worden.

Die Antikorruptions-Organisation Transparency International forderte Wulff auf, noch vor der Ausstrahlung seiner Weihnachtsansprache mit einer öffentlichen Erklärung reinen Tisch zu machen. Der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Donnerstagausgabe) sagte die Vorsitzende von Transparency Deutschland, Edda Müller: „Der Bundespräsident muss vor seiner Weihnachtsansprache am Sonntag alle Karten öffentlich und rückhaltlos auf den Tisch legen.“ Eine Weihnachtsansprache Wulffs zum Zusammenhalt in der Gesellschaft sei „peinlich hoch drei“, solange die gegen ihn erhobenen Vorwürfe im Raum stünden.

Eine Erklärung biete für Wulff die Chance, neues Vertrauen und Respekt bei den Bürgern zu gewinnen. Bisher verschanze er sich hinter Anwaltsbüros und juristischen Spitzfindigkeiten, kritisierte Müller. „Niemand kann sich wünschen, dass innerhalb von zwei Jahren der zweite Bundespräsident zurücktritt“, sagte Gabriel weiter. „Damit würde das Vertrauen in die demokratischen Institutionen schwer beschädigt. Umso wichtiger ist jetzt Aufklärung.“

Kommentare (40)

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22.12.2011, 07:27 Uhr

Warum überhaupt eine Weihnachtsansprache?
Wen interessiert überhaupt noch dieses Gesülze???
An welches Volk???
Ich bin gegen Ansprachen, die nichts aussagen.
Danke

Account gelöscht!

22.12.2011, 07:28 Uhr

"Wulff habe erklärt, dass in der heutigen Zeit des Internets alles, was man irgendwann einmal gemacht habe, irgendwann ans Licht komme und man darauf vorbereitet sein sollte"

Schlussfolgerung: Internet = Licht

Account gelöscht!

22.12.2011, 07:33 Uhr

Nun tun alle so,als ob die Salamitaktik eine Erfindung des Herrn Wulff wäre.Kann mir jemand einen einzigen Politiker nennen,der sich nicht so verhalten hat,nachdem er bei einer kleineren oder größeren Missetat erwischt wurde?
Ich erinnere mal an Barschel,Möllemann,Kohl,Rauh,Guttenberg.
Das sind doch alles kleine Sünden,für die Welt bedeutungslos.Um die großen Sünden,die von den Ackermännern dieser Welt begangen werden,kümmert man sich lieber nicht.Vielleicht weil man selber hofft,mal zu Diensten sein zu dürfen??

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