Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.06.2013

07:22 Uhr

Bundestagswahl

Umfrageergebnisse sind nicht die Welt

Nur noch 22 Prozent? Dort sieht eine Forsa-Umfrage die SPD. Der jüngste Deutschlandtrend der ARD sieht kaum besser aus. Ganz ruhig, sagen Experten: Solche Umfragen sind wenig aussagekräftig und beeinflussen Wähler nicht.

Parteiforscher beschwichtigen: Ob die Wähler im September bei der SPD ihr Kreuzchen machen, entscheiden sie selbst – nicht irgendwelche gewichteten Umfrageergebnisse. dpa

Parteiforscher beschwichtigen: Ob die Wähler im September bei der SPD ihr Kreuzchen machen, entscheiden sie selbst – nicht irgendwelche gewichteten Umfrageergebnisse.

BerlinDer Parteienforscher Jürgen Falter hält den Umgang der meisten Medien mit Wahlumfragen für „bewusst fahrlässig“. Kleine Veränderungen in den Ergebnissen der Sonntagsfragen würden viel zu oft als Sensationsergebnis verkauft, kritisiert der Mainzer Professor. „Da wird aus einem Prozentpunkt ein Riesenballon gemacht, dabei stellt ein Prozentpunkt nie eine signifikante Veränderung dar.“ Die Umfragen zur Bundestagswahl lägen seit Monaten im gleichen Bereich, „die berichteten Schwankungen sind eher Zufallsschwankungen“.

Wahlumfragen seien Stimmungsbilder, keine Verhaltensprognosen - und zudem keine exakte Wissenschaft, warnte Falter. „Umfragen sind immer Kunsthandwerk: viel Handwerk, aber auch ein bisschen Kunst, Fingerspitzengefühl, Pi mal Daumen.“

Am Mittwoch hatte eine Forsa-Umfrage für Aufsehen gesorgt, der zufolge die SPD nur noch auf 22 Prozent der Wählerstimmen käme. Das ist deutlich weniger als bei anderen Instituten. Im Willy-Brandt-Haus unterstellt man dem Institut tendenziöse Zahlen. Auch der Medienjournalist Stefan Niggemeier erhob diesen Vorwurf.

Fakten zur Bundestagswahl

Wie läuft der Wahltag ab?

Mehr als 80.000 Wahllokale gibt es in den insgesamt 299 Wahlkreisen. Damit dort von 8 bis 18 Uhr gewählt werden kann, sind über 600.000 ehrenamtliche Wahlhelfer im Einsatz - dafür steht ihnen nicht mehr als ein Erfrischungsgeld von 21 Euro zu. Pünktlich um 18 Uhr schließen die Wahllokale, dann beginnt die Auszählung. Erste Hochrechnungen gibt es meist schon wenige Stunden später.

Wer organisiert die Wahl?

Oberster Organisator ist der Bundeswahlleiter. Der wird auf unbestimmte Zeit vom Innenminister ernannt. Traditionell wird regelmäßig der Präsident des statistischen Bundesamtes mit dieser Aufgabe betraut - seit 2008 ist deshalb Roderich Egeler Bundeswahlleiter. Er organisiert nicht nur die Bundeswahlen, sondern überprüft auch die antretenden Parteien und unterstützt die 16 Landeswahlleiter bei der Durchführung der Wahlen auf Landesebene. Auch jeder Wahlkreis hat seine eigene Wahlkreisleitung.

Wer sind die Wähler?

Wählen darf jeder, der die deutsche Staatsbürgerschaft hat und über 18 Jahre alt ist. Bei der Bundestagswahl am 22. September werden das 61,8 Millionen Menschen sein. Nur 3,6 Prozent der Wahlberechtigten sind zwischen 18 und 20 Jahren alt, aber über 20 Prozent der Wahlberechtigten sind 70 Jahre und älter. 51,5 Prozent der Wahlberechtigten sind Frauen.

Wann kommt eine Partei in den Bundestag?

Damit eine Partei bei den Wahlen antreten kann, muss sie vom Bundeswahlausschuss anerkannt werden. Unterschieden wird hier zwischen den „etablierten" Parteien, die seit der letzten Wahl mit mindestens fünf Abgeordneten im Bundestag oder in einem Landtag vertreten sein müssen, und den nicht etablierten Parteien. Nicht etablierte Parteien müssen neben ihren Unterlagen auch Unterschriftensammlungen vorlegen, um zur Wahl antreten zu können.

Um in den Bundestag zu kommen, muss eine Partei mindestens fünf Prozent aller abgegebenen Stimmen erhalten - oder aber drei Direktmandate in den Wahlkreisen holen.

Dass es Unterschiede zwischen den Ergebnissen einzelner Institute gibt, erklärt Falter mit unterschiedlichen Verfahren. „Das sind immer behandelte Ergebnisse“, sagte der Politikwissenschaftler. „Zum Beispiel erreichen die Institute bei Umfragen über Festnetztelefon mehr Witwen und Heimarbeiter und weniger Jugendliche, Monteure oder Fernfahrer.“ Deshalb würden die Daten gewichtet, um dennoch ein repräsentatives Ergebnis zu erhalten.

Allerdings stellt Falter fest: „Forsa misst die SPD fast durchgehend deutlich niedriger.“ Dabei liege das Ergebnis jedoch fast immer noch innerhalb des Zufallsfehlers. Sprich: Unter Berücksichtigung der üblichen Fehlertoleranz von plus/minus 2,5 Prozentpunkten bei den Umfragewerten liegen die Ergebnisse gar nicht so weit auseinander. Forsa müsse sich allerdings schon die Frage stellen lassen, warum nur der Wert der SPD so stark abweiche.

Eigentlich sei es sinnvoller, einen Mittelwert der einzelnen Ergebnisse heranzuziehen. „Das Problem ist: Damit wird Politik gemacht“, sagte der Wissenschaftler. Dabei sei allerdings nicht klar, wie die Umfragen sich letztlich auswirken: „Profitiert die Union, wenn sie überschätzt wird? Oder wirkt das eher demotivierend für ihre Anhänger?“ Im Saldo dürften sich die Umfragen nach Einschätzung Falters kaum auf das Wahlergebnis auswirken, „weil Mobilisierungs- und Demobilisierungseffekte sich tendenziell aufheben“.

Von

dpa

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

kraehendienst

21.06.2013, 08:17 Uhr

"Nur noch 22 Prozent? Dort sieht eine Forsa-Umfrage die SPD. Der jüngste Deutschlandtrend der ARD sieht kaum besser aus. Ganz ruhig, sagen Experten: Solche Umfragen sind wenig aussagekräftig und beeinflussen Wähler nicht." - Hieran sieht man, für wie DUMM die "Experten" welcher Couleur auch immer die Wähler halten. 2008 sagte so denn auch ein Bundes-CDU-Politiker, die deutschen Wähler seien zu dumm einen Bundespräsidenten zu wählen! Offenbar stimmt es denn seit Jahren lassen sich die Deutschen die EU-Diktatur gefallen, schauen zu ja 60% verabschieden sich aus der politischen Teilnahme, dass Maastricht-Kriterien sukkzessive ausgehebelt ja deleted werden. Lassen sich zu Hartz-VI-Knechten mit Aufgeld (früher vielleicht der Sonnenhut auf der Galere) verunglimpfen. Aufstand wie in Brasilien? Undenkbar bei dieser lethargisch dahin vegetierenden, beinahe bestenfalls noch geistig metastasierenden Masse, die narzistisch in ihrer Lethargie lebt, dahin vegetiert.

Gast

21.06.2013, 08:46 Uhr

Es wird ein riesiger Hype um Umfrageergebnisse gemacht. Und nun, wenn's einem nicht passt, wird gesagt halb so wild?

Merken die eigentlich, wie bescheuert die sind?

Lutz

21.06.2013, 11:14 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×