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31.05.2017

03:01 Uhr

Bundeswehr

Über 400 Wehrmachtsandenken in Kasernen entdeckt

Die Affäre um den terrorverdächtigen Soldaten Franco A. hat bei der Bundeswehr eine Durchsuchung der Kasernen ausgelöst. Zunächst war von 41 Devotionalien die Rede - scheinbar wurde aber das Zahnfache gefunden.

Wehrmachtsandenken im Aufenthaltsraum des Jägerbataillons 291 der Bundeswehr in Illkirch bei Straßburg: In der Kaserne war der terrorverdächtige Oberleutnant Franco A. stationiert. dpa

Bundeswehr

Wehrmachtsandenken im Aufenthaltsraum des Jägerbataillons 291 der Bundeswehr in Illkirch bei Straßburg: In der Kaserne war der terrorverdächtige Oberleutnant Franco A. stationiert.

BerlinBei der Durchsuchung der Kasernen der Bundeswehr nach Wehrmachtsandenken sind mehr als 400 Devotionalien entdeckt und gemeldet worden. Gefunden worden sei ein „sehr breites Spektrum vom zulässigen wissenschaftlichen Exponat im Rahmen einer gültigen militärhistorischen Sammlung bis zur verbotenen Devotionalie mit Hakenkreuz“, heißt es in einem Schreiben des Verteidigungsministeriums an den Bundestag, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Aufgelistet wurden etwa Helme, Uniformen, Gewehre, Panzermodelle, Säbel und Schwerter sowie Bilder und Gemälde von Wehrmachtssoldaten. Das Ministerium kündigte verschiedene Maßnahmen vom sofortigen Entfernen bis zur Aufnahme in eine militärhistorische Sammlung für die Gegenstände an.

„Es würde mich nicht wundern, wenn die Liste bei weiteren und vor allem unangemeldeten Begehungen noch länger würde“, sagte der Linke-Obmann im Verteidigungsausschuss, Alexander Neu. Aus der Liste werde nicht deutlich, welche Kasernen durchsucht worden seien. Das sei aber in der Ausschusssitzung zugesagt worden.

Die Baustellen der Ursula von der Leyen

Personal

Die Bundeswehr war in den vergangenen 25 Jahren auf Schrumpfkurs. Militärische Planung orientierte sich an Sparzwängen, die auch bei der Aussetzung der Wehrpflicht eine Rolle spielten. Bestand die Bundeswehr um 1990 aus fast einer halben Million aktiver Soldaten, sind es 2016 gerade noch knapp 178 000. Nun soll die Truppenstärke wieder wachsen.

Skandale

In einigen Kasernen hat die Bundeswehr mit handfesten Skandalen zu kämpfen. So soll es etwa bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall (Bayern) zu Sex-Mobbing, Volksverhetzung und Verstößen gegen das Tierschutzgesetz gekommen sein. Im baden-württembergischen Pfullendorf berichten Soldaten von demütigenden Ritualen und sexuellen Übergriffen. Zudem informiert der Wehrbeauftragte etwa in seinem jüngsten Jahresbericht, dass es 2016 rund 60 meldepflichtige Ereignisse „mit Verdacht auf Extremismus oder Verstoß gegen die Grundsätze der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ gegeben habe - etwa mit antisemitischem oder ausländerfeindlichem Hintergrund.

Ausrüstung

Die Ausrüstung der Bundeswehr ist teils marode, teils veraltet und sorgte in den vergangenen Jahre für viel Spott. Für 2016 bescheinigte der Wehrbeauftragte der Bundeswehr gar eine „planmäßige Mangelwirtschaft“. Das Verteidigungsministerium verkündete ehrgeizige Pläne zur Truppensanierung für 130 Milliarden Euro bis 2030.

Mängel

Technische Pannen und explodierende Kosten machen bei Waffensystemen große Probleme. So ist zum Beispiel die Produktion des „Eurofighter“ weit verzögert, die Kosten des Kampfjets liegen mit mehr als 6,5 Milliarden Euro massiv über den ursprünglichen Plänen. Zudem waren 2016 Teile der Hubschrauber nur bedingt einsatzbereit - der „Sea Lynx“ im Schnitt zu 23 und der „NH90“ zu 31 Prozent. Das größte Sorgenkind ist das Transportflugzeug „A400M“ - rund neun Jahre ist dessen Auslieferung verzögert. Bislang besitzt die Bundeswehr acht von insgesamt 53 beim Hersteller Airbus bestellte Maschinen. Doch ist selbst deren Einsatz nicht uneingeschränkt möglich.

Einsätze

Deutschland beteiligt sich derzeit im Auftrag des Bundestages mit knapp 3300 Soldaten an internationalen Einsätzen - etwa bei der Friedenssicherung im westafrikanischen Mali oder auf dem Balkan. Daneben gibt es „einsatzgleiche Verwendungen“, die keiner Zustimmung des Parlaments bedürfen. Dazu gehören die Stärkung der Nato-Ostflanke im Baltikum oder die Bekämpfung von Schleppern in der Ägäis. Bei wachsenden Aufgaben in der Welt will Deutschland eine aktivere Rolle spielen. Viele stellen sich die Frage, ob die Truppe den Aufgaben gewachsen ist.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte mit Stichtag 16. Mai eine Durchsuchung der Kasernen nach Wehrmachtsandenken im Zuge der Affäre rund um den terrorverdächtigen Soldaten Franco A. angeordnet. Danach war zunächst von 41 gefundenen Andenken an die Wehrmacht die Rede. Diese 41 Meldungen bezogen sich dem aktuellen Schreiben zufolge auf das Meldeaufkommen im Zeitraum 26. April bis 12. Mai 2017 „auch mit Bezug zu Rechtsextremismus im weitesten Sinne beziehungsweise Munition/Waffen“. Die Opposition hatte im Ausschuss eine Auflistung der Gegenstände verlangt.

Franco A. hatte sich als syrischer Flüchtling ausgegeben. Der Offizier und ein weiterer Bundeswehr-Soldat stehen im Verdacht, einen Terroranschlag geplant zu haben. In seiner Kaserne in Illkirch bei Straßburg war ein Raum mit gemalten Wehrmachtssoldaten ausgeschmückt.

Von

dpa

Kommentare (3)

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Herr Stefan Nold

31.05.2017, 08:47 Uhr

Die Bundeswehr ist überflüssig. Sie dient nicht der Landesverteidigung, sondern sie ist eine Interventionsarmee und das widerspricht dem Grundgesetz. Die Jagd auf Wehrmachtsgegenstände ist jedoch hoch problematisch:

1. Was wurde durchsucht? Wie ich den Laden aus meiner Grundwehrdienstzeit vor knapp 40 Jahren kenne, wurden wahrscheinlich auch die Spinde untersucht. Im nachhinein wundert man sich, was man sich hat alles gefallen lassen. Wie man hört, geschahen die Durchsuchungen sogar in Abwesenheit der Soldaten. Behandelt man so Staatsbürger in Uniform? Privat ist privat. Punkt. Extreme Gesinnungen fallen ja im Gespräch auf, das ist doch kein Problem, das zu erkennen.

2. Offenbar wird hier die Gleichung aufgemacht Wehrmacht = Nazi. Das ist eine klare Geschichtsverfälschung. Sicher war die Wehrmacht meist williges und manchmal widerwilliges Werkzeug der Nazis. Man sollte die Geschichte aufarbeiten, dann aber mit all ihren Facetten. Ein Glorifizierung, wie es die US Army bis heute betreibt (eine Stunde AFN hören langt) - auch des Vietnam-Krieges mit Millionen unschuldiger Opfer, ist genauso falsch wie dieser Eiertanz, den unser Verteidigungsministerium derzeit betreibt.

3. Auch die Wehrmacht war Opfer. In Stalingrad hat Hitler knapp 1 Million Soldaten der 6. Armee erfrieren, verhungern und abknallen lassen. Weihnachten 1942 haben die halboten Soldaten von dem fetten Göring ihre eigene Leichenrede im Radio gehört.

4. Es gab unerträgliche Truppenführer (Paulus, Schörner etc.) - aber es gab auch andere, so z.B. Helmut Welz, der in seinem packenden Buch "Verratene Grenadiere" die Kämpfe um Stalingrad aus nächster Nähe schildert. Aus einem solchen Buch kann man viel lernen.

5. "Es gibt Befehle, die kann man verweigern - und es gibt Befehle, die muss man verweigern". Das haben uns damals unsere Ausbilder beim Bund in Staatsbürgerkunde beigebracht und das wurde in der Mannschaft lange diskutiert. Kommandeur unserer Division war damals ein gewisser Gerd Bastian. Geht doch

Herr Günther Schemutat

31.05.2017, 09:04 Uhr

Wie sieht es mit Soldaten aus ,die aus dem Osten kommen und dienen und sich Utensilien der Volksarmee in ihren Spinden aufhängen? Ist es also erlaubt einer Armee zu huldigen , die Flüchtende an der Grenze erschossen haben und in Tschechien mit den Russen einmarschiert sind .?

Aber zum Glück ist VDL bald weg, so was gehört auf die politische Müllkippe.

G. Nampf

31.05.2017, 09:12 Uhr

@ Stefan Nold 31.05.2017, 08:47 Uhr

"Es gab unerträgliche Truppenführer (Paulus, Schörner etc.) ...."

- Friedrich Paulus hat immerhin - gegen Hitlers Befehl- in Stalingrad kapituliert und somit etlichen Soldaten das Leben gerettet.

- Vor Erwin Rommel hatten sogar die gegnerischen Briten Respekt und hat die Attentäter von 20.. Juni nicht verraten, obwohl er in die Pläne eingeweiht war.

- Nicht zu vergessen die Attentäter von 20. Juni.

Ich halte es für richtig, mit den Überresten der Wehrmachtstradition aufzuräumen.

Die Frage ist nur:

Warum nicht 30 Jahre früher?

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