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21.04.2011

14:21 Uhr

Bundeswehrreform

Bundeswehr findet kaum Freiwillige

Dramatische Zahlen aus den Kreiswehrersatzämtern: Bisher interessiert sich nur ein Bruchteil der Wehrdienstfähigen für eine Karriere bei der Bundeswehr. Den Streitkräften fehlen noch bis zu 80 Prozent ihrer Rekruten.

Weniger als ein Prozent der potentiellen Rekruten zeigten auf Nachfrage der Kreiswehrersatzämter Interesse am freiwilligen Dienst in der Bundeswehr. Quelle: dapd

Weniger als ein Prozent der potentiellen Rekruten zeigten auf Nachfrage der Kreiswehrersatzämter Interesse am freiwilligen Dienst in der Bundeswehr.

BerlinVerheerende Freiwilligen-Zahlen der Kreiswehrersatzämter rütteln die Planer im Verteidigungsministerium auf: Nach Informationen des Handelsblatts zeigen nur etwa 0,6 Prozent der von den Kreiswehrersatzämtern angeschriebenen jungen Männern Interesse am Freiwilligen Wehrdienst bei der Bundeswehr.

Die Kreiswehrersatzämter hatten in den vergangenen Monaten 514.000 Männer im wehrtauglichen Alter angeschrieben und nach dem Interesse an einem Freiwilligen Wehrdienst gefragt. Von diesen antworteten lediglich 5900. Von diesen wiederum zeigten nur 3200 ein konkretes Interesse. Bisher hat die Bundeswehr bei ihren Planungen 15.000 Freiwillige Wehrdienstleistende pro Jahr einkalkuliert, um überhaupt einen geregelten Dienst aufrecht erhalten zu können.

Das Verteidigungsministerium sieht in den aktuellen Zahlen keinen Grund zur Sorge. „Wir müssen nicht in Panik verfallen“, sagte ein Ministeriumssprecher. Zum 1. März dieses Jahres hätten 1.255 junge Männer den freiwilligen Wehrdienst angetreten, zum 1. April seien es 1.494 gewesen. Nach einer ersten Anschreibeaktion der Kreiswehrersatzämter an 167.000 junge Männer im Januar und Februar habe es etwa 8.300 Interessenten gegeben, führte der Sprecher aus. Eine zweite Aktion, bei der im März und April 498.000 Männer kontaktiert worden seien, habe weitere 1.800 Rückmeldungen gebracht.

Der Ministeriumssprecher sagte, für eine endgültige Beurteilung des Interesses am freiwilligen Wehrdienst müsse die Änderung des Wehrrechts abgewartet werden, die zum 1. Juli in Kraft treten soll. Dann können die Kreiswehrersatzämter auch bei jungen Frauen für den freiwilligen Wehrdienst werben.

Die enttäuschende Resonanz dürfte die Zweifel an der Bundeswehr-Reform bestärken. Die damit verbundenen Sparmaßnahmen könnten zum Verlust der Bündnisfähigkeit und zu Gefahren für die nationale Sicherheit führen, warnt das Verteidigungsministerium laut "Bild"-Zeitung. Das Blatt berichtet unter Berufung auf ein internes Eckpunktepapier des Ministeriums über die möglichen Folgen der Bundeswehrreform. Darin heißt es demnach wörtlich: "Die ins Auge gefassten Einschnitte werden die Fähigkeit Deutschlands mit militärischen Mitteln zur nationalen und internationalen Sicherheitsvorsorge beizutragen, erheblich einschränken. Der deutsche Militärbeitrag wird weder der Rolle Deutschlands im Bündnis entsprechen, noch den nationalen Sicherheitsinteressen genügen. Diese Einschränkungen werden auf mittlere Sicht nicht reversibel sein."

Kommentare (9)

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Alfred_H

21.04.2011, 13:06 Uhr

Das zeigt wiedermal ganz deutlich, wie dumm unsere Politiker sind. Erst wird die Wehrpflicht abgeschafft und dann schaut man, ob überhaupt Ersatz dafür gefunden wird. Und welchem hochgelobeten Politiker verdanken wir diesmal das Chaos? So gesehen kommt bei mir der Verdacht auf, dass zu Gutti seine gefälschte Dr.-Arbeit selbst ins Rampenlicht und in die Medien gerückt hat. Damit konnte er dann einen schnellen Abgang machen, bevor wiedermal eine Reformlüge aufgedeckt wird und schnellsten nachgebessert werden muss. Hochrangige Militärangehörige haben schon lange auf die drohende Misere hingewiesen. Da haben sich die Berliner Berufslügner aber schon in ihre Idee so sehr verliebt und sich so selbst beglückwünscht, dass sie für fachliche Einwände kein offenes Ohr mehr hatten. Also alles wie immer!

Paul

21.04.2011, 14:34 Uhr

Die Bundeswehr braucht nicht mehr Rekruten, sondern mehr Effizienz.

"Wir haben heute eine relativ große Armee; allerdings sind von den 250.000 Soldaten auf dem Papier faktisch nur maximal 8000 einsatzbereit. Mehr kann man zum Beispiel gar nicht gleichzeitig in Auslandseinsätze schicken. Das ist bitter wenig." (Hans Heinrich Driftmann, Vizevorsitzender der Expertenkommission zur Reform der Bundeswehr, 2010)

Es ist ein absolutes Unding, für ein derart ineffizentes System jährlich 30 Milliarden Euro auszugeben. Eine drastische Verkleinerung, verbunden mit Kosteneinsparung, Effizienzsteigerung, europäischer Aufgabenteilung und Fokussierung auf den Auslandseinsatz als einziger verbliebener Aufgabe sind zwingend erforderlich für die Umstellung auf eine Bundeswehr, bei der der Steuerzahler einen angemessenen Gegenwert für sein Geld erhält.

Thomas-Melber-Stuttgart

22.04.2011, 01:21 Uhr

Grundsätzlich sind natürlich alle 250.000 Mann einsatzfähig und einsatzwillig. Daß allerdings für die Bewältigung der aktuellen Aufträge und Einsatzszenarien mindestens sechs Jägerbataillone fehlen ist ein offenes Geheimnis.

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