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20.08.2016

12:36 Uhr

„Bureaucrazy“ lichtet Behörden-Dschungel

Flüchtlinge entwickeln App für deutsche Bürokratie

Formulare ausfüllen, Belege anfügen, am richtigen Schalter einreichen: Wer sich in der deutschen Bürokratie nicht auskennt, verzweifelt schnell. Flüchtlinge haben nun eine App entwickelt, die Leidensgenossen helfen soll.

Omar Alshafai (l.) und Ghaith Zamrik waren an der Entwicklung der App beteiligt. Flüchtlinge sich mit ihrer Hilfe besser im deutschen Behörden-Dschungel zurechtfinden. AFP; Files; Francois Guillot

App für Flüchtlinge

Omar Alshafai (l.) und Ghaith Zamrik waren an der Entwicklung der App beteiligt. Flüchtlinge sich mit ihrer Hilfe besser im deutschen Behörden-Dschungel zurechtfinden.

Berlin„Ich kannte niemanden, konnte kein Deutsch – ich wusste nicht mal, wo der Lidl ist!“, sagt Munzer Khattab lachend. Seit seiner Ankunft in Berlin im April 2015 hat der 23-jährige Syrer stundenlang auf Ämtern gewartet, unzählige Formulare mühsam übersetzt und ausgefüllt und ist sieben mal umgezogen.

Wie ihm geht es vielen Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen: Registrierung bei Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), Gang zu Ausländerbehörde, Jobcenter und Bürgeramt, Kranken- und Rentenversicherung – gefühlte tausend Formalitäten verketten sich zu einem scheinbar undurchdringbaren Wirrwarr an Bürokratie, angesichts dessen sich wohl auch mancher die Haare raufen würde, der der deutschen Sprache mächtig ist.

Munzer hat den Hindernisparcours durch die deutsche Bürokratie nach mehr als einem Jahr so gut wie überstanden – und nun hat er die Vision, dass es für Flüchtlinge in Zukunft ein bisschen einfacher wird. Er gehört mit fünf weiteren syrischen Flüchtlingen zu den Entwicklern von „Bureaucrazy“, einer App, die Neuankömmlingen in Deutschland den Weg durch den Behördendschungel weisen soll.

Geboren wurde die Idee zu „Bureaucrazy“ in der ReDi-School of Digital Integration. Das nicht profit-orientierte Berliner Start-up bietet seit Februar Programmier-Kurse für Flüchtlinge an. Hier haben Munzer und sein Bruder Mohammad Omar, Ghaith, Yazan und Ahmad kennengelernt und schnell festgestellt, dass die Komplexität der deutschen Verwaltung mit ihrer Vielzahl an Ämtern, Formularen und nicht zuletzt dem Beamtendeutsch für sie alle eine große Herausforderung war.

Etappen der Flüchtlingskrise

25. August 2015

Deutschland setzt das Dublin-Verfahren für Syrer aus. Es sieht die Rückführung von Flüchtlingen dorthin vor, wo sie zuerst EU-Boden betraten.

31. August 2015

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nennt die Bewältigung des Flüchtlingszustroms eine „große nationale Aufgabe“ und beteuert: „Wir schaffen das.“

5. September 2015

Deutschland und Österreich entscheiden, Tausende Flüchtlinge und Migranten aufzunehmen, die in Ungarn gestrandet sind. Bei der Ankunft in Deutschland werden sie bejubelt. CSU-Chef Horst Seehofer fühlt sich übergangen und warnt vor Überforderung.

23. September 2015

Die EU-Staats- und Regierungschefs beschließen, die Hilfen zu erhöhen und 160.000 Flüchtlinge auf die Mitgliedsländer zu verteilen. Eine große Entlastung für Deutschland bleibt aus.

24. September 2015

Der Bund stockt die Hilfe für Flüchtlinge an Länder und Gemeinden massiv auf.

15. Oktober 2015

Der Bundestag beschließt ein neues Asylrecht. Albanien, Kosovo und Montenegro werden zu sicheren Herkunftsländern. Asylbewerber sollen möglichst nur Sachleistungen erhalten.

5. November 2015

Die Koalition verständigt sich auf besondere Aufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge mit geringen Bleibechancen. Zudem wird eine zweijährige Aussetzung des Familiennachzugs bei Flüchtlingen mit niedrigerem Schutzstatus beschlossen.

20. November 2015

Auf dem CSU-Parteitag in München lehnt Merkel die CSU-Forderung nach einer Obergrenze für die Zuwanderung strikt ab.

9. März 2016

Nach Slowenien, Kroatien und Serbien schließt auch Mazedonien seine Grenze für Flüchtlinge und andere Migranten. Damit ist die Balkanroute faktisch dicht, über die 2015 mehr als eine Million Menschen nach Deutschland und Österreich gekommen waren.

18. März 2016

Die EU und die Türkei einigen sich darauf, Migranten, die illegal in Griechenland ankommen, in die Türkei zurückzuschicken. Im Gegenzug soll für jeden zurückgenommenen Syrer ein anderer Syrer legal und direkt von der Türkei aus in die EU kommen.

4. April 2016

Die Rückführung von Flüchtlingen und anderen Migranten von Griechenland in die Türkei sowie die Umsiedlung von Syrern aus der Türkei in die EU beginnt.

4. Mai 2016

Die EU-Kommission will Flüchtlinge gerechter verteilen. Wie viele ein Land aufnehmen muss, soll von Größe und Wirtschaftskraft abhängen. EU-Staaten, die bei dem System nicht mitmachen, sollen 250.000 Euro pro Flüchtling zahlen.

12. Mai 2016

Die EU verlängert die Erlaubnis für vorübergehende Grenzkontrollen im eigentlich passkontrollfreien Schengen-Raum.

13. Mai 2016

Der Bundestag erklärt Tunesien, Algerien und Marokko zu sicheren Herkunftsländern. Die notwendige Zustimmung des Bundesrates bleibt zunächst aus.

22. Juni 2016

Die EU einigt sich im Grundsatz auf eine gestärkte gemeinsame Grenzschutzagentur und Küstenwache. Die bestehende EU-Grenzschutzagentur Frontex soll in der neuen Behörde aufgehen.

13. Juli 2016

Die EU-Kommission will schärfer gegen Asylmissbrauch vorgehen. Wer nicht mit den Behörden des Aufnahmestaates zusammenarbeitet, müsse mit einer Ablehnung rechnen.

Dem Motto der ReDi-School „learn and apply“ folgend, sollen die Schüler die hier erlernten Fähigkeiten unmittelbar anwenden und unterstützt von ehrenamtlichen Mentoren technische Lösungen für ihre eigenen Probleme finden. „Bureaucrazy“ ist eines dieser Projekte. Wenn sie fertig ist, soll die App drei Funktionen haben: Übersetzung von Formularen ins Englische oder Arabische, Schritt-für-Schritt Erklärungen für bestimmte bürokratische Abläufe sowie Karten, die Neuankömmlingen den Weg zu den richtigen Ämtern weisen.

Bis vor einem halben Jahr hatten Munzer und die anderen jungen Syrer noch kaum Programmierkenntnisse. In seiner Heimatstadt Latakia hatte Munzer zwei Jahre Architektur an der Tichrin-Universität studiert. Sein Blick wird ernst, als der junge Mann von seinen Eltern und jüngeren Brüdern erzählt, die noch im vom Bürgerkrieg weitgehend zerstörten Syrien sind. Doch spricht er von seiner Arbeit an „Bureaucrazy“, lacht er alle Sorgen weg, seine dunklen Augen leuchten und er klopft sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel, als wolle er sich selbst anfeuern. Man kann sich in diesem Moment vorstellen, wie viel ihm daran liegt, „Bureaucrazy“ zu verwirklichen.

Schon vor seiner Fertigstellung erntet das Projekt großes Lob. Im Juni wurde es mit dem 1. Preis des von der Europäischen Kommission und Facebook gesponserten Events „Start-Up Europe Summit“ ausgezeichnet. Seitdem haben die jungen Syrer viel positives Feedback bekommen. „Sogar meine Mentorin im Jobcenter hat gesagt, dass wir das unbedingt machen sollen“, erzählt Munzer stolz. „Das war eine riesige Motivation: wenn selbst die, die für uns das Problem darstellen, glauben, dass wir eine Lösung haben!“

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