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11.01.2015

09:58 Uhr

Cannabis legalisieren?

„Kiffen macht nicht glücklich. Nicht-Kiffen auch nicht“

VonLaura Waßermann

15 Millionen Menschen im Alter von 15 bis 34 Jahren rauchen Joints. Europaweit. Doch der Konsum von Cannabis ist fast überall illegal. Würde die Freigabe weicher Drogen den Süchtigen helfen? Ein Ex-Kiffer nimmt Stellung.

Cannabis: legalisieren oder nicht? Diese Frage stellen sich nicht nur Aktivisten. Auch in der Politik fängt die strukturkonservative Meinung an zu bröckeln. Getty Images

Cannabis: legalisieren oder nicht? Diese Frage stellen sich nicht nur Aktivisten. Auch in der Politik fängt die strukturkonservative Meinung an zu bröckeln.

DüsseldorfEs fing harmlos an. Mit 16 Jahren hat Kai das erste Mal gekifft, erstmal nur am Wochenende. Dann irgendwann zuhause. „Videospiele, TV und paffen“, erzählt der heute 25-Jährige.

Kai, der in Wirklichkeit anders heißt und anonym bleiben will, ist Student und hat vor vier Monaten aufgehört, Joints zu rauchen. Endgültig, wie er sagt. Nach neun Jahren Teufelskreis. „Kiffen macht nicht glücklich, Nicht-Kiffen aber auch nicht.“ Der Konsum habe ihm zuletzt zu viel Zeit, Kraft und Geld geraubt, um nach etwas zu suchen, was ihn glücklich machen kann. Deshalb zog er einen Schlussstrich.

In den 70er Jahren war Marihuana eine der Trend-Drogen, der Konsum stand für Freiheit und Frieden. Rund 40 Jahre später ist Cannabis immer noch illegal, gilt vielmehr als Schmuddel-Droge für Leute auf dem Abstellgleis. Ein veraltetes Bild? Erst kürzlich forderte der Grünen-Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek, die Droge zu legalisieren und mit einer Steuer von 50 Prozent zu belegen.

Wissenswertes zu Cannabis

Was ist Cannabis eigentlich?

Cannabis ist ein Sammelbegriff für alle Rauschgiftdrogen der Sorte Hanf. Die Hauptwirkstoffe, die aus der Hanfpflanze gewonnen werden, heißen Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabinoid (CBD). Die Bestandteile haben eine berauschende sowie eine schmerzlindernde Wirkung.

Unterschied zwischen Marihuana und Haschisch

Nicht jedes Gras ist auch grün. Marihuana, auch bekannt als Gras wird aus den getrockneten Blüten und Blättern der Cannabispflanze gewonnen. Hingegen entsteht Haschisch aus dem Harz der weiblichen Hanfpflanze. Haschisch hat einen höheren Wirkstoffgehalt als Marihuana.

Veraltetes Gesetz

Cannabis fällt in Deutschland genauso wie andere Rauschgiftdrogen unter das Betäubungsmittelgesetz. Im Jahr 1925 wurden die ersten Regeln zu Cannabis gesetzlich festgehalten, wobei diese 1994 zum letzten Mal überarbeitet wurden. Vor 20 Jahren also. Allerdings hat das Verfassungsgericht Köln erst im Juli den „Heimanbau“ von Marihuana zu medizinischen Zwecken erlaubt. Das gilt in der Hanf-Szene als ein Paukenschlag in der Legalisierungsdebatte.

Ausnahmen

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat 300 Leuten in Deutschland die Genehmigung erteilt, getrocknete Cannabisblüten über Apotheken zu beziehen. Natürlich nur, wenn der Konsum schmerzlindernde Gründe hat. Die Krankenkassen beteiligen sich jedoch bisher nicht an solchen Ausnahmen.

Wer stellt legales Cannabis her?

Nicht viele Firmen dürfen in Deutschland legales Cannabis produzieren. In Frankfurt gibt es beispielsweise das Pharmaunternehmen THC Pharm.

Cannabis vs. Alkohol

In Europa geben sich laut dem Europäischen Drogenbericht 2013 mittlerweile mehr als 100.000 Menschen in eine Therapie, die Cannabis als Leitdroge angeben. Hingegen gelten circa 1,3 Millionen Deutsche als alkoholabhängig. Mehr als neun Millionen Menschen konsumieren hierzulande Alkohol in schädlicher Form.

Tabak

Tabak ist der am meisten verbreitete Suchtstoff in Deutschland. Das steht im Drogenbericht der Bundesregierung. Von Tabak sind rund 5,6 Millionen Deutsche süchtig.

Der Görlitzer Park in Berlin

Einer der größten Brennpunkte in Deutschland ist der Görlitzer Park in Berlin. Dort sind Gewalt und polizeiliche Einsätze an der Tagesordnung und die Medien überschlagen sich vor Neuigkeiten über den Schauplatz des illegalen Drogenhandels. Erst im September wurde er von der Berliner Morgenpost als „Kriminalitätsschwerpunkt“ bezeichnet. Als Reaktion auf zunehmende Kriminalität hat die Berliner Polizei härter durchgegriffen und die Präsenzkontrollen im Park verstärkt, weshalb laut des Tagesspiegels erste Verbesserungen zu bemerken seien.

Legal Highs

In den vergangenen Jahren kamen die sogenannten „Legal Highs“ in Mode. Das sind Kräutermischungen, in denen legale Inhaltsstoffe sind, die genauso rauschend wirken sollen, wie die der Cannabis-Pflanze. Diese Stoffe heißen „Research Chemicals“ und fallen unter das Arzneimittelgesetz. Im Internet sind diese Kräutermischungen auf zahlreichen Online-Seiten erhältlich.

Für knapp 60 Euro für neun Gramm erhält man dann Produkte mit Namen, wie „Alians“ oder „Vulkan“. Diese werden von den Betreibern dieser Webseiten als „100% legal“ angepriesen. Fragwürdig sind die Legal Highs in jedem Fall; nicht zuletzt, weil man fast immer mit der Bestellung seine Volljährigkeit bestätigt. Kontrolliert wird das nicht.

Wie gefährlich diese synthetisch hergestellten Stoffe in Wirklichkeit sind und ab welcher Menge der Besitz und Handel künstlicher Cannaboide strafbar sein soll, will der Bundesgerichtshof laut Informationen der Nachrichtenagentur dpa am 14. Januar 2015 entscheiden.

In Europa gibt es mehr als 15 Millionen Cannabis-Konsumenten im Alter von 15 bis 34 Jahren. Laut dem Europäischen Drogenbericht ist auch jeder vierte Erwachsene schon einmal in Kontakt mit Cannabis oder anderen Drogen gekommen. Das Durchschnittsalter beim Erstkonsum liegt bei 16, mit 25 Jahren fängt der Durchschnittskiffer eine Therapie an.

Ob Kai süchtig ist von Marihuana? Er sagt „Ja“ und zieht den Vergleich zum trockenen Alkoholiker: Er ist süchtig und er bleibt es. Dennoch ist der 25-Jährige zuversichtlich, dass er abstinent bleibt. Ohne Therapie.

In Sachen Marihuana scheint es in der Gesellschaft zwei Positionen zu geben: Entweder wird die Wirkung heruntergespielt, mit dem Tenor, Gras sei ja nicht so schlimm. Oder jeglicher Konsum, auch gelegentlicher Genuss, wird als dramatisch empfunden.

Laut Studien gibt jeder zweite Drogenabhängige an, durch Cannabis auf andere Drogen aufmerksam geworden zu sein. Ein Argument vieler Gegner in der Cannabis-Legalisierungsdebatte.

Wie die Bundesregierung 2015 darauf reagieren will, dazu hat Drogenbeauftragte Marlene Mortler eine klare Meinung: „Die aktuelle Diskussion zeigt, dass die bestehenden Gefahren und negativen Auswirkungen ausgeblendet werden.“ Es dürfe ihrer Meinung nach nicht der Eindruck erweckt werden, „ein bisschen Kiffen wird schon nicht schaden. Die gesundheitlichen Risiken gerade für Jugendliche und junge Erwachsene sind leider viel zu groß, um dies den Cannabis-Befürwortern widerspruchslos durchgehen zu lassen.“ Das ganze Interview lesen Sie in der Kurztextgalerie.

Marlene Mortler sagt „Nein“ zur Legalisierung

Welche Droge halten Sie für die gefährlichste?

„Jede Droge und jede Sucht kann gefährlich werden. Daher warne ich vor den Gefahren des riskanten Umgangs mit legalen Suchtmitteln wie Alkohol und Tabak ebenso, wie vor dem Konsum von Crystal Meth, Heroin oder anderen hochgefährlichen illegalen Drogen. Wir sollten nicht den Fehler machen, die eine gegen die andere Droge auszuspielen. Denn demjenigen, der von einer Abhängigkeit betroffen ist, ist es völlig egal von welcher Substanz er dies ist.“

Pro und Contra zur Legalisierung von Cannabis?

„Cannabis ist eine berauschende Substanz, deren Missbrauch gesundheitsgefährdend ist. Als Drogenbeauftragte ist es meine Aufgabe, auf die bestehenden gesundheitlichen Risiken hinzuweisen. Besonders für Jugendliche dürfen die psychischen Risiken nicht unterschätzt werden, da sich der Cannabiskonsum negativ auf die noch nicht abgeschlossene Entwicklung auswirken kann.

Grundsätzlich gilt für mich, dass die Legalisierung einer illegalen Drogen aus gesundheitspolitischer Sicht nicht zu verantworten wäre, da hiervon ein fatales Signal, insbesondere an Kinder und Jugendliche ausgehen würde. Als Drogenbeauftragte sehe ich die Diskussion aus gesundheitspolitischer Sicht. Und der Missbrauch von Cannabis hat insbesondere bei jungen Menschen erhebliches Gefahrenpotential. Die Zahlen aus der Suchthilfe sprechen eine deutliche Sprache. Cannabiskonsum ist der Grund Nummer Eins, warum junge Menschen eine Suchtberatungsstelle aufsuchen.“

Wie will die Bundesregierung auf die Debatte reagieren?

„Die Diskussion wird mir – beabsichtigt oder nicht – zu sehr aufs Strafrecht und Verbote reduziert. Gerade in Deutschland verfolgen wir einen starken gesundheitspolitischen Ansatz, d.h. einen Mix aus Prävention, Beratung und Behandlung sowie Schadensbegrenzung und Repression. Es gibt z.B. das Prinzip von Hilfe statt Strafe, das Prinzip Therapie statt Strafe. Und im Übrigen gelten teilweise sehr großzügige Eigenbedarfsmengen für Cannabis wie in Berlin. Und gerade hier haben wir mehr Probleme. Wir müssen also weiterhin alles daran setzen, deutlich aufzuklären.

Einige Legalisierungsbefürworter betreiben das Gegenteil, sie verklären. Denn die aktuelle Diskussion zeigt, dass die bestehenden Gefahren und negativen Auswirkungen ausgeblendet werden. Es darf gerade bei jungen Menschen nicht der Eindruck erweckt werden, ein bisschen Kiffen wird schon nicht schaden. Die gesundheitlichen Risiken gerade für Jugendliche und junge Erwachsene sind leider viel zu groß, um dies den Cannabis-Befürwortern widerspruchslos durchgehen zu lassen. Darum setze ich mich als Drogenbeauftragte für die Beibehaltung der bisherigen Rechtslage ein.“

Cannabis als Medizin?

„Mir ist eins wichtig: Wenn wir den Einsatz von Cannabis als Medizin zulassen, dann im Sinne der Patientinnen und Patienten, die sich davon Hilfe erhoffen. Dies darf jedoch nicht dazu führen, dass noch mehr illegale und gesundheitsgefährdende Drogen zur Verfügung stehen. Beim Thema Cannabis als Medizin sind wir dabei, neue Wege zu finden, wie wir den berechtigten Hoffnungen der Schwerstkranken nachkommen können. Ich setze mich dafür ein, einen sicheren rechtlichen Rahmen für einen breiteren Einsatz von Cannabis in der Medizin zu finden.“

Warum ist der Bund gegen die Legalisierung anstatt an der Umsetzung zu arbeiten?

„Deutschland unterscheidet sich maßgeblich von Staaten, die das Drogenproblem nur mit polizeilichen oder militärischen Mitteln bekämpfen. Insofern ist auch die oft benutzte Überschrift 'Krieg gegen Drogen' in Deutschland vollkommen verfehlt. Wer sich für gesundheitliche Aufklärung einsetzt, der wird erkennen, dass es besser ist, junge Menschen stark zu machen und ihnen nicht die vermeintliche Harmlosigkeit einer Droge einzureden. Daher setze ich voll auf begleitende Prävention. Dafür stellen wir in diesem Jahr Haushaltsmittel von einer halben Million Euro zusätzlich für das Projekt 'Klasse2000' bereit. Da ist ein wichtiger und erfolgversprechender Ansatz.“

Haben Sie selbst mal einen Joint geraucht?

„Nein. Und ich habe es auch nicht vor.“

Weiter würde Mortler eine Legalisierung für „ein fatales Signal“ halten: „Cannabiskonsum ist der Grund Nummer Eins, warum junge Menschen eine Suchtberatungsstelle aufsuchen.“

Kommentare (6)

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Heinz Paluschke

12.01.2015, 12:22 Uhr

„Die aktuelle Diskussion zeigt, dass die bestehenden Gefahren und negativen Auswirkungen ausgeblendet werden.“ Etwa so, wie die bestehenden Gefahren, negativen Auswirkungen und nachweisliche Wirkungslosigkeit der Cannabis-Prohibtion, seitens der Hanf-Gegner immer ausgeblendet werden?

Heinz Paluschke

12.01.2015, 13:12 Uhr

"Die deutsche Justiz muss jedes Jahr rund eine Viertelmillion Rauschgiftdelikte verfolgen. Davon ist jede vierte Gras-Sünde ein Konsumentendelikt."

Woher stammen denn diese Zahlen? Der Link ist nämlich tot. Und überall sonst kann man nach kurzer Recherche lesen, von den jährlich etwa 250.000 Strafverfahren aufgrund von Verstößen gegen das BtmG hier, entfielen um die 55% allein auf konsumnahe Cannabis-Delikte. Das heißt ja, in mehr als der Hälfte ALLER BtmG-Fälle, mit denen sich Polizei, Drogenfahndungen, Staatsanwaltschaften und Strafgerichte hierzulande beschäftigen - bezahlt vom Steuerzahler, nebenbei bemerkt - geht es nicht etwa um den bösen Drogen-Dealer oder irgendwelche Drogenbarone, Bandenchefs, etc., sondern um einfache, kleine Kiffer, die geringe Mengen Cannabis gekauft, besessen, oder für den Eigenbedarf angebaut haben. Steht das etwa in irgendeinem vernünftigen Verhältnis zur relativen Gefährlichkeit von Cannabis? Sollten sich die Beamten nicht eher um "richtige" Kriminelle kümmern, die anderen Menschen Schaden zufügen und nicht bloß sich selbst?

Die Verbreitung des Cannabis-Konsums sinkt ja auch noch nicht mal. Strafverfolgung hat nachweislich keinen Einfluss auf die Verbreitung des Cannabis-Konsums.

Diesen armen Kai, und andere Einzelfälle wie ihn, welche an psychischen Problemen leiden und deshalb schon keine Drogen konsumieren sollten, hat die Prohibition ja auch nicht abhalten können. Und würden Konsumenten nicht dermaßen stigmatisiert und obendrein noch strafrechtlich verfolgt, hätten Menschen wie er sicher auch keine so großen Hemmungen, sich Probleme einzugestehen und rechtzeitig in Behandlung zu begeben. Ich habe jedenfalls noch nie davon gehört, dass eine Strafanzeige jemanden von seinen psychischen Problemen befreit hätte. Eher ganz im Gegenteil. André Schulz, Vorsitzender des BDK, selbstkritisch dazu in einem Interview: „Wir als Polizei vergeben den Stempel ,Drogenkrimineller‘. Es gibt Karrieren in diesem Bereich, die wir selber schaffen."

Heinz Paluschke

12.01.2015, 20:11 Uhr

"15 Millionen Menschen im Alter von 15 bis 34 Jahren rauchen Joints. Europaweit"

Wie viele Menschen über 34 rauchen denn hier in Europa Joints? Und wie viele rauchen Pfeife oder konsumieren Cannabis oral, in Form von Gebäck z.B. ?
Wie viele Cannabis-Patienten gibt es in Europa, oder speziell hier in Deutschland? Und welche Krankheiten werden da genau, mit welchen Produkten der Cannabis-Pflanze, wie behandelt?

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